Wir schimpfen wieder. Auf die Bahn , weil sie zu wenig Reservezüge für die kalten Tage hat; auf die Stadtreinigung, weil sie nicht genügend Streusalz und Räumfahrzeuge aufbieten kann; auf die Reifenhändler, weil sie nicht mehr jede Dimension der Winterpneus liefern können; auf die Textilhändler, weil gängige Größen bei Daunenjacken (aus China) ausverkauft sind.

So viel Versagen, so viel Missmanagement habe es nie gegeben, hört man es an Stammtischen und in Redaktionen grummeln.

Früher war es besser? Häufig spielt uns die Erinnerung einen Streich. Auch früher hatte der Winter Nebenwirkungen.

Gleichwohl hat sich die Industriegesellschaft verändert. Mehr Menschen sind extrem mobil. Sie erwarten, dass sie jederzeit spontan und preisgünstig den Ort wechseln können. Und auch die Industrie ist mehr denn je auf Mobilität angewiesen. Seit den neunziger Jahren hat sich unsere Wirtschaft der schlanken Produktion verschrieben. Viele Teile für die Produktion werden just zur Verarbeitung geliefert, Lagerhaltung gilt als Verschwendung. Diese Art von Effizienzgedanken hat auch halbstaatliche und staatliche Unternehmen wie die Bahn oder die Stadtreinigung erfasst. Die von uns gewählten Entscheider wollten es so.

Alle Mobilitäts- und Versorgungssysteme sind heute auf Effizienz zum möglichst niedrigen Preis getrimmt. Die Bahn soll Gewinne erzielen – aber Reserveloks und Waggons, die 11 Monate im Jahr herumstehen, kosten Geld. Die Städte und Gemeinden müssen sparen. Viele milde Winter lang rosteten die Räumfahrzeuge vor sich hin, und das Streugut verstopfte die Bauhöfe. Da haben die Kämmerer solche Brocken in ihren Etats reduziert. Anders geht es auch gar nicht: Ein Unternehmen, das sich große Lagerbestände leistet, fällt hinter der Konkurrenz zurück und wird vom Finanzmarkt bestraft; eine hoch verschuldete Kommune wird eventuell unter Landeskuratel gestellt.

Schnee und Eis zeigen uns die Kosten der Entwicklung. Das ganze Jahr über vertrauen wir auf unser Auto, für längere Strecken aufs Flugzeug. Doch wenn das Wetter nicht mitspielt, soll es die Bahn richten, sie hat uns gefälligst mit schönen warmen Sesseln zur Verfügung zu stehen. Viele Autofahrer glaubten, sie brauchten keine Winterreifen, obwohl die Pflicht zur richtigen Bereifung schon vergangenen Winter ein großes Thema war. Jetzt jammern die ewig Knausrigen, dass sie teure Aufpreise zahlen müssen. 

Eins haben wir jetzt gelernt: Unser auf Effizienz zu geringen Kosten getrimmtes System verträgt keine Störungen. Soll es dafür gewappnet sein, müssen wir Redundanzen einbauen, Prozesse entschleunigen. Das ist teuer. Solange noch Schnee liegt, ist es die beste Zeit, sich darüber klar zu werden. Sonst ist es beim nächsten Mal wieder alles nicht recht.