Wie dankbar muss man dem iranischen Kino doch sein, allein dafür, dass es uns die anderen Bilder eines Landes zeigt. Dafür, dass es den Blick öffnet auf eine Gesellschaft, die in der öffentlichen Wahrnehmung leicht zu unrasierten Despoten, gestikulierenden Mullahs und verschleierten Frauen zusammenschnurrt. Wer an das iranische Kino denkt, dem kommen die Filme von Abbas Kiarostami in den Sinn: große Parabeln, die mit feinem Sinn für die persische Sprachkultur ihre Themen verhandeln – Liebe, Tod, das Verhältnis von Mann und Frau, der Graben zwischen Kinder- und Erwachsenenwelt, die Philosophie des Selbstmords. Oder auch die Filme von Jafar Panahi, die mit Bildern aus dem Alltag vom Leben in einer streng islamischen Gesellschaft erzählen.

Panahi beschreibt die erstickende Ohnmacht, der Frauen in Iran tagtäglich ausgesetzt sind, ob daheim in der Ehe oder am Kartenschalter eines Busbahnhofes, wo sie sich ohne Zustