Das ist mir heilig Eine neue Skepsis

Gegen das Dogma, dass es keinen Gott gibt

In wissenschaftlich gebildeten Kreisen gilt es seit der Aufklärung weithin als selbstverständlich, dass religiöse Vorstellungen historisch und psychologisch zu erklären sind. Man bezweifelt sie nicht, man hat sie längst verworfen. Sie gelten als illusionär, und der Streit geht nur darum, ob man sie respektvoll oder polemisch als Humbug behandeln sollte.

Ich halte mich, so gut es geht, auf dem Laufenden über die wesentlichen Erkenntnisse der modernen Wissenschaften. Ich lasse mir nicht einfallen, in Fragen etwa der Astrophysik, der Evolutionsbiologie oder der Hirnforschung mitzureden, und akzeptiere problemlos, dass sich viele archaische Vorstellungen, die sich in den heiligen Schriften der Menschheit finden, als unhaltbar erwiesen haben. Deshalb begann auch ich als Anhänger der »szientistischen Weltanschauung«.

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Im Laufe des Lebens bin ich aber skeptisch geworden. Man denkt bei »Glauben« an Religion, bei »Zweifeln« an ihre Infragestellung. Doch wie gehen wir um mit der Tradition der Mystik? Wie mit Engelbegegnungen, wie mit den sogenannten Nahtoderfahrungen, mit Rückführungen in eine frühere Inkarnation, mit Belegen für das morphogenetische

Es gibt Leute, die meinen: Wer von solchen Erfahrungen berichtet, sei ein Fall für den Psychiater oder für den Staatsanwalt. Hinter diesem offenbaren Unsinn steckt ein weltanschauliches Dogma: Es gebe keinen Geist ohne materielles Gehirn, folglich weder Gott noch Engel, noch ein »Jenseits« und ein Fortleben der Seele nach dem Sterben. Wie es zur Entstehung und Verbreitung dieses unerschütterlichen Glaubens kam, lässt sich ebenfalls historisch und psychologisch erklären. Mit Skepsis hat das nichts zu tun.

Heute muss zur Skepsis gehören: Zweifeln auch an diesem religionsfeindlichen Dogma und Offenheit für die spirituellen Erfahrungen, die viele Menschen gemacht haben, Ernstnehmen der geistig-seelischen Lebenswelt der Menschen, aber auch Zulassen von Fragen, die die Wissenschaften nicht beantworten können, wie zum Beispiel die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach den Aufgaben, die uns gestellt sein mögen, nach einer schlüssigen Begründung für die Würde des Menschen und ihre Unantastbarkeit.

Skepsis lässt uns die Dogmen prüfen – die neuen nicht weniger als die alten. Deshalb ist mir die Skepsis heilig.

Martin Kriele, 79, ist einer der namhaftesten deutschen Rechtswissenschaftler. Er schrieb unter anderem »Das demokratische Prinzip im Grundgesetz« und »Kriterien der Gerechtigkeit«. Unter dem Eindruck des Anthroposophen Rudolf Steiner konvertierte Kriele vom evangelischen zum katholischen Glauben. Zuletzt erschien von ihm »Gott und die Vernunft – Kann ein vernünftiger Mensch ungläubig sein?« (Christiania Verlag)

 
Leser-Kommentare
  1. ...voll und ganz zu. Der Glaube ist eben ein Gebiet, das einen anderen Teil des menschlichen Seins bedient. Glaube hat mit Wissenschaft nichts zu tun. Und dann kann man sich ewig und drei Tage darüber streiten, am Ende ist es am einzelnen Menschen, es zu entscheiden.

    Ich habe schon mit einigen Menschen über den Glauben geredet, und von beiden Seiten, also "Gläubigen" und Atheisten, habe ich ihr Dogma mitbekommen. Die Religiösen seien "dumm" und klammerten sich an etwas, das es "bewiesenermaßen" nicht gibt, und die Atheisten seien störrisch und würden sich auf nichts, was von ihrem festen Weltbild abweicht, einlassen.

    Ich als Agnostiker konnte immer nur schmunzeln. Ich diskutiere gerne mit, aber ich sage nicht Ja oder Nein zur Religion. Ich muss zu keinem Ergebnis kommen und das gibt einen inneren Frieden.

    • Ranjit
    • 09.01.2011 um 16:26 Uhr

    Der Autor hat insofern recht, dass natürlich jede wissenschaftliche Theorie angezweifelt werden kann wenn es Hinweise darauf gibt, dass die Realität besser mit einer anderen abgebildet werden würde.

    Doch folgt daraus nicht, dass man an einen immateriellen "Geist" oder an Gottheiten glauben muss.

    Wenn wir auf dem Unwahrscheinlichkeitsniveau von Geistern und Göttern agieren, so müssen wir natürlich auch alle anderen "Möglichkeiten" auf dieser Ebene mit in betracht ziehen: Den von Aliens entführten Elvis zum Beispiel.

