Es ist eine Wahl zwischen Pest und Cholera, und die Automobilindustrie scheint sich für die Pest entschieden zu haben. Zum 1. Januar ist die EU-Direktive in Kraft getreten, wonach neue Fahrzeugtypen nicht mehr genehmigt werden dürfen, wenn ihre Klimaanlagen mit dem bisher üblichen, aber enorm umweltschädlichen Kältemittel namens R134a ausgestattet sind. Es gibt eine Alternative. Doch nachdem deren Einsatz zunächst als Allheilmittel propagiert wurde, sind inzwischen so viele Details über Risiken bekannt, dass die Autobauer die Ablehnung der Kunden fürchten müssen. Also wird sich sehr wahrscheinlich erst einmal gar nichts ändern und R134a die Erdatmosphäre weiter aufheizen. Offiziell sagt das zwar keiner der Autobauer. Beim Verband der Automobilindustrie in Berlin rät Sprecher Eckehart Rotter, man solle sich nicht »von Gerüchten locken lassen«. Doch ein Branchenkenner, der nicht genannt werden will, spricht von »Panik« bei den Herstellern.

Wolfgang Plehn vom Umweltbundesamt steht nicht eben im Verdacht, haltlosen Spekulationen auf den Leim zu gehen. Er schaut sich die Anträge auf Typenzulassungen beim Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg an und stellt fest, dass Tausende noch im alten Jahr bearbeitet wurden – also bevor die neue Richtlinie in Kraft gesetzt wurde. In einer Umfrage unter den 35 weltweit führenden Autoherstellern fand auch die Deutsche Umwelthilfe laut Bundesgeschäftsführer Jürgen Resch »kein einziges Fahrzeug, in dem 2011 das neue Mittel zum Einsatz kommen soll. Die Autoindustrie versucht, die Beschreibungen der neuen Modelle so zu formulieren, dass die EU-Bestimmung nicht zum Tragen kommt. Das sind Taschenspielertricks, weil so die Direktive unterlaufen wird.« Und bei Honeywell, dem US-Konzern, der gemeinsam mit dem Konkurrenten DuPont das Nachfolgemittel für R134a entwickelte, will man keine Angaben über Bestellmengen oder auch nur die Produktionskapazität machen. Nur so viel: Die Produktionsanlage in China werde im vierten Quartal 2011 in Betrieb gehen, sagt Honeywell-Sprecherin Sabine Chmielewski. Also frühestens neun Monate nach Inkrafttreten der EU-Bestimmung. Die Hersteller haben sich eine Übergangszeit bis 2017 ausbedungen.

Nimmt man R1234yf, wie die technische Bezeichnung des neuen Kältemittels lautet, unter die Lupe, mag man den Autobauern ihre Zurückhaltung nicht verdenken. Denn dabei handelt es sich um ein brandgefährliches Gemisch. Bei Kontakt mit Feuchtigkeit und Hitze entsteht Fluorwasserstoffsäure, im Volksmund auch Flusssäure genannt. Sie kann schwere Verätzungen verursachen und sich durch die Haut bis auf die Knochen fressen.

Schon kleine Mengen reichen aus, um einen Menschen zu töten. Gelangt das Kühlmittel bereits durch Vibrationen bei normalem Fahrbetrieb in die Umwelt, besteht – das haben unabhängige Tests bewiesen – bei einem Auffahrunfall akute Gefahr sowohl für die Fahrzeuginsassen als auch für die Rettungskräfte, die einen Brand mit Löschwasser bekämpfen wollen.

Honeywell drohte Kritikern mit einer Klage wegen Geschäftsschädigung. Es geht immerhin um einen Milliardenmarkt. Dass der mit Stäben von Juristen ausgestattete Konzern es bei der Drohung beließ, bestätigt laut Resch die Richtigkeit der Vorwürfe. 

Die dem Wirtschaftsministerium unterstehende Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM), die im Auftrag der Umwelthilfe mehrere Versuche mit R1234yf durchgeführt hat, ist dennoch vorsichtiger. Während Abteilungsleiter Volkmar Schröder in Interviews die »hohe Wahrscheinlichkeit von Gesundheitsschäden« bestätigte und es für »prinzipiell möglich« hält, dass die Konzentrationen von Flusssäure bei einem Brand »deutlich über der tödlichen Dosis liegen«, distanzierte sich das Amt in einer Pressemitteilung folgendermaßen von der Umwelthilfe:

»Die Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung bestätigt nur die Durchführung der Leckageversuche, nimmt aber keine Stellung zur potenziellen Gefährdung durch den Einsatz des Kältemittels R1234yf in Pkw.«