Neidisch haben viele deutsche Mediziner lange Zeit in Richtung USA geschaut. Dort betreibt man Gesundheitsforschung im ganz großen Stil, auf Staatskosten. Die National Institutes of Health (NIH) untersuchen mit 18.000 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von 29 Milliarden Dollar die Massenplagen der westlichen Zivilisation: Krebs ist darunter, Diabetes, neurologische Erkrankungen wie die Alzheimer-Demenz, Allergien und viele weitere. Es ist Weltklasseforschung, die unter anderem die Entschlüsselung des menschlichen Genoms vorantrieb.

Jetzt schickt sich Deutschland an, dem Vorzeigemodell NIH nachzueifern. Pünktlich zum Jahr der Gesundheitsforschung , das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) für 2011 ausgerufen wurde, soll ein weiterer Schritt auf dem Weg zur deutschen Variante der NIH gegangen werden.

Wie in den USA soll an vier weiteren Zentren der Gesundheitsforschung (zwei existieren bereits) die Expertise universitärer und außeruniversitärer Forschung zusammenfließen, um die Gesundheitsprobleme einer alternden Gesellschaft in den Griff zu bekommen. Die vier neuen Zentren, deren Gründung Mitte dieses Jahres bevorsteht, sind nicht nur weitere virtuelle Kollaborationen, sondern die Idee materialisiert sich, zum Anfassen, in Beton und Glas. Das ist eigentlich kein schlechter Plan.

Was eine erstklassige Gesundheitsforschung bewirken kann, sollte sich leicht auf der anderen Seite des Atlantiks überprüfen lassen. Die Vorläufer der NIH wurden schließlich bereits 1887 gegründet. Dort gibt es also genügend Erfahrung. Doch leider brachten über einhundert Jahre medizinisches Tiefengrübeln nur spärlichen Nutzen für die Bevölkerung. In der Lebenserwartung stehen die USA auf Platz 36, direkt hinter Kuba und weit hinter Deutschland (Platz 20), und bei der Kindersterblichkeit schneiden manche amerikanische Bundesstaaten etwa so gut ab wie Südindien.

Damit ein medizinischer Ruck durch die kränkelnde Gesellschaft gehen kann, sind mehr als Geld, Gebäude und gute Hoffnung gefragt. Die beste Wissenschaft kann für die Gesundheit der Bevölkerung nichts ausrichten, wenn die Strukturen des Gesundheitssystems es nicht erlauben, dass diese Erkenntnisse umgesetzt werden. Etwa wenn, ganz einfach gesprochen, ein Fahrdienst fehlt, um einen älteren Patienten aus dem ländlichen Gebiet – wo inzwischen die Hausärzte fehlen – in die Stadt zu bugsieren.

Es ist nicht so, dass es in der Roadmap, die das BMBF im Jahr 2007 aufgelegt hat, an guten Vorsätzen mangelt. Von Prävention ist darin viel die Rede, von Versorgungsforschung und dem Bemühen, endlich die Forschungsergebnisse besser und schneller zur Anwendung in der Praxis zu bringen.

Durch die Verlautbarungen des Ministeriums schimmert aber noch ein anderer Geist. Deutschlands medizinische Wettbewerbsfähigkeit habe in den vergangenen Jahrzehnten nachgelassen, heißt es dort. Man müsse die »nationalen Forschungsanstrengungen« auf »international wettbewerbsfähiges Niveau« hieven. Sollte es gar nicht um Volkes Gesundheit gehen, sondern um möglichst viele Forschungspatente? Dann wäre 2011 die Geburtsstunde der deutschen National Institutes of Medical Profit.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio