FDP-DreikönigstreffenTriumphal abgestürzt

Guido Westerwelle kann sich politisch kaum mehr erholen. Er wird in die Geschichte der Bundesrepublik eingehen – wenn auch anders, als er es sich erhofft hat. von 

Wenn er es beim nächsten Mal nicht schafft, hat er seine Karriere hinter sich – so konnte man es zwischen 2005 und 2009 immer wieder über Guido Westerwelle hören. Die wahre Pointe kennt man erst heute: Gerade weil er es 2009 so triumphal an die Macht schaffte , war die Bühne bereitet, auf der er scheiterte.

Doch es wäre zu kurz gegriffen, Westerwelles Niedergang als FDP-Chef auf die Fehler und Verrücktheiten des abgelaufenen Jahres zu reduzieren: auf die enormen Schwierigkeiten der FDP und ihres Vorsitzenden, die lange ersehnte Macht auszufüllen, oder auf den Kontrast zwischen Erwartung und Enttäuschung, den die Liberalen ihren Anhängern zugemutet haben. Nein, die Wurzeln von Westerwelles Scheitern reichen weiter zurück.

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Schon bei seinem fulminanten Start auf der Bonner Bühne 1994 ließ sich das hohe Risiko dieser gerade erst beginnenden Karriere erahnen. Manche sprechen nun davon, auf dem Dreikönigstreffen seiner Partei in Stuttgart werde Westerwelle die wichtigste Rede seines Lebens halten. Das ist übertrieben optimistisch. Er muss jetzt nur noch sich selbst davon überzeugen , dass seine Zeit an der Spitze der FDP abgelaufen ist.

Gut 16 Jahre ist es her, dass Guido Westerwelle FDP-Generalsekretär wurde, seit fast zehn Jahren steht er an der Spitze seiner Partei . Gar nicht so lange. Und doch fühlt es sich an, als sei er schon immer dabei gewesen. Das hängt mit der intensiven Art zusammen, in der Westerwelle all die Jahre über Politik betrieben hat: unüberhörbar, demonstrativ und immer mit dem angestrengten Gestus dessen, der allen beweisen will, dass seine große Zeit erst noch bevorsteht.

Seine selbstbewusste Omnipräsenz hat ihn politisch weit schneller altern lassen als die unscheinbareren Vertreter seiner Zunft. Die Gefahr jedenfalls, dass einer, der so provokativ, energisch und dominant auftritt, auch schneller Überdruss erzeugt, hat ausgerechnet Westerwelle, der Meister politischer Selbstvermarktung, nie wirklich ernst genommen.

Dass man bei ihm von Beginn an nicht recht wusste, was politischer Inhalt und was PR, was Botschaft und was Verkaufsstrategie war, markiert einen fatalen Grundzug seiner Karriere. Er resultiert aus der ganz und gar außergewöhnlichen Situation, in der ein junger, energiegeladener, hochtalentierter Generalsekretär sich daranmachte, seiner ausgelaugten Partei eine neue Perspektive zu geben.

Im Kontrast zu einer FDP , die in den langen Jahren der Macht uninteressant, opportunistisch und abhängig von ihrem Koalitionspartner geworden war, entwarf Westerwelle das attraktive Gegenbild: eine interessante, prinzipienfeste und eigenständige Partei.

An der Diskrepanz zwischen dieser ambitionierten Projektion und der tristen Lage wäre jeder normal begabte Jungpolitiker gescheitert. Westerwelle aber, hocheloquent und wild entschlossen, überbrückte die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit allein mit der Kraft seiner politischen Imagination und dem enormen Willen, sie unter die Leute zu bringen. Weder vom Hohn und Spott der Gegner noch von den zahllosen Wahlniederlagen ließ er sich irritieren. Stur bewarb er das Projekt eines vitalen, unsentimentalen, reformfreudigen Liberalismus.

Auch weil ihm damals das Unwahrscheinliche gelang – seine Partei aus der Existenzkrise zu führen – fällt es ihm heute so schwer, einzusehen, dass er für die Rolle des Retters nicht mehr taugt.

Aus der einzigartigen Konstellation einer fast schon apathischen Partei und ihres erfolgsbesessenen Jungmanagers hat sich Westerwelles aggressiver, suggestiver Politikstil entwickelt. Die FDP war wirklich schwer zu verkaufen. Weil die politische Öffentlichkeit die Liberalen nach fast 30 Jahren an der Macht schon abgeschrieben hatte, entwickelte Westerwelle eine Form politischer Kommunikation, die sich von aufdringlicher Produktwerbung kaum mehr unterscheiden ließ.

Leserkommentare
  1. Welch' fürchterliche Alternative zum Parteivorsitzenden muss die FDP in der Hinterhand haben, dass jetzt sogar schon Seehofer FÜR Guido plädiert ? Da wird einem Angst
    und Bange ....

    • ztc77
    • 06. Januar 2011 11:04 Uhr
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    • 1fisch2
    • 06. Januar 2011 12:58 Uhr

    stimme ich fast zu 100 Prozent zu.

    Nur eines sehe ich anders.

    Westerwelles Erfolg 2009 war nur möglich, nach 16 Jahren Kohl und 9 (?) Jahren Schröder.

    Was sollte man denn noch wählen 2009.

