Finanzminister Josef Pröll lieferte während seiner Budgetrede Ende Dezember wieder einmal ein beredtes Beispiel für die Politikverweigerung, welche die österreichischen Volksvertreter auch im vergangenen Jahr heimsuchte. "Alle reden von der Verwaltungsreform, wir leben sie", tönte der Minister vom Rednerpult. Nichts anderes als eine hohle Phrase. Manchem Zuhörer musste dieser Stehsatz wie eine glatte Verhöhnung vorgekommen sein, die meisten sahen darin wohl nur einen weiteren Beleg für das Bestreben der Politik, klare Antworten zu verweigern.

Wer rechnet denn wirklich noch damit, dass die Regierung eine Verwaltungsreform in Angriff nimmt, das Gesundheitswesen verschlankt oder einen tief greifenden Umbau des Bildungssystems auf den Weg bringt? Kaum jemand.

Zu groß sind die Abhängigkeiten der hohen Politik von der jeweiligen Parteiräson, zu verlockend machtstrategische Geplänkel. Präzise Auskünfte darf man sich von den Akteuren in der ersten Reihe offenbar nicht mehr erwarten. Gemeinsam mit dem Wiener Beratungsunternehmen Kovar & Köppl hat die ZEIT daher wie in den vergangenen Jahren eine Reihe von Experten aus Politik und Wirtschaft, deren Vorschläge unbeeinflusst von kurzfristigen politischen Trends sind, zur Zukunft des Landes befragt.

Die Antworten und Einschätzungen wurden in der aktuellen, mittlerweile fünften Auflage der Arena-Analyse zusammengefasst. Im Hinblick auf die politische Großwetterlage am Beginn des Jahres 2011 kreisten die Fragen um das Grundthema Politikversagen.

Mit den Antworten will Geschäftsführer Andreas Kovar vorhandene Ideen für Lösungen sammeln und zugänglich machen, "schließlich hat niemand etwas davon, wenn wir in der Jammerei stecken bleiben". Die wichtigste Botschaft der Arena-Analyse: Die befragte Elite will sich mit der Stagnation in Regierung und Verwaltungsapparat nicht abfinden, teilweise ist aus den Antworten sogar Groll gegen die herrschenden Verhältnisse herauszulesen. Das hermetische System der Politik, darin sind sich die meisten einig, brauche dringend Unterstützung von außerhalb.

Die Kluft zwischen Volksvertretern und Wählern wird größer

Die Befragten denken dabei allerdings nicht in erster Linie an mehr direkte Demokratie. Die Verantwortungsträger aus Wirtschaft und Gesellschaft nehmen auch sich selbst in die Pflicht: Sie skizzieren, wie neue Kanäle für den Wissenstransfer von der Zivilgesellschaft zu den Berufspolitikern aussehen könnte, der derzeit unterbrochen sei. Mehrere Teilnehmer der Arena-Analyse bemängeln, es gebe in Österreich keine Denkfabriken mehr, was dazu führe, dass die Parteien intellektuell völlig ausgetrocknet seien. Sie fordern eine Finanzierung solcher Thinktanks. "Solange sie Ideen und Vorschläge liefern, können die sogar parteinah sein", meint gar ein Befragter.

Auch die Arbeitsweise in den Ministerien wird vielfach kritisiert. Das professionelle Niveau der Politik sei, wie man zuletzt bei den Budgetverhandlungen gesehen habe, weiter gesunken. Einem Befragten zufolge sei dafür das gestörte Verhältnis verantwortlich, das zwischen den politischen Funktionären und dem bürokratischen Apparat herrsche. Die dazwischengeschalteten Büros "sind offenbar nicht mehr in der Lage, Expertisen an die politische Ebene weiterzugeben", so die Meinung des nachdenklichen Beobachters.