Wie der Vulkan im Hintergrund heißt, verrät im Zweifelsfall eine App oder Website © Tarko SUDIARNO/AFP/Getty Images

Es war einmal ein Reisebuch, das hieß Ich bin dann mal weg. Hape Kerkelings millionenfach verkaufte Schilderung seiner Wanderung nach Santiago de Compostela traf eine Sehnsucht der Zeit: Reisen unplugged gewissermaßen, mit Rucksack, Wanderstab und viel Gottvertrauen. Schön, oder?

Nein, eigentlich nicht. Wer nach alter Art unterwegs sein will, steht vor einem Dilemma: Entweder man plant alles im Voraus, oder man muss mit Strapazen rechnen. Wunden Füßen, weil man sich verlaufen hat. Nassen Sachen, weil das Gewitter einen auf freiem Feld überrascht. Schlechter Laune, weil man sich den Einheimischen nicht verständlich machen kann. Juckender Haut, weil die Unterkunft ein Bettwanzenproblem hat. Müden Gliedern, weil die Bücher, die vor all dem bewahren sollten, so viel wiegen. Enttäuschung, weil deren Geheimtipps längstüberlaufen sind. Der Massentourismus ist den Einzelgängern dicht auf den Fersen. Wer ihm bequem entkommen will, muss schnell und gut informiert sein. Auf dem Jakobsweg findet man nicht mehr sich selbst, sondern nur seinesgleichen.

Der Reisende der Zukunft hat solche Sorgen vielleicht nicht mehr. Nennen wir ihn den elektrifizierten Touristen. Seinen Wanderstab trägt er in der Tasche – als Smartphone, Tablet oder Netbook mit GPS. Aber damit genug vom Jargon. Es geht einfach um Minicomputer, die sich nicht nur mühelos herumtragen lassen, sondern dank Satellitenortung auch wissen, wo sie gerade sind. Diese Technik steckt inzwischen fast in jedem zweiten Handy. Unser elektrifizierter Reisender ist also schon massenhaft unterwegs. Schauen wir ihm über die Schulter.

Am Anfang packt er seinen Koffer, ganz normal. Nein, nicht ganz. Er hat eine Anwendung wie Packing Pro auf dem iPhone. Da gibt er ein, wohin er will, wozu, wie lange – und bekommt eine Liste der Dinge, die er wahrscheinlich braucht, samt Gewichtangabe und einer Erinnerung, noch einmal die Blumen zu gießen. Dann ab in die Bahn zum Flughafen. Ein Gratisprogramm der DB errechnet metergenau den schnellsten Weg vom Standort zum Ziel, Verspätungen inbegriffen. Das Flugticket hat unser Reisender natürlich im Internet gebucht. Während der Bahnfahrt checkt er per Handy ein, die Bordkarte kommt auf den Bildschirm. Vorher kurz ein Besuch bei seatguru.com. Da steht zu lesen, wo bei welchem Flugzeugtyp die kommodesten Plätze sind. Die Zeit vor dem Abflug eignet sich gut, um nach Reiselektüre zu stöbern. Drei, vier Bücher aus dem E-Buch-Laden; vielleicht auch mehr, sie wiegen ja nichts.

Nach der Landung, beim Warten am Gepäckband, bucht unser Reisender sein Quartier. Er prüft, welche Hotels im Reiseforum seines Vertrauens am höchsten bewertet wurden. Dann sucht er zwei, drei Buchungsplattformen nach den besten Preisen ab. Liegt das Haus der Wahl in einem netten Viertel? Ein Blick auf die mobile Version von Google Street View verrät es. Um hinzukommen, nimmt er ein Taxi, ohne Angst vor Nepp. Die Anwendung Taxometer zeigt an, was es kosten darf.

Weiter geht es zum Shoppen. Den Concierge muss unser Tourist nicht bemühen. Qype Radar zeigt ihm, wo in seiner Nähe beliebte Geschäfte sind. Bei der Beratung im Laden hilft der Online-Übersetzer zum Reinsprechen. Auf dem Rückweg ein wenig Kultur: Wikihood erklärt die Sehenswürdigkeiten ringsum. Und was ist das für ein Kirchturm da hinten? Ein Foto mit der eingebauten Kamera, und Google Goggles erkennt das Bauwerk. Nicht mal mit den allermenschlichsten Bedürfnissen lässt die Technik ihren Nutzer allein: Sit or squat heißt das Programm, das die nächste Toilette ausfindig macht. Wenn der Spaziergang gefallen hat, denkt unser Reisender an die, die ihm folgen. Er sendet seine automatisch erfasste Route als Tourempfehlung an eine Community wie GPSies.com. Zum Schluss noch ein Gruß an die Lieben daheim – altmodisch als Urlaubskarte. In Auftrag gegeben jedoch digital, mit Fotos und Text vom Handy.

All diese Programme gibt es schon, für wenig Geld oder gratis. Die meisten sind noch nicht ausgereift, weshalb sie oft als Spielerei abgetan werden. Aber es geht um mehr. Um Freiheit. Erst planen, dann fahren, an diese Regel musste sich bislang jeder halten – bis auf ein paar Interrailer und Tramper. Der Reisende von morgen macht es besser: Er plant, während er unterwegs ist. Er rollt seine Route von Ort zu Ort wie einen Teppich vor sich her. Länger bleiben, umkehren, weiterziehen liegt stets in seinem Ermessen.

Wer im Urlaub vor allem Ruhe sucht, wird auf so ein Angebot dankend verzichten. Die stärksten Vorbehalte spürt man innerhalb der sogenannten Informationselite, genährt wahrscheinlich von der Angst, künftig gar nicht mehr abschalten zu können. Zeitungsberichte über die neue Technik steuern beinahe zwanghaft auf dieselbe Pointe zu: der GPS-Gläubige, der im Bann seiner Gerätschaften gegen die Wand läuft, weil er vor lauter Tipperei sein Reiseziel gar nicht mehr wahrnimmt.