InnovationQuerdenker

Eine Filmwissenschaftlerin, die Chemieprodukte vermarktet, ein Informatiker, der sich um Nachhaltigkeit kümmert – solche Leute werden künftig gebraucht. von 

Handstand etwas anders: Ein junger Mann wirft sich ins Gras

Handstand etwas anders: Ein junger Mann wirft sich ins Gras  |  © Johnny Jet/Flickr

Mariella Schütz führt ein Doppelleben. Unter der Woche arbeitet sie bei BASF in Ludwigshafen und kümmert sich um die Vermarktung von Chemieprodukten in Europa. Am Wochenende schreibt sie an ihrer Promotion »im Bereich Filmbildung«, wie sie einmal einem neuen Kollegen erzählte. »Er dachte zuerst, es gehe um die Beschichtung von Oberflächen«, sagt Schütz lächelnd. Ein Chemiker denke bei Filmen eben nicht gleich an Filmwissenschaft. Die Exploration des Menschlichen: Die Filme der Brüder Dardenne lautet der Titel der Dissertation von Schütz, die unter anderem Romanistik studiert hat. Darin geht es nicht um Oberflächenkunde, chemische Substanzen und Wechselwirkungen zwischen Molekülen, sondern um Verhaltensweisen von Figuren, Erzählstränge und Filmsprache. »Ich lebe im Grunde in zwei weit voneinander entfernten Welten. Und doch profitiere ich von den Dingen, mit denen ich mich in dem einen Bereich beschäftige, häufig auch im jeweils vollkommen anderen Feld«, sagt Schütz.

Querdenker . Eine feste Definition für den Begriff gibt es nicht. Skeptiker fühlen sich deshalb darin bestätigt, dass es sich letztlich nur um ein luftiges Modewort handelt. Andere sehen es dagegen als weiteren Beweis dafür, dass jene Menschen, die damit gemeint sind, sich eben nicht in Schubladen stecken lassen.

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Wolfgang Häfner von der Klaus Becker Personal- und Managementberatung für den Mittelstand glaubt, dass Unternehmen von Querdenkern überwiegend profitieren. »Manche Menschen sind nie zufrieden mit dem Ist-Zustand. Wenn sie diese Unzufriedenheit in Innovation umsetzen , bringt das die Firma häufig voran«, sagt Häfner. Nicht immer aber muss Unzufriedenheit die Triebfeder sein. Mariella Schütz etwa reizt einfach die intellektuelle Herausforderung, sich mit zwei völlig verschiedenen Gebieten zu beschäftigen. »Es geht um soziale Dinge in den Filmen der Brüder Dardenne. Bei der BASF habe ich das Gefühl, deshalb Kollegen und Kunden besser einschätzen zu können«, sagt Schütz. Was treibt den Menschen an? Was sind seine Motive? Sie stellt sich Fragen, die über die Produktvermarktung hinausgehen.

»Wer einen für seinen Arbeitsbereich ungewöhnlichen Hintergrund hat, sieht häufig Chancen und Probleme, die anderen nicht auffallen«, sagt Christoph Anz, zuständig für strategische Personalentwicklung bei BMW. Allerdings könne man eine Abteilung nicht vollständig mit Mitarbeitern besetzen, die eigentlich ein ganz anderes Fachgebiet haben. »Wenn ich einen Hybridmotor entwickeln will, hilft ein Theaterwissenschaftler zunächst einmal wenig«, sagt Anz. Meist komme es überwiegend auf Fachwissen an, das in die Tiefe reicht. Aber eben nicht ausschließlich. Manchmal können in einer Abteilung aus Fachleuten einzelne Mitarbeiter mit einem ganz anderen Horizont nützlich sein. »Im Vertrieb beispielsweise sind diejenigen Mitarbeiter besonders erfolgreich, die vielfältige Erfahrungshorizonte besitzen und über flexible Denkstrukturen verfügen«, sagt Anz.

Caroline Seifert hat diese vielfältige Erfahrung. Als Leiterin des Bereichs Produktdesign experimentiert sie mit den neuesten technischen Entwicklungen – dabei hat sie gar kein großes Interesse an der Technik selbst. »Ausgerechnet das aber macht es so einfach, in die Kundenperspektive zu schlüpfen«, sagt die Beamtin, die in einem Postamt angefangen hat und dann zur Produktentwicklung bei der Telekom kam. Bis dahin hatte Seifert jahrelang direkt mit Kunden zu tun – und sah, wie sie Entscheidungen treffen. »Niemand unterscheidet zwischen Technik, Produkt, Design oder Preis – es ist immer das Ganze, was es ausmacht«, sagt Seifert heute. In einem großen Teil ihrer Zeit ist Seifert daher auch damit beschäftigt, zwischen den Kollegen der verschiedenen Arbeitsbereiche zu vermitteln. Wenn es darauf ankommt, vertritt sie vehement die Position der Kunden. »Ich bleibe bei ›Lieschen Müller‹«, sagt Seifert. »Und der ist egal, was vorher bei der Produktentstehung im Hintergrund abgelaufen ist.«

