Die Reise hat noch nicht begonnen, als mich Sevgis Tochter zur Muslimin macht. Wir stehen am Hamburger Flughafen, zwei Frauen mit schwerem Gepäck, Zielort Dschidda, Saudi-Arabien. Da nimmt mich Sevgis Tochter zur Seite und fragt leise: "Kannst du mir einen Gefallen tun?" Wir kennen uns noch nicht lange, aber ich merke, es ist ihr ernst. "Meine Mutter trägt ihr Kopftuch manchmal etwas locker", sagt sie, "dann bemerkt sie nicht, dass Haarsträhnen rausfallen. Im Haus Gottes sollte das nicht passieren. Könntest du darauf achten?"

Ich bringe nur ein dünnes "Ja, klar" heraus, mehr nicht. Ich trage normalerweise kein Kopftuch – aber soll in den nächsten Wochen einer religiösen Frau dabei helfen, dass ihres gut sitzt? Und das im Haus Gottes?

Sevgi Erdem, ihr Mann Mahir und ich fliegen an diesem Tag über Istanbul nach Mekka. Zum Hadsch, der Pilgerfahrt der Muslime . Schon vor dem Abflug hat Sevgis Tochter mich – ein säkulares Kind säkularer türkischer Gastarbeiter – zur Tugendwächterin gemacht. Ich ahne, dass mich auf dieser Reise nach Mekka vor allem zwei Fragen bedrängen werden: Was macht ein Mensch mit dieser Erfahrung? Und was macht diese Erfahrung mit einem Menschen?

Wir stehen in einer Menschentraube vor dem Schalter von Turkish Airlines. Eine Gruppe von Muslimen aus Hamburg und Elmshorn macht sich auf den Weg nach Saudi-Arabien. Ein junger Hoca, ein türkischer Religionsgelehrter, teilt Briefumschläge mit allen wichtigen Unterlagen für den Hadsch aus: Pässe, Flugtickets, Hadsch-ID-Karten mit Foto, die wir immer um den Hals tragen sollen. "Ich bin so aufgeregt", sagt Sevgi und hängt sich ihre Karte sofort um den Hals, Nummer 1334. Und ich? Bringe es gerade nicht fertig, mein Kopftuch umzubinden.

Es ist noch Zeit. Noch bin ich in Hamburg. Ich muss das Ding nicht tragen, nur weil alle anderen damit rumlaufen. Andererseits: Was wäre so schlimm daran? Das bin ja nicht wirklich ich: Özlem, die Muslimin. Ich kenne das doch, von Moscheen und Friedhöfen. Das bleibt eine Recherche wie jede andere. Ich begleite Sevgi auf den Hadsch nach Mekka. Danach schreibe ich einen Artikel darüber. Das ist alles. Keine Panik.

Sevgi ist 42 Jahre alt, ich bin 33. Zwischen uns liegen nur neun Jahre und doch Welten: Sevgi kam in einem Dorf in Anatolien zur Welt. Ich bin in Flensburg geboren. Sie hat die Grundschule besucht. Ich habe studiert. Sie hat drei Kinder geboren. Ich nicht eins. Sie putzt unter Schreibtischen , auf denen Büromenschen wie ich abends ihre Sachen liegen lassen. Sie wirkt geborgen in ihrem Glauben. Mir war immer klar, dass ich nicht auf einen Gott angewiesen sein will. Sie nennt Frauen wie mich sosyete, Society – wegen meines Studiums, meines Jobs, meiner westlichen Kleidung, meines Make-ups. Ich sehe in Frauen wie ihr die typische anatolische Mutti, klein, übergewichtig, rundes Bauerngesicht. Für die Reise nach Mekka musste ich mir erst Kleidung leihen, wie Sevgi sie immer trägt: weite Blusen, lange Röcke, Pluderhosen. In meinem Koffer sind nun Hemden meines Mannes.

Sevgi wird am Flughafen von vielen Verwandten verabschiedet. Alle Frauen aus ihrer Familie – die Tochter, die Schwägerin, die Schwiegermutter – tragen Kopftücher, lange Mäntel, weite Röcke. Zum ersten Mal in meinem Leben komme ich mir gegenüber Frauen wie ihnen nicht überlegen vor, sondern schäbig. Sevgi hat mich als Begleiterin akzeptiert. Ich schulde es ihr, das Kopftuch umzubinden, jetzt.

