Der Schriftsteller Heinrich von Kleist © Hulton Archive

Der 21. November 1811 ist ein kalter Herbsttag. Die Wirtsleute des Gasthofs Stimmings Krug am Kleinen Wannsee bei Berlin sind daher verwundert, als ein Paar, Anfang 30, Kaffee und Rum ans Ufer bestellt. Die beiden sind euphorischer Stimmung. Ein Tagelöhner der kleinen Gaststätte wird später zu Protokoll geben, er habe sie schäkernd am Ufer entlanglaufen sehen, sich jagend wie kleine Kinder.

Kurz darauf hallen zwei Schüsse durch die Herbstlandschaft. Heinrich von Kleist hat in einer kleinen Senke Henriette Vogel in die Brust geschossen, dann sich selbst in den Mund. Als man die beiden fand, lag sie auf dem Rücken, die Hände über dem Leib gefaltet. Kleist saß kniend vor ihr, hatte den Kopf auf eine Pistole gestützt.

Kleist hatte Henriette Vogel erst kurz vor dem gemeinsamen Selbstmord kennengelernt. Sie war an Krebs erkrankt, Kleist hatte ihr Leiden abgekürzt. Sie kam ihm für sein Vorhaben zupass. Der Doppelselbstmord war keine romantische Liebestat. Frauen verschmähte Kleist nach einer frühen und missratenen Verlobung, Frauen wiederum war der untersetzte, stotternde, vergrübelte Dichter im Umgang wohl kein rechter Genuss. Am Vorabend des Selbstmords ist Kleist finanziell ruiniert, dem breiten Lesepublikum unbekannt, von Preußen enttäuscht, dem er eine patriotische Erhebung gegen die napoleonischen Besatzer abverlangte. Alles in allem: eine schlechte Partie. Kleist bescheinigt selbst die eigene Familie, er sei ein »nichtsnütziges Glied der menschlichen Gesellschaft«.

Sprach jemand um 1800 vom Dichter Kleist, meinte er zumeist einen entfernten Verwandten Heinrichs, Ewald von Kleist, einen Schriftsteller zarter Idyllen, der in der Schlacht bei Kunersdorf 1759 zum Ruhm seiner militärisch ambitionierten Familie gefallen war. Spricht heute jemand von Kleist, denkt er selbstverständlich an Heinrich und an das waghalsigste Werk, das i m Zeitalter der Aufklärung und der Weimarer Klassik entstanden war – und das alles vorwegzunehmen scheint, was das 20. Jahrhundert, ja noch das unsere umtreibt: die Vetternwirtschaft einer unübersichtlichen Verwaltungswelt (Michael Kohlhaas); national beseelte Massenschlachten (Die Hermannsschlacht); fragile Geschlechtsidentitäten (Penthesilea), den jeder Sinnstiftung von Geschichte höhnenden Zufall (Das Erdbeben in Chili); eine radikale Sprachskepsis, jenes ratlose »Ach!« (Amphitryon) angesichts einer Welt, die Kleist als »gebrechliche Einrichtung« begriff.

Überhaupt sticht die Gewalt heraus, die in jeder noch so harmlosen Geste von Kleists Protagonisten zu lauern scheint – und die sich im Laufe der Handlungen Bahn bricht: Penthesilea zerfleischt ihren Geliebten Achill, Gehirne werden, etwa in seiner Erzählung Der Findling, an der Wand eingedrückt, das Käthchen von Heilbronn wird ausgepeitscht, die Marquise von O... vergewaltigt. Ja selbst die bedeutendste deutsche Komödie überhaupt, Der Zerbrochne Krug , in der der Dorfrichter Adam zum Angeklagten seines von ihm selbst geführten Prozesses wird, kreist um ein Sexualverbrechen. Die Welt war Kleist ein Krieg. Wer sie nicht umfasst halte wie ein Ringer, schrieb er in einem kurzen Prosatext, sie »tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfs, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reaktionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen; viel weniger in einer Schlacht.«

Goethe waren derlei Abgründe fremd, er befand, Kleist sei von einer »unheilbaren Krankheit« ergriffen. Als unheilbaren Fall hat sich Kleist am Ende seines Lebens selbst gesehen: Ihm sei auf Erden nicht zu helfen.

Dabei waren die Voraussetzungen glänzend. Als Abkömmling eines altpommerschen Adelsgeschlechts hatte er Zugang zu den Schaltstellen der preußischen Monarchie, in der seine Freunde munter Karriere machten. Ernst von Pfuel, sein engster Vertrauter, brachte es etwa zum preußischen Ministerpräsidenten, August Rühle von Lilienstern wurde Generalinspekteur des preußischen Bildungswesens.