Als 1968 die Studenten, 1980 die Pazifisten und 1986 die Atomkraftgegner demonstrierten, sah man viel langes Haar, das von der Jugend kündete. 2010 fielen in Stuttgart, Gorleben und auf der Berliner Anti-Atomkraft-Demo die grauen Haare der älteren Menschen auf. Der Block der Grauhaarigen ist eine Neuheit in der bundesrepublikanischen Geschichte. Und er scheint größer zu werden.

Oder täuscht der Eindruck? Zu Besuch bei Dieter Rucht, Protestforscher in Berlin. Er beugt sich über die Zahlen, die sein Mitarbeiter gerade für ihn ausgerechnet hat. Es ist ein ganzer Stapel von Ausdrucken. Rucht hat an die wichtigen Zahlen mit dem Bleistift ein Kreuz gemacht: Auf der Demo gegen den Irakkrieg 2003, hat er ermittelt, waren 8 Prozent der Teilnehmer älter als 65. Gegen Hartz IV ein Jahr später 10 Prozent. Und in Stuttgart sind es 15 Prozent.

Dieter Rucht ließ seine Mitarbeiter in Stuttgart an eine repräsentative Auswahl von Demonstranten Umfragebögen verteilen, zehn Seiten lang, 30 Fragen. Es ist eine recht neue Form, den Protest zu erkunden. »In den Achtzigern hätte man solche Bögen wahrscheinlich zerknüllt«, sagt er und lacht ein wenig, weil er damals selbst unter den Demonstranten war. Heute werden die Bögen nicht zerknüllt, sondern ausgefüllt und zurückgeschickt, in weit mehr als der Hälfte der Fälle. Manchen Bögen sind zusätzliche DIN-A4-Blätter angeheftet, so groß ist das Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Und so weiß Rucht heute auch, woher der Zuwachs der Demonstranten kommt: aus den traditionell demonstrationsfernen Schichten. Die allermeisten Älteren haben in den vergangenen Jahren keine Demo besucht, noch nie im Leben an Blockaden oder Sitzstreiks teilgenommen. Sie entstammen einem Milieu, in dem man Demonstranten früher argwöhnisch beobachtet hat, statt sich unter sie zu mengen.

Wer sind die älteren Menschen, die heute in ganz Deutschland auf die Straßen gehen? Wie kommt es, dass sie im Alter zum ersten Mal protestierten?

Einen Anteil daran hat vielleicht das Fernsehen. ARD und ZDF vor allem machen politisches Programm für ihr treuestes Publikum: die Rentner. Und die finden, wenn sie sich die neuerdings allabendlichen Diskussionsrunden ansehen, eine reiche Auswahl von gleichaltrigen Vorbildern, meist sind es Männer, die sich wenig altersmilde geben. Diese Männer müssen schließlich keine Karriere mehr machen; aber das galt auch schon für die Alten früher. Es muss noch andere Antworten geben.

Anders als über die Jugend, deren Ansichten seit 1953 regelmäßig im Auftrag von Shell erforscht werden, gibt es keine Studie, in der sich nachlesen ließe, wie die Alten wann dachten. Auch das Heiner-Geißler-Phänomen ist bislang wenig erforscht: Wie kommt es, dass ein ehemals streng konservativer Mensch zum ebenso strengen Kritiker des Kapitalismus wird – in einer Art Umkehrung des Joschka-Fischer-Phänomens? Heiner Geißler selbst ist auf Anfrage wenig gewillt, über seinen Reifungsprozess nachzudenken: Er sagt dazu nur, er sei »immer der Gleiche geblieben« und halte nichts vom »Psychologisieren des Alters«.

Wer also etwas über den grauen Block erfahren will, der muss seine Mitglieder besuchen.

Erika Rosenwinkel zum Beispiel. Sie ist 68 Jahre alt. Früher war sie Buchhalterin bei der Caritas. Sie hat ihr Haar akkurat frisiert, trägt einen Rollkragenpulli, darüber eine Perlenkette, sodass man sie kaum für die Dauerdemonstrantin in Stuttgart halten würde, die sie ist. Im Sommer hat sie sich einen Platzverweis eingehandelt, weil sie am Nordflügel des Bahnhofs auf ihrem Klappstuhl einfach sitzen geblieben ist, als die Polizei kam. Wenn sie davon erzählt, schaut sie einen herausfordernd an, als wolle sie sagen: Das hätte man mir nicht zugetraut, oder?