Es ist kurz nach 15 Uhr, Zeit für das Nachmittagsgebet. Routine für die Männer und Frauen, die hier am Schalter warten. Für mich wird es das erste in meinem Leben sein. Ich habe meinen Vater nie beten sehen. Die Bärtigen und Verhüllten – all jene, die zu wissen glauben, wer ein richtiger Muslim ist – waren meiner Familie immer suspekt. Manchmal habe ich schnelle Bitten an Allah gesandt, aber stets in meinen eigenen Worten. Und niemals laut. In den Wochen vor dem Abflug habe ich mir das formale Beten beigebracht, all die Texte auf Arabisch auswendig gelernt, um bloß keine Fehler zu machen. Im Islam gibt es so unglaublich viele Regeln, als sei schon Strenge ein religiöser Wert an sich: wann wie viele Niederwerfungen? Beim Morgengebet vier, beim Mittagsgebet zehn, beim Nachmittagsgebet acht, beim Abendgebet fünf, beim Nachtgebet dreizehn. Wann welche Lobpreisung? Welche Verbeugung? Welche Positionierung meiner Füße bei der Niederwerfung?

Im oberen Stockwerk des Terminals hat ein Mann aus unserer Gruppe eine Moschee entdeckt. Alle schauen ganz erstaunt. Eine Gebetsstätte für uns, hier, am Flughafen?

Und schon habe ich zum ersten Mal "uns" gedacht.

"Kommst du mit?", fragt Sevgi.

"Ja", sage ich. Ich sehe, wie sie sich freut.

Auf dem Weg in die Moschee ziehe ich ein Kopftuch aus meinem Rucksack und binde es mir um. Es ist grau, aus Baumwolle, rechteckig. Ich habe noch fünf andere im Koffer – eigentlich Halstücher, die ich hin und wieder trage. Die rechteckigen ließen sich am besten binden, hatte Sevgis Tochter gesagt und mir eines von ihren geliehen. Sie nahm es von einem Bügel in ihrem Kleiderschrank, an dem 20 weitere hingen.

Die Flughafen-Moschee ist etwa 30 Quadratmeter groß und mit einem roten Teppich ausgelegt. Es fällt mir schwer, mich auf das Gebet zu konzentrieren. Ich kann nur an dieses Ding auf meinem Kopf denken. Wie warm mir ist. Der arabische Gebetstext – verblasst.

Nicht zu viel nachdenken, einfach niederwerfen. Jetzt. "Bismillahirrahmanirrahim." Im Namen Allahs, des Barmherzigen und Gnädigen.

Istanbul. So habe ich den Flughafen noch nie gesehen. Hier wird endgültig klar, dass Hadsch-Saison ist: Muslime aus aller Welt warten auf ihren Weiterflug . Dort eine Gruppe afrikanischer Musliminnen, in knallbunte Tücher gehüllt; hier französische Muslime, deren Nike-Turnschuhe unter ihrem langen Gewand hervorlugen. In Mekka werden wir drei Millionen sein. Sevgis Mann hat sich auf die Suche nach einer Toilette gemacht, auf der es erlaubt ist, die rituelle Waschung vorzunehmen. Nicht einfach: In der laizistischen Türkei ist es verpönt, die Religion zur Schau zu tragen. Außerdem wird dabei die gesamte Umgebung nass.

Der Weiterflug nach Dschidda geht erst morgen früh um 4.30 Uhr. Was tun? Ich war so oft an diesem Flughafen – aber nie als Pilgerin, sondern immer als Özlem, die Urlauberin aus Deutschland, die ihre Verwandten besucht und sich ein paar nette Tage in Istanbul macht. Ich will mich mit diesem Kopftuch nicht in ein Café setzen. Ich kann auch schlecht durch die Duty-free-Geschäfte laufen und mir eine Flasche türkischen Wein kaufen, wie sonst immer.

Habe ich mich je unechter gefühlt? Ich habe den Eindruck, alle Menschen schauen mich an. Die einen, weil sie merken, dass ich keine überzeugte Muslimin bin. Die anderen, weil sie denken, dass ich zu den besonders Koranfesten gehöre, deren Selbstgewissheit ich selbst nicht mag.