Wenn es nach Himbeerkaugummis, Linoleum, Toner und vielen Menschen riecht, geht ein Kribbeln durch Martin Parks Bauch. Das ist die positive Anspannung, die einsetzt, sobald die Schultür hinter ihm zufällt und er mit seiner Labradorhündin Gianna in die Masse aus Schülern und Lehrern hineingezogen wird. Im Slalom bahnen sich die beiden ihren Weg um lärmende Schülergruppen und grüßende Kollegen herum. Am Faust-Gymnasium im baden-württembergischen Staufen gehen rund 1400 Menschen ein und aus. Den 30 Jahre alten Martin Park würde man in dem Gewusel wohl am wenigsten erwarten. Seit einem Jahr ist er Referendar für Französisch und Geografie – und er ist blind .

Er sieht weder, dass an diesem kalten Montagmorgen draußen vor den Fenstern des Raums 104 der Nebel hartnäckig an den Baumwipfeln des Schwarzwalds klebt, noch, dass die elektronische Tafel hinter ihm weiß bleibt. »Erkennt ihr da was?«, fragt Park. »Nö«, rufen seine Schüler. Dann brabbelt eine Computerstimme in irrer Geschwindigkeit die Fehlermeldung herunter, die auf dem Bildschirm des Laptops aufploppt. Park tastet am Boden neben seiner schlafenden Hündin nach einem Kabel und stöpselt es ein. Nun erscheint eine goldgrüne Afrikakarte, es kann losgehen: Geografieunterricht in der Sieben, die klimatische Situation am Äquator, Kartenbeschreibung.

»Hier!«, ruft ein Junge aus der hinteren Reihe. Park wirft einen kleinen Ball zielsicher in die Richtung, aus der die Stimme kam. Der Schüler fängt, darf sprechen – und später per Wurf den Nächsten drannehmen. Der Meldeball sei nur einer seiner Tricks, sagen die Siebtklässler in der Pause. Sie reden wild durcheinander, um zu erklären, wie ihr Referendar arbeitet: »Er hat ein Handy, das total schnell und leise seine Notizen vorliest!« – »Einen Computer, der reden kann.« – »Eine Uhr, auf der er die Zeit ertastet.« – »Und einen iPod, auf den wir ihm in der ersten Stunde unsere Namen und Hobbys gesprochen haben.« Die Namen habe Herr Park ihren Stimmen schneller zuordnen können als manch anderer Lehrer ihren Gesichtern.

»Die Schüler nehmen bei ihm besonders viel mit«, sagt Otmar Fuß. Er ist Geografielehrer am Faust-Gymnasium und sitzt als Parks Mentor oft mit im Klassenraum. Dabei beobachtet er, dass das Verhältnis zwischen Referendar und Schülern besonders partnerschaftlich ist. Martin Park sagt Sätze wie: »Ich brauche mal jemanden mit ganz scharfen Augen.« Oder seine Schüler rufen: »Vorsicht!«, wenn er während der Gruppenarbeit von Tisch zu Tisch geht und dabei fast übers Kabel des Diaprojektors stolpert. Im Klassenraum 104 sind Lehrer und Schüler aufeinander angewiesen und helfen sich gegenseitig.

Für das Faust-Gymnasium ist das ein Experiment. Schüler mit Behinderung haben sie dort öfter – aber einen Lehrer, der nichts sieht? Das konnte sich anfangs selbst an dieser lebendigen, modernen Schule kaum einer vorstellen. Wie soll er sich in dem verwinkelten Gebäude zurechtfinden, wie den Unterricht machen? Und dann auch noch ausgerechnet Geografie?

Seit Martin Park das erste Mal mit seiner Frau die 27 Kilometer von Freiburg bis zur Schule auf dem Tandem angeradelt kam, sorgt er dafür, dass die Bedenken schrumpfen. Er hat ihnen viel entgegenzusetzen: Gute 1,80 Meter ist er groß, durchs Klettern, Wandern und Paddeln sind seine Schultern breit geworden. Obwohl er kurz nach seiner Geburt erblindete, fährt er Wildwasserstrecken, die Namen wie Preußenschleuder oder Pastorentöter tragen. Er orientiert sich an den Geräuschen des Kajaks vor ihm, am Gurgeln des Wassers und am Rauschen der Bäume am Ufer. Mit seinen Kumpeln ist er kreuz und quer durch Frankreich gewandert und erkennt dort am Geruch, ob er sich im Norden oder Süden, im Laub- oder Nadelwald befindet. »Man merkt, dass er die Landschaft spürt«, sagt sein Mentor. Mit Reliefkarten, Sturheit und Begeisterung hat er sich durch sein Studium gearbeitet. Warum also sollte er jetzt nicht unterrichten?

Dass diese Frage rhetorisch aufgefasst wird, ist in Deutschland nicht selbstverständlich. Nur wenige Menschen mit Behinderung unterrichten an regulären Schulen. Geschichten von Lehrern, die während ihres Berufslebens erblinden, sich bemühen, ihrer Arbeit weiter nachzugehen, und in einer Nische landen, etwa nur noch Hausaufgaben betreuen oder sich um Computerräume kümmern, gibt es einige. Geschichten von blinden Menschen, die sich von vornherein dafür entscheiden, sich vor eine Klasse sehender Kinder zu stellen, nur selten.