Ein Muslim und ein Jude stehen vor einem festlich geschmückten Christbaum im Herzen Jerusalems. Draußen Regen, drinnen Kerzen. Es sieht gemütlich aus. Wem an Religionsfrieden im Nahostkonflikt gelegen ist, dem muss bei dieser Szene das Herz aufgehen. Die beiden unterhalten sich angeregt und freundschaftlich, sie nicken viel, wenn der andere spricht. Der eine: Scheich Abdul Hadi Palazzi, römischer Imam und Vorsitzender der muslimischen Vereinigung Italiens. Der andere: Arie King, Chef des Israel Land Fund, einer Organisation, die sich darauf spezialisiert hat, Muslime aus den palästinensischen Gebieten zu vertreiben und das Land an jüdische Siedler zu verkaufen. »Scheich Palazzi«, sagt King, »schön, dass du da bist.«

Palazzi ist ein freundlicher, rundlicher Mann mit ergrautem Vollbart, seinem Landsmann Umberto Eco nicht unähnlich. Palazzi schätzt schlabberige Strickpullis und lange Schals, weil sie seine Figur kaschieren. Er schätzt ein klares Bekenntnis zur westlichen Werteordnung, weil es ohne diese keine Gerechtigkeit gebe auf der Welt. Außerdem schätzt er den von den Vereinten Nationen verurteilten jüdischen Siedlungsbau im besetzten Palästina. – Und zwar aus einem ganz einfachen Grund. Weil er nämlich, sagt er, Muslim ist. Einen Widerspruch kann der Imam da nicht erkennen.

Der Siedlungsbau ist einer der Knackpunkte im Konflikt zwischen israelischer Regierung und palästinensischer Autonomiebehörde. Die nach zähem Ringen im Herbst wieder aufgenommenen Verhandlungen hatten kaum begonnen, als sie bereits wieder beendet waren. Seit das Bau-Moratorium für die jüdischen Siedler im Westjordanland aufgehoben wurde, stehen sich Israelis und Palästinenser so unversöhnlich gegenüber wie eh und je. Vorschläge, wie man in den besetzten Gebieten zu einer territorialen Einigung kommen könnte, gibt es zwar zuhauf. Doch dass sich im neuen Jahr die Situation entspannt, ist wohl utopisch.

Denn längst ist aus dem politischen ein religiöser Konflikt geworden . Den Streit, wer auf welchem Land rechtmäßig siedeln darf, haben jüdische wie muslimische Scharfmacher zu einem Kampf der Konfessionen, zu einem Krieg um das Heilige Land ausgeweitet. Selbst wenn Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und Palästinenserpräsident Machmud Abbas zu einer Einigung kommen sollten – was an sich schon unwahrscheinlich ist –, dürfte es den geistlichen Meinungsführern auf beiden Seiten mühelos gelingen, jedweden Kompromiss mithilfe von Jahwe und Allah wieder zunichtezumachen.

Palazzi gehört, ohne es gewollt zu haben, nun selbst zu den Scharfmachern und zählt unter den vielen Akteuren, die sich mit religiöser Motivation in den Nahostkonflikt einmischen, zu den besonders tragischen Gestalten. Ursprünglich trat er an, um den Islam aus dem politischen Konflikt herauszuhalten und vor den Radikalen zu schützen. Das Gegenteil hat er erreicht: Aus einem moderaten Philosophen im Kampf gegen Extremisten wurde selbst ein Radikaler. Aus dem Einsatz für einen liberalen Islam wurde ein Feldzug gegen die Mehrheit der Muslime und für eine rechte israelische Politik. Der Scheich, der in hohen politischen Kreisen Israels Gehör findet und als prominentester Muslim Italiens auch unter Glaubensbrüdern noch Vertrauen genießt, hätte manches zum Dialog im Nahen Osten beitragen können. Hätte.

Palazzi wuchs als säkularer Muslim in Italien auf. Seine Mutter stammt aus Syrien, sein italienischer Vater, ein Christ, konvertierte zum Islam. Der junge Palazzi studierte zunächst Philosophie in Rom, zog dann nach Kairo und wurde ein Schüler von Mohammed Mutawalli al-Scharawi, damals Mufti von Ägypten und ein Liberaler. Der riet dem Präsidenten Anwar al-Sadat einst dazu , mit Israel in Friedensverhandlungen zu treten. Sadat folgte dem Rat und wurde von radikalen Muslimen ermordet, weil er nach deren Meinung ein Zionist war. Für Palazzi wie auch für viele um Frieden bemühte Muslime jedoch war Sadat ein Märtyrer. Palazzi entschied damals, dass auch er etwas verändern müsse, und begann mit seinem Namen. Massimo wurde zu Abdul Hadi Palazzi. Er wollte für demokratische Rechte stehen und für die friedliche Botschaft des Korans.