    Sobald man einen Gott, Geister oder andere unerfahrbare und unmessbare Black Boxes einführt, verliert man jeglichen Nutzen den Theorien bieten. Gott bestimmt ob du krank oder gesund bist. Selbst wenn das stimmen sollte, ist es absolut egal. Warum? Weil wir Gott nicht in den Kopf schauen können und somit keine Anzeichen aus denen wir Vorhersagen für die Zukunft ableiten können. Das Konzept der Bakterien ist da weitaus heilsamer als das Konzept "Gott".

    Gottgläubigkeit hebelt aber nicht nur jegliche Möglichkeit konkreter Vorhersagen aus, sie bietet auch ein Hintertürchen für Manipulation. Wenn ich sage: "Alle Homosexuelle sind Mörder", so kann das überprüft und wiederlegt werden. Wenn ich sage: "Alle Homosexuelle sind Sünder", so wird nicht geprüft oder wiederlegt sondern verhaftet oder gesteinigt.

    Wir sollten uns den Göttern erst wieder öffnen, wenn sie bessere und genauere überprüfbare Vorhersagen liefern als die Wissenschaft.

    16 Leser-Empfehlungen
    • Vulki
    • 09.01.2011 um 16:43 Uhr

    ist es also, wenn namhafte Organisationen und Privatpersonen (darunter auch ein ehemaliger Chefredakteur dieser Zeitung) sogar hohe Geldpreise auf den Nachweis irgendeines übernatürlichen Phänomens ausloben (ohne sie je auszahlen zu müssen)? Die Ablehnung des Übernatürlichen ist kein Dogma, sondern eine gut und ausführlich begründbare wissenschaftliche Feststellung. Der Autor täte, Entschuldigung, gut daran, auch mal an seinem eigenen Zweifel zu zweifeln.

  2. Die Bibel wurde über 1500 Jahre von 40 verschiedenen Autoren unterschiedlicher Herkunft und an unterschiedlichen Orten in drei verschiedenen Sprachen geschrieben.11 Erstaunlich dabei ist, dass alle Teile zusammenpassen. Durch die ganze Bibel wiederholt sich die gleiche Botschaft.

    1. Gott schuf unsere Welt und er schuf uns, damit wir in Beziehung zu ihm leben.
    2. Er liebt uns absolut.
    3. Aber wir haben ihn ins Gesicht geschlagen und uns von ihm getrennt.
    4. Gott ist bereit, einen neuen Anfang mit einem jeden von uns zu machen.
    5. Er bietet uns seine Vergebung an und eine Beziehung, die selbst den Tod übersteht.

    Mit dieser Hauptbotschaft verrät die Bibel gleichzeitig den Charakter Gottes. Psalm 145 drückt die Gedanken und Gefühle aus, die Gott uns gegenüber hat.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ranjit
    • 09.01.2011 um 17:16 Uhr

    1. Die Bibel ist völlig inkonsistent. Hierzu eine wunderschöne Infografik:
    http://www.fastcodesign.c...
    2. Wikipedias 91000+ Autoren erarbeiten auch ohne göttlichen Auftrag gute Artikel.
    3. Christen müssten zuerst beiweisen, dass es 1. einen Gott gibt, 2. dass es nicht das fliegende Spaghettimonster oder einer der andere Götter ist.
    4. Selbst ihr Beitrag steckt voller Wiedersprüche:
    Gott hat die Welt und uns geschaffen. Also auch Krieg, Krankheit, Vergewaltigung usw. Gleichzeitig liebt er uns absolut? Diese Form der Liebe schiene mir recht pathologisch.

    Uns? Auch die weltweit 10 Kinder, die einfach nur qualvoll verhungert sind, wären Du deinen Kommentar geschrieben hast?

    • muska
    • 09.01.2011 um 18:19 Uhr

    Schon mal was von den Apokryphen gehört? Die Bibel ist in ihrer jetzigen Fassung hauptsächlich das Resultat von Kirchenpolitik, die bestimmte, was rein und was raus soll.

    "Die Bibel wurde über 1500 Jahre von 40 verschiedenen Autoren unterschiedlicher Herkunft und an unterschiedlichen Orten in drei verschiedenen Sprachen geschrieben.11 Erstaunlich dabei ist, dass alle Teile zusammenpassen."

    Ähm, schon mal was von Kanonisierung und Exegese gehört?

    • Ranjit
    • 09.01.2011 um 17:16 Uhr

    1. Die Bibel ist völlig inkonsistent. Hierzu eine wunderschöne Infografik:
    http://www.fastcodesign.c...
    2. Wikipedias 91000+ Autoren erarbeiten auch ohne göttlichen Auftrag gute Artikel.
    3. Christen müssten zuerst beiweisen, dass es 1. einen Gott gibt, 2. dass es nicht das fliegende Spaghettimonster oder einer der andere Götter ist.
    4. Selbst ihr Beitrag steckt voller Wiedersprüche:
    Gott hat die Welt und uns geschaffen. Also auch Krieg, Krankheit, Vergewaltigung usw. Gleichzeitig liebt er uns absolut? Diese Form der Liebe schiene mir recht pathologisch.

    Uns? Auch die weltweit 10 Kinder, die einfach nur qualvoll verhungert sind, wären Du deinen Kommentar geschrieben hast?

    • muska
    • 09.01.2011 um 18:19 Uhr

    Schon mal was von den Apokryphen gehört? Die Bibel ist in ihrer jetzigen Fassung hauptsächlich das Resultat von Kirchenpolitik, die bestimmte, was rein und was raus soll.

    "Die Bibel wurde über 1500 Jahre von 40 verschiedenen Autoren unterschiedlicher Herkunft und an unterschiedlichen Orten in drei verschiedenen Sprachen geschrieben.11 Erstaunlich dabei ist, dass alle Teile zusammenpassen."

    Ähm, schon mal was von Kanonisierung und Exegese gehört?

  3. Es kann weder die Existenz oder die Abwesenheit eines Gottes bewiesen werden.
    Das bedeutet aber nicht, dass es einem frei steht das Eine oder das Andere für wahr dahinzustellen.

    Jedoch ist für mich die Annahme der Existenz eines Gottes abstrus. Das Objekt ist innerhalb der Religion recht umfangreich beschrieben, in "Beweisen" oder der Argumentation jedoch oft auf ein logisches Objekt reduziert. Da das in der Argumentation oft verwendete "logische Objekt" nicht das wiedergibt wofür der Begriff "Gott" steht, bleibt übrig sich an die Beschreibung der religiösen Seite zu halten. - Die ist aber, zwar dichterisch schön, aber sehr willkürlich. Jedes andere erdachte Objekt kann genauso behandelt werden.

    Ich toleriere den Glauben der Menschen, jedoch darf dieser nicht für Rechtfertigungen dienen noch als Wahrheit behandelt werden.

  4. Ich bin zwar überzeugte Atheistin, aber letztendlich ist doch auch das "Atheist-Sein" nur ein Glaubensschema - eben, dass es keinen Gott gibt. Beweisen kann ich das ebenso wenig wie Gläubige das Vorhandensein eines Gottes/mehrerer Götter. Und die Beweise, die wir dafür oder dagegen finden, machen letztendlich nur in unserem eigenen Weltbild einen Sinn.

    Wer weiß, wie die Menschen in 1000 Jahren denken - letztendlich versuchen wir alle (auf unterschiedliche Weise) die Welt zu erklären und dem Leben einen Sinn zu geben.

    • Plor
    • 09.01.2011 um 16:54 Uhr

    Den größten Fehler, den die Religion begangen hat, war es, sich mit der Wissenschaft anzulegen und sich aufs wissenschaftliche Parkett zu wagen. Wenn Thomas von Aquin glaubt die Aussagenlogik ausnutzen zu können, um Gott zu beweisen, dann muss er sich nicht wundern, wenn ihm seine eigene Argumentation von Logikern um die Ohren gehauen wird. Wenn sich Kreationisten in polemischen Anti-Darwinismus üben, müssen sie sich nicht wundern mit ihren kruden Schlüssen von der Fachwelt ausgelacht zu werden...

    Das so genannte (und mystisch vollkommen überhöhte) "szientistsiche Weltbild" trägt den Zweifel und die Skepsis schon in sich. Deshalb liegen sie falsch, wenn sie meinen, sich mit "Skeptizismus" davon zu entfernen. Im Gegensatz zur Religion verbreitet seriöse Wissenschaft nämlich keine holistischen Lehren sondern Hypothesen und Theorien, die immer wieder aufs neue überprüft werden. Stichwort: Falsifizierbarkeit. Morphogenetik, Rückführungen und ähnliches ist dabei eben genau der Rückschritt zurück zu holistischen, universellen und naiven Weltbildern, deren "Belege" weder reproduzierbar noch falsifizierbar sind, und - was noch viel schlimmer ist - die sich dennoch den Anschein von "Wissenschaftlichem" geben. Man könnte auch Wissenschaftstravestie sagen...

    Da bleibe ich lieber szientistisch und tatsächlich skeptisch... und das hat noch nicht einmal was mit meinem Atheismus zu tun... der gehört in den Bereich des Glaubens und will sich gar nicht wissenschaftlichen Kriterien stellen.

  5. Die Welt funktioniert so wie sie funktioniert und nach heutigem Wissensstand ist die Existenz Gottes dafür nicht notwendig. Das heißt nicht zwangsläufig es gäbe ihn nicht, aber wenn es ihn gibt hat das keinerlei Auswirkung auf unser Leben hier.
    Und die Art von Gott für die dieser Wissensstand überhaupt noch Platz gelassen hat benötigt auch keine Verehrung oder Gehorsam unsererseits, genauso wenig wie man von solchen Handlungen irgendwelche Vorteile hätte die über reine Placebowirkung hinausgingen.
    Klar, es gibt eine Menge Dinge die wir nicht verstehen oder wissen, aber selbst in diesen Bereichen gibt es Hypothesen die plausibler sind als die Annahme von "Übernatürlichem".
    Für "spirituelle Erfahrungen" alleine braucht man auch keinen Gott, sie müssen noch nicht einmal übernatürlichen Ursprunges sein. Da einen göttlichen Hintergrund anzunehmen ist nur eine Hypothese unter anderen und noch nicht einmal die logischste.

    Eine Leser-Empfehlung

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