ZEITmagazin:Herr Lindbergh , Sie feiern ein Jubiläum, Sie fotografieren nun seit 40 Jahren.

Peter Lindbergh: 1971 war ich aber noch nicht Fotograf! Aber es stimmt, ich war 26 und habe mir die erste Kamera gekauft, bei Foto Soehn in Düsseldorf, eine gebrauchte Minolta. Teuer kann sie nicht gewesen sein, ich hatte damals kein Geld. Ich bin dann öfter zu meinem Bruder gefahren, um seine drei Kinder zu fotografieren, das sind meine ersten Fotos.

ZEITmagazin: Haben Sie gleich gemerkt, Fotografieren, das ist es?

Lindbergh: Nein, das wäre übertrieben. Dass daraus mein Beruf werden kann, habe ich erst später gemerkt, als Assistent des Werbefotografen Hans Lux. Das erste Mal, als ich selbst auf den Auslöser seiner Kamera drücken durfte, haben wir Werbung für Berufsbekleidung gemacht mit irgendwelchen kurzen Kitteln. Ich erinnere mich genau, wie das aussah…

Lindbergh steht auf, seine Hände in den Hüften, setzt ein ernsthaftes Modelgesicht auf, lacht.

…phänomenal! Das Bild wäre heute eine wunderbare Motivation für jeden Nachwuchsfotografen, nach dem Motto: Na ja, auch der hat mal angefangen. Das Foto gibt es Gott sei Dank nicht mehr.

ZEITmagazin: Haben Sie heute einen Rat für junge Fotografen?

Lindbergh: Nicht bei berühmten Fotografen assistieren. Es ist später schwer, sich von deren Einfluss zu befreien. Er sollte lieber selbst so viel wie möglich fotografieren. Qualität und eine gewisse Identität entstehen durch Machen.

ZEITmagazin: Das klingt zu einfach, um wahr zu sein.

Lindbergh: Es gibt viele Fotografen und Art-Direktoren, die bei einem Shooting den gleichen Fehler machen: Sie richten das Motiv ein, bauen alles auf und fangen erst an zu fotografieren, wenn sie glauben, das ist genau das Foto, das ich machen will. Die Art-Direktoren drehen an den Models herum wie an Puppen, fragen ihre Assistenten: »Wie findest du die Armhaltung, lieber mehr nach links oder nach rechts? Okay, so bitte stehen bleiben!« Dann drehen sie sich zum Fotografen: »Jetzt kannst du schießen.« Deswegen stehen die Models auf diesen Bildern oft herum, als wären sie gar nicht mehr anwesend.

ZEITmagazin: Was ist bei Ihnen anders?

Lindbergh: Ich mache genau das Gegenteil. Ich fange ganz früh, wenn alles noch eingestellt wird, an zu fotografieren, wenn das Motiv noch unattraktiv aussieht. Und während ich anfange zu fotografieren, bauen wir am Set, ändern hier etwas, da ein Detail, experimentieren mit dem Licht. Das Bild entsteht organisch, manchmal kann das eine Stunde dauern oder zwei, manchmal nur drei Minuten. Plötzlich bist du an dem Punkt, an dem es stimmt.

ZEITmagazin: Gehen wir zu Ihren Anfängen, in die Sechziger. Was waren Sie für ein Typ damals?

Lindbergh: Auf unsere deutsche Vergangenheit reagierend, wollte ich auf keinen Fall zur Bundeswehr. Ich bin für einige Monate in die Schweiz gezogen, aber da habe ich es nicht ausgehalten. Gott sei Dank gab es das alliierte Berlin.

ZEITmagazin: Wer in Berlin lebte, wurde nicht eingezogen.

Lindbergh: Ja. Meine erste Wohnung war in Wedding in der Ruheplatzstraße 21, gegenüber vom Krematorium, später bin ich zu einem pensionierten Richter und seiner Familie gezogen am Stölpchensee. In der Schweiz hatte ich als Schaufensterdekorateur gearbeitet ...