Das 2008 vollendete Matrimandir ist das Meditationszentrum von Auroville

Wir alle kennen Tina. Sie sitzt morgens an unserem Frühstückstisch und geht abends mit uns ins Bett. Die Geheimzahl unserer Kreditkarte mögen wir gelegentlich vergessen, an Tina denken wir noch im Schlaf. Tina ist zwar nichts als eine traurige, permanent mit den Achseln zuckende Theorie, ersonnen von ebenso traurigen und permanent mit den Achseln zuckenden Soziologen. Doch dafür hat sie uns im Griff. Wir atmen in ihrem Rhythmus, unser Herz schlägt in ihrem Takt. Mit vollem Namen heißt Tina There is no alternative, zu Deutsch: Es gibt keine Alternative zum westlichen Lebensstil.

Tina ist eine mächtige Göttin. Sie verspricht uns im Tausch gegen unsere Seele Wohlstand und Bequemlichkeit, warme Wohnzimmer, leise surrende Autos, gut geschnittene Anzüge und so weiter. Das ist, verglichen mit anderen göttlichen Leistungsprofilen, wenig, aber zum Ausgleich garantiert uns Tina jedes Jahr mehr von dem wenigen, und kaum jemand möchte sie gegen eine weniger bequeme Gottheit tauschen. Nur wenn Tina mal weghört und gerade wieder irgendwo ein paar Finanzmärkte in die Brüche gehen, ein paar Helden in Depressionen versinken oder große Bahnhöfe unter die Erde gepflügt werden, fragt sich der eine oder andere: Gibt es nicht doch irgendwo auf dieser Welt eine Alternative zu unserem verrückten westlichen Way of Life?

Das kleine Flugzeug auf dem Monitor der Lufthansa-Maschine trudelt gerade irgendwo über Pakistan. Ich lege endlich das neueste, endlos öde Mittelstandsepos von Jonathan Franzen entnervt zur Seite und stimme mich auf mein Reiseziel am anderen Ende der Welt ein. Neben dem gerade hochgelobten Schmöker des Westens, den ich auf der ganzen Reise nie mehr aus der Tasche ziehen werde, habe ich noch eine vergilbte Broschüre im Handgepäck. Es sind Gedanken der französischen Philosophin und Lehrmeisterin Mirra Alfassa, geboren 1878 in Paris, gestorben 1973 in Puducherry, Südindien, eine tief überzeugte Anti-Tina, die von ihren Anhängern nach hinduistischer Tradition »die Mutter« genannt wird. Ein kurzer Text, den sie Ein Traum genannt hat, beginnt so: »Es sollte irgendwo auf der Erde einen Platz geben, an dem die spirituellen Bedürfnisse und die Sorge um geistigen Fortschritt wichtiger sind als die Befriedigung der Bedürfnisse und Leidenschaften, wichtiger als die Suche nach Vergnügen und materiellem Genuss.« Aus diesem Traum wurde Wirklichkeit. Im Jahr 1968 wurde in Indien, unweit von Puducherry, der Grundstein zur Verwirklichung dieses Traums gelegt: Auroville, die Stadt der Morgenröte.

Seit Jahren schon wünsche ich mir, nach Auroville zu fahren. Ein Flecken Erde am Golf von Bengalen, aus dem Nichts gebaut, an dem in den siebziger Jahren eine Handvoll Menschen nach den Ideen von Mirra Alfassa versuchten, das Leben noch einmal zu erfinden. Eine neue Stadt zu bauen, eine Gesellschaft zu gründen ohne Konkurrenzkampf, ohne Geld, ohne Egoismus, ohne Examen, ohne Strafen, ohne Autos, ohne Werbung, ohne Schlachthäuser, ohne Hurenhäuser, ohne Schulzwang, ohne Drogen, ohne Fleisch und ohne Alkohol.

Tief in der Nacht erreiche ich das Paradies, 150 Kilometer südlich von Chennai, 7500 Kilometer von Hamburg entfernt, nach zehn Stunden Flug und einer dreistündigen Autofahrt durch schlafende Dörfer, in denen frei herumlaufende Kühe die Durchfahrt versperren. Im Paradies ist es um drei Uhr nachts leer, dunkel und heiß, hier und da sitzen Paradieswächter auf weißen Plastikstühlen an den Weggabelungen und winken uns freundlich weiter. Im Gästehaus Afsanah hat man auf mich gewartet, ich bekomme zur Begrüßung eine Flasche kaltes Aurovillewasser und bleibe mit dem Geschrei der Vögel, der Hitze und den Sternen allein.

Das Paradies habe ich mir nicht so still und nicht so karg vorgestellt. Am Morgen weckt mich zwar kein Autoverkehr, aber auch kein Harfenspiel. Wieder nur das sich überschlagende Rufen der Vögel. Die rote Sandpiste vor dem Gästehaus: leer. Rechts und links neben der Sandpiste: nichts als Bäume. Keine Wegweiser, keine Kaffeehäuser, keine Läden. Irgendwo verloren im grünen Gestrüpp: weiße und lehmfarbene Architektenhäuser, die vor dreißig Jahren mit ihren ehrgeizig geschwungenen Dächern, üppigen Rundungen oder kühnen Winkeln mal der letzte Schrei gewesen sein mögen. Das erste Gefühl: wie Eva im Urwald, kurz nachdem die Sache mit dem Apfel und der Schlange passiert ist. Nur viel heißer.

In diesem Paradies brauchen Adam und Eva einen Motorradführerschein

Als sich in den frühen siebziger Jahren die ersten europäischen Aussteiger und Indienfahrer, die im Aschram bei Mirra Alfassa im benachbarten Puducherry hängen geblieben waren, in Auroville ansiedelten, war hier noch Ödnis. Mirra Alfassa entwarf gemeinsam mit dem Pariser Architekten Roger Anger auf dem Reißbrett eine futuristische Stadt in Form eines galaktischen Spiralnebels. Man baute ein paar Hütten, deckte die Dächer mit Bambus und Palmwedeln, schichtete Dämme auf, um den Monsunregen zu kanalisieren, machte die Landschaft fruchtbar und pflanzte Bäume. Mit bloßen Händen, hölzernen Baugerüsten und Erdkrügen, die von Hand zu Hand, von Kopf zu Kopf gereicht wurden, begann man die Stadt der Zukunft zu errichten. Von der Energie, die von der Mutter und dem Gemeinschaftsgeist der ersten Jahre ausgegangen sein muss, erzählen die weißhaarig gewordenen Ureinwohner, asketische, beeindruckende Senioren, die ich beim Mittagessen in der Gemeinschaftsküche treffe, noch heute mit leuchtenden Augen.