    Herr Westerwelle war der Meinung, daß er allein seine Partei auf 15 % Wählerzustimmung geführt hat.
    Und mit dieser Gewissheit erlaubte er sich eben, auch mal die Maske fallen zu lassen, und seine Meinung zu den Geringsten in unserem Lande zu sagen.

    Selbst wenn er so denkt, daß alle, denen es schlecht geht selbst Schuld sind, darfer das nicht sagen.

    Seine Menschenverachtung ist in jedem seiner Gesichtszüg zu erkennen. Nur höchstkonzenrtriert gelingt es ihm, politisch akzeptabel zu reden.

  2. Der Artikel tut der FDP und ihren Vorsitzenden zu viel Ehre
    an. In der Geschichte der Bundesrepublik werden beide allenfalls Marginalien bleiben. Wer einnert sich z.B. heute noch an Erich Mende, den damaligen Vizekanzler und Vorsitzenden dieser - nach dem Wort von Herbert Wehner - "alten Pendler-Partei."

  3. Alles konzentriert sich auf Westerwelle.Darin liegt eine große Gefahr. Die Gefahr nämlich, das nach dem Sturz oder Rücktritt von Westerwelle die FDP nicht mehr erkannt wird as das, was sie ist.Sie ist nämlich genau das, was Westerwelle darstellt. Sie ist sozialfeindlich, sie betreibt ausschließlich Klientelpolitik, sie spaltet die Gesellschaft, sie zerstört den Sozialstaat, sie ist korrupt und arrogant.
    Westerwelle ist nur ein Teil des Problems.Die eigentliche Gefahr ist die FDP.Diese Splitterpartei an denRändern der Politik darf nie wieder politischen Einfluß gewinnen.

    • nik3065
    • 06. Januar 2011 11:07 Uhr

    Bilderberger Westerwelle mache ich mir keine Sorgen. Der wird-wenn gewollt- schon eine hoch dotierte Position in der undemokratischen(keine Wahlen)EU Kommission bekommen.

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    • cvnde
    • 06. Januar 2011 11:35 Uhr

    Westerwelle könnte es schaffen, wenn er in die Kommission nominiert werden sollte, dass diegesamte Kommission nicht durchs eP bestätigt wird.

  4. In seiner grenzenlosen Selbstliebe scheint Guido nicht zu merken, dass er selbst sein wohl größter Fein ist.

    Gekürzt. Verzichten Sie auf geschmacklose Bemerkungen. Die Redaktion/sh

    • k2
    • 06. Januar 2011 11:29 Uhr

    was uns bei den bevorstehenden Landtagswahlen in die Tiefe reisst. Der Ultraliberalismus der Nafta war fuer Kanada und die Karibik faral und zuhause droht uns dadurch Ungemach :
    "Doch weil in Westerwelles Welt auf Dauer jede politische Idee auf ihren plakativen, werbeträchtigen Gehalt hin abgeklopft wird, degenerierte das neoliberale Projekt über die Jahre zu einer vulgärliberalen Schrumpfvariante"(Matthias Geis). Die Degenerationsdebatte kostete uns Waehler waehrend
    Moellemann mit der deutsch-arabischen Handelskammer auf dem Weg zu siebzehn Prozent an Partei-Partizipationsscheinen bei der Bevoelkerung war.

  5. Dieser Artikel ist de-facto schwach. Warum? Weil er eine Themaverfehlung darstellt. Das Thema sollte doch lauten inwiefern Westerwelle gescheitert ist. Statt dessen besteht er aber zu 90% daraus was W. alles so toll und so richtig gemacht hat.
    Wenn er aber so ein toller Parteivorsitzender ist, warum ist er dann gescheitert? Da kann also was nicht stimmen.

    Die Lösung könnte ja durchaus sein, daß die Partei TROTZ Westerwelle auf dem absteigenden Ast ist, aber dann muss man das auch sagen. Aber man kann nicht das Scheitern als Thema wählen, aber im Verlauf des Berichts dann nur seine ganzen Verdienste aufzählen, mehr oder weniger jedenfalls. Das geht nicht!

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    • Tammy
    • 06. Januar 2011 11:50 Uhr

    Lesen Sie den Artikel noch einmal.

    "Das Thema sollte doch lauten inwiefern Westerwelle gescheitert ist. Statt dessen besteht er aber zu 90% daraus was W. alles so toll und so richtig gemacht hat.
    Wenn er aber so ein toller Parteivorsitzender ist, warum ist er dann gescheitert? Da kann also was nicht stimmen."

    um so zu scheitern, muß man ja auch erst einmal erfolg gehabt haben. ich finde es angemessen, daß der autor des artikels ihm das noch zugesteht.

    • joG
    • 06. Januar 2011 13:12 Uhr

    ....dass die Inhalte der FDP Politik ja auch nachhaltiger sind, als die Alternativen und Westerwelle sie grosso Modo durchgehend vertritt. Wie der Artikel demonstriert, ist dieser richtige (für die Gesellschaft) Politikansatz aber nicht genug, wenn der Träger der Botschaft eher negatives Charisma bei den Wählern hervorruft. Nimmt man dann noch hinzu, dass die durchschnittliche Grundeinstellung der Wähler noch sehr illiberal ist, so ist das Rezept ungünstig für den Botschafter und man köpft ihn.

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