Auch das zeichnet einen Querdenker aus: » Er verweigert sich den Konventionen und hat Spaß am Widerspruch«, sagt Andreas Schönemann, Personalberater bei der Pape Consulting Group. Seiner Erfahrung nach gelangen Querdenker und Quereinsteiger nach wie vor eher zufällig in ein Unternehmen. Nur selten bekommt er den Auftrag von einer Firma, einen Menschen mit den entsprechenden Eigenschaften gezielt zu suchen. Im Gegenteil. Fast immer soll Schönemann jemanden vermitteln, der perfekt in das bestehende Team hineinpasst: Durchschnittlichkeit auf hohem Niveau. »Viele Chefs suchen sich selbst, nur eine Nummer kleiner. Das ist angenehm, weil es wenig Reibung erzeugt«, sagt Schönemann. Quereinsteiger hingegen machen erst einmal Arbeit. »Wer einen anderen fachlichen Hintergrund mitbringt, muss zunächst eingearbeitet werden. Und wenn plötzlich Probleme offengelegt werden, die bislang ignoriert wurden, dann müssen Zeit und Energie in ihre Lösung investiert werden.« Außerdem lassen sich Menschen mit ungewöhnlichen Denk- und Lebenswegen häufig nicht sofort in eine überwiegend homogene Abteilung integrieren. Der neue Mitarbeiter wird dann oft mehr als Störenfried denn als Bereicherung wahrgenommen. »Er passt sich eben weniger an als andere«, sagt Schönemann. »Oder er wird schneller wieder unruhig.«

Leserkommentare
  1. Ja, es besteht Bedarf an Querdenkern, allerdings braucht es dafür auch eine offene, tolerante Kultur im Unternehmen. Den Querdenker ecken auch mal an. Aus eigener Erfahrung kann ich nur sagen, ich habe nach einigen negativen Erfahrungen bei meinem jetzigen Arbeitgeber Glück, daß dort eine Innovationskultur gefordert und gefördert wird.. Ohne das gerät man schnell in Konflikt mit den Kollegen, die den eigenen Tellerrand nur von Ferne betrachten und schon gar nicht überschreiten. Das Denken im Muster des "Das haben wir schon immer so gemacht" ist leider noch viel zu weit verbreitet und Nonkonformisten sind zwar angeblich erwünscht, werden aber im betrieblichen Alltag dann doch eher von den konservativen Kräften so lange normalisiert, bis ihnen das Querdenken ausgetrieben, oder sie aus dem Unternehmen gemobbt wurden.

  2. Bleibt zu hoffen, dass sich hinter den "Parabeln" eine Menge relevante Erfahrung und Wissen verbirgt.

    Sonst leben die Herren gar nicht nachhaltig (auf Kosten anderer Querdenkenden)...

  3. Der Artikel hätte mir besser gefallen, wenn er den Idealismus der Personen in den Vordergrund gestellt hätte. So ist es ein Bericht aus der Wirtschaft, der eine Produktivitätssteigerung durch Querdenken fördern will.

    Querdenken bedeutet für mich wesentlich mehr als die Fähigkeit in seinem Job kreativ zu arbeiten.

  4. Diese ganzen B*llshit-Jobs wie Marketingmanager, etc. mögen sinnvoll im Wettbewerb sein. Der Markt, das Wachstum, die Endlösung. Frauenquoten, Sozialarbeiter, Genderstreamer, Wellfare-Karneval. Alles fantastisch - aber irgendwann wird man auf die völlig verqueelte Idee kommen, dass der materielle Wohlstand das Ergebnis von Arbeit ist. Die Arbeit der kleinen Leute, die die gefälligst für lau arbeiten müssen. All die Handwerker, Krankenschwestern, Bäcker und Monteure die keine "Karriere" gemacht haben.

    Wie in einem manischen Wahn reden die Führungseliten von Buzzwörtern wie Ökologie, Effizienz und Nachhaltigkeit. Aber wer hat mal die ganz große Sicht und erkennt, dass vieles einfach nur wegkonsumiert wird wie Luftblasen. Wo ist der wirklich große Fortschritt, dass es durchaus möglich ist, die Gesellschaft zu verbessern. Vielleicht brauchen wir ja gar nicht jedes Jahre ein neues iPhone. Vielleicht ist es gar nicht nötig 50 Stunden zu schuften, um am Feierabend auf die Arbeitslosen zu pöbeln. Vielleicht braucht man ja auch keine mondpreisige Mietwohnung in München, sondern erschafft Besitz-Bauwerke mit der Wohnqualität wie in München?

    Ich bin der Überzeugung, mit 100 Handwerken schafft man mehr als mit 20 Managern, 50 Beamten, 29 Journalisten und einem Handlanger.

    Eine Leserempfehlung
  5. bringt nur dann etwas, wenn man in der Lage ist (oder zumindest erfolgreich den Eindruck dazu vermitteln kann), eine Alternative zu jenen Konventionen zu finden, aus denen man ausbricht. Diese gäbe es nicht, wenn sie nicht die wichtige Funktion einer Hilfestellung für viele Menschen einnähmen. Verlässt man sie schlicht, weil man mit ihnen nicht klarkommt und ohne eine Portion kritische Selbsteinschätzung, beißt man als Idealist (welch treffendes Foto!) schnell ins Gras.

  6. "Filmwissenschaftlerin, die Chemieprodukte vermarktet" - sowas wird für gewöhnlich nicht spannend gefunden, sondenr macht Arbeitgebern Angst. In Deutschland gilt immer noch "Schuster bleib bei deinen Leisten". Quereinsteiger gelten als Sonderlinge und Käuze. "Exot" nannte mich neulich eine Personalerin. Nun ja, exotischerweise habe ich eine Naturwissenschaft studiert und arbeite heute im Marketing. Dass solche Karrieren außerhalb der Kreativwirtschaft (Agenturszene) funktionieren, wäre mir neu. Personaler setzen auf den, der eien "passende" Ausbildung hat, nicht auf "querdenkende" Exoten! Völlioges Märchen, was der Artikel hier verbreiten will.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Immerhin wird der Vorteil von Querdenkern dargestellt. Auch wird darauf eingegangen, daß es im Moment nicht weit verbreitet ist, Querdenker zu fördern. (Der Chef sucht sich selbst in klein, weil einfacher, ein Querdenker muss zunächststärker eingearbeitet werden.) Zum Ende des Artikels wird darauf eingegangen, daß es aufwendiger ist Querdenker in bestehende Strukturen einzubinden. Auch das ist richtig.

    Alles in allem wird das Thema in dem Artikel kurz und knapp aber durchaus stimmig dargestellt.

    Gegen diese Widerstände kämpft ein Querdenker an, das sollte ihm auch bewusst sein. Es ist sehr schwierig die Hürde Personlreferent bei einer Jobsuche zu überwinden, wenn die Personaler nach Schema F suchen, folglich Suchkriterien haben und eingehende Bewerungen daraufhin abgleichen. Da gibt es nun mal nur eine Übereinstimmung oder eben nicht.

    Es ist für beide Seiten nicht einfach, quer an Sachen heranzugehen. Der Querdenker weiß das und sucht quer nach Argumente, um zum Ziel zu kommen.

    BTW. Irgendwie ist mein Beitrag hier ganz schön quer, oder?

  7. Immerhin wird der Vorteil von Querdenkern dargestellt. Auch wird darauf eingegangen, daß es im Moment nicht weit verbreitet ist, Querdenker zu fördern. (Der Chef sucht sich selbst in klein, weil einfacher, ein Querdenker muss zunächststärker eingearbeitet werden.) Zum Ende des Artikels wird darauf eingegangen, daß es aufwendiger ist Querdenker in bestehende Strukturen einzubinden. Auch das ist richtig.

    Alles in allem wird das Thema in dem Artikel kurz und knapp aber durchaus stimmig dargestellt.

    Gegen diese Widerstände kämpft ein Querdenker an, das sollte ihm auch bewusst sein. Es ist sehr schwierig die Hürde Personlreferent bei einer Jobsuche zu überwinden, wenn die Personaler nach Schema F suchen, folglich Suchkriterien haben und eingehende Bewerungen daraufhin abgleichen. Da gibt es nun mal nur eine Übereinstimmung oder eben nicht.

    Es ist für beide Seiten nicht einfach, quer an Sachen heranzugehen. Der Querdenker weiß das und sucht quer nach Argumente, um zum Ziel zu kommen.

    BTW. Irgendwie ist mein Beitrag hier ganz schön quer, oder?

    Antwort auf "Ulkiger Artikel"
  8. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Querdenker in den meisten größeren Unternehmen wenig bis gar nicht geschätzt werden. Abweichungen im Lebenslauf, in der Denkstruktur und in der Arbeitsweise werden in der Regel nicht gefördert bzw. argwöhnisch betrachtet. Als Ironie des Ganzen äußern sich im Artikel auch noch Personalberater bzw. Personaler positiv über Querdenker, d.h. die Personen die nicht gestreamlinete Lebensläufe in der Regel als Erstes aussortieren!

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