Protestkultur Der graue Block

Wer sind die älteren Menschen, die zum ersten Mal in ihrem Leben zur Demo gehen?

Sophie Bäumer, 75: Ihr politisches Bewusstsein ist erst in den letzten sieben, acht Jahren erwacht

Sophie Bäumer, 75: Ihr politisches Bewusstsein ist erst in den letzten sieben, acht Jahren erwacht

Als 1968 die Studenten, 1980 die Pazifisten und 1986 die Atomkraftgegner demonstrierten, sah man viel langes Haar, das von der Jugend kündete. 2010 fielen in Stuttgart, Gorleben und auf der Berliner Anti-Atomkraft-Demo die grauen Haare der älteren Menschen auf. Der Block der Grauhaarigen ist eine Neuheit in der bundesrepublikanischen Geschichte. Und er scheint größer zu werden.

Oder täuscht der Eindruck? Zu Besuch bei Dieter Rucht, Protestforscher in Berlin. Er beugt sich über die Zahlen, die sein Mitarbeiter gerade für ihn ausgerechnet hat. Es ist ein ganzer Stapel von Ausdrucken. Rucht hat an die wichtigen Zahlen mit dem Bleistift ein Kreuz gemacht: Auf der Demo gegen den Irakkrieg 2003, hat er ermittelt, waren 8 Prozent der Teilnehmer älter als 65. Gegen Hartz IV ein Jahr später 10 Prozent. Und in Stuttgart sind es 15 Prozent.

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Dieter Rucht ließ seine Mitarbeiter in Stuttgart an eine repräsentative Auswahl von Demonstranten Umfragebögen verteilen, zehn Seiten lang, 30 Fragen. Es ist eine recht neue Form, den Protest zu erkunden. »In den Achtzigern hätte man solche Bögen wahrscheinlich zerknüllt«, sagt er und lacht ein wenig, weil er damals selbst unter den Demonstranten war. Heute werden die Bögen nicht zerknüllt, sondern ausgefüllt und zurückgeschickt, in weit mehr als der Hälfte der Fälle. Manchen Bögen sind zusätzliche DIN-A4-Blätter angeheftet, so groß ist das Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Ute Schmidt
Ute Schmidt, 68: "Ich hätte mir nie erträumt, je politisch so engagiert zu sein"

Ute Schmidt, 68: "Ich hätte mir nie erträumt, je politisch so engagiert zu sein"

Und so weiß Rucht heute auch, woher der Zuwachs der Demonstranten kommt: aus den traditionell demonstrationsfernen Schichten. Die allermeisten Älteren haben in den vergangenen Jahren keine Demo besucht, noch nie im Leben an Blockaden oder Sitzstreiks teilgenommen. Sie entstammen einem Milieu, in dem man Demonstranten früher argwöhnisch beobachtet hat, statt sich unter sie zu mengen.

Wer sind die älteren Menschen, die heute in ganz Deutschland auf die Straßen gehen? Wie kommt es, dass sie im Alter zum ersten Mal protestierten?

Einen Anteil daran hat vielleicht das Fernsehen. ARD und ZDF vor allem machen politisches Programm für ihr treuestes Publikum: die Rentner. Und die finden, wenn sie sich die neuerdings allabendlichen Diskussionsrunden ansehen, eine reiche Auswahl von gleichaltrigen Vorbildern, meist sind es Männer, die sich wenig altersmilde geben. Diese Männer müssen schließlich keine Karriere mehr machen; aber das galt auch schon für die Alten früher. Es muss noch andere Antworten geben.

Anders als über die Jugend, deren Ansichten seit 1953 regelmäßig im Auftrag von Shell erforscht werden, gibt es keine Studie, in der sich nachlesen ließe, wie die Alten wann dachten. Auch das Heiner-Geißler-Phänomen ist bislang wenig erforscht: Wie kommt es, dass ein ehemals streng konservativer Mensch zum ebenso strengen Kritiker des Kapitalismus wird – in einer Art Umkehrung des Joschka-Fischer-Phänomens? Heiner Geißler selbst ist auf Anfrage wenig gewillt, über seinen Reifungsprozess nachzudenken: Er sagt dazu nur, er sei »immer der Gleiche geblieben« und halte nichts vom »Psychologisieren des Alters«.

Wer also etwas über den grauen Block erfahren will, der muss seine Mitglieder besuchen.

Erika Rosenwinkel zum Beispiel. Sie ist 68 Jahre alt. Früher war sie Buchhalterin bei der Caritas. Sie hat ihr Haar akkurat frisiert, trägt einen Rollkragenpulli, darüber eine Perlenkette, sodass man sie kaum für die Dauerdemonstrantin in Stuttgart halten würde, die sie ist. Im Sommer hat sie sich einen Platzverweis eingehandelt, weil sie am Nordflügel des Bahnhofs auf ihrem Klappstuhl einfach sitzen geblieben ist, als die Polizei kam. Wenn sie davon erzählt, schaut sie einen herausfordernd an, als wolle sie sagen: Das hätte man mir nicht zugetraut, oder?

Leser-Kommentare
  1. Liebe Autoren,

    Sie erwähnen in Ihrem Artikel den Rentner Dietrich Wagner, dessen blutende Augen in ganz Deutschland gesehen wurden. Wie kommen Sie zu der Aussage, dass er so schwer verletzt wurde, dass er dadurch fast erblindet sei. Das Wort "fast" ist dabei wirklich irreführend. Es liest sich wie ein Konjunktiv. Als würde er eigentlich noch immer sehen können. Der Mann ist auf einem Auge ganz erblindet, auf dem anderen sieht er nur noch 8 %. Welche Lebensqualität hat dieser Mann jetzt? Er ist nicht fast erblindet, er ist so gut wie blind. Er sieht mit nur noch einem Auge lediglich schemenhafte Schatten und das von Staats wegen.

    10 Leser-Empfehlungen
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    ..hat dieser bedauernswerte Mann sich selbst immer wieder und obwohl andere ihn wegführen wollte - also offensichtlich mit einen gewissem Vorsatz - in den Wasserstrahl gestellt und so eine Verletzung durchaus riskiert. Man könnte das auch Alterstarrsinn nenne - eine letztes mal den Helden spielen wollen eben - das kann aber auch keiner brauchen - genauso wenig wie die Wasserwerfer der anderen Seite !

    ..hat dieser bedauernswerte Mann sich selbst immer wieder und obwohl andere ihn wegführen wollte - also offensichtlich mit einen gewissem Vorsatz - in den Wasserstrahl gestellt und so eine Verletzung durchaus riskiert. Man könnte das auch Alterstarrsinn nenne - eine letztes mal den Helden spielen wollen eben - das kann aber auch keiner brauchen - genauso wenig wie die Wasserwerfer der anderen Seite !

    • WIHE
    • 05.01.2011 um 17:03 Uhr

    um die Enkelkinder.
    Viele hatten schon selbst keine Kinder und nun erst recht keine Enkelkinder.

    Heute gibt es so wenige davon, dann man glaubt, sich um so unwichtige Dinge wie den Stuttgarter Bahnhof kümmern zu müssen oder um das, was in 100 000 Jahren mit abgebrannten Brennelementen passiert.

    Etwas mehr Sport, dann wäre vielleicht der Kopf noch klar.

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    Manche meinen, Sport helfe, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich nicht. Ich versuche es mit dem Denken. Sollten Sie auch mal versuchen. Gelingt aber nicht bei jedem. Sport eher. ;-)

    Haben Sie es selbst versucht?
    Denken kann viel hilfreicher sein und führt i.d. R.nicht zu der Haltung :interessiert mich nicht, sollen sich andere kümmern, nach mir die Sintflut.

    Aber wie sagte jemand mal beim Anblick eines Body-Builders? Tausend Watt und eine Birne!

    So kann es bei zuviel Sport gehen.

    Manche meinen, Sport helfe, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich nicht. Ich versuche es mit dem Denken. Sollten Sie auch mal versuchen. Gelingt aber nicht bei jedem. Sport eher. ;-)

    Haben Sie es selbst versucht?
    Denken kann viel hilfreicher sein und führt i.d. R.nicht zu der Haltung :interessiert mich nicht, sollen sich andere kümmern, nach mir die Sintflut.

    Aber wie sagte jemand mal beim Anblick eines Body-Builders? Tausend Watt und eine Birne!

    So kann es bei zuviel Sport gehen.

  2. Manche meinen, Sport helfe, einen klaren Kopf zu bekommen. Ich nicht. Ich versuche es mit dem Denken. Sollten Sie auch mal versuchen. Gelingt aber nicht bei jedem. Sport eher. ;-)

    • WIHE
    • 05.01.2011 um 17:46 Uhr

    führt zu geistiger Verspannung,
    tut dem Körper nicht gut, auch nicht den Ergebnissen des Denkens.

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  3. das Lebensende greifbar,
    das ganze Leben dem Konsum, dem Auto überhaupt dem angenehmen Leben hinterhergehechelt, die Kinder im Überfluss erzogen...
    Das kann's doch nicht gewesen sein.

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  4. 6. na ja

    "Wie kommt es, dass ein ehemals streng konservativer Mensch zum ebenso strengen Kritiker des Kapitalismus wird – in einer Art Umkehrung des Joschka-Fischer-Phänomens?"

    So ein Phänomen ist das nicht. Gibt es bei Politikern öfters. Sie müssen im Amt aus vielen Gründen ideologisch funktionieren. Einige entwickeln dabei ein Spannungsfeld, Lagerdisziplin gegen empfundene Realität. Über die Zeit häufen sich die diszipliniert ausgehaltenen Lagermängel und mutieren zur Antihaltung gegen diesen ideologischen Hort, der diesen Stress macht.
    Den lässt man mit Abnehme des Karrieadrenalins raus.
    Das geht mehrheitlich am Ende der Laufbahn, weil man perspektivisch durch oder ganz oben angekommen ist.

  5. ..hat dieser bedauernswerte Mann sich selbst immer wieder und obwohl andere ihn wegführen wollte - also offensichtlich mit einen gewissem Vorsatz - in den Wasserstrahl gestellt und so eine Verletzung durchaus riskiert. Man könnte das auch Alterstarrsinn nenne - eine letztes mal den Helden spielen wollen eben - das kann aber auch keiner brauchen - genauso wenig wie die Wasserwerfer der anderen Seite !

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    Artikel geschrieben liebe(r) 13500000000bC...

    Darf jetzt die Zeit ihre IP, Adresse und Namen bekannt geben damit Ihnen ähnliches passieren könnte?

    Nein? Na dann lassen Sie doch bitte zukünftig solche Sprüche.

    Danke.

    Artikel geschrieben liebe(r) 13500000000bC...

    Darf jetzt die Zeit ihre IP, Adresse und Namen bekannt geben damit Ihnen ähnliches passieren könnte?

    Nein? Na dann lassen Sie doch bitte zukünftig solche Sprüche.

    Danke.

  6. ...den sich unsere Politiker genau durchlesen sollten. Die ältere Generation kennt den Wert einer "gerechten" Gesellschaft - und erkennt ihr Ungleichgewicht. Deshalb geht es auch nicht nur um einen Bahnhof oder 100000 Strahljahre, wie mancher Poster glauben machen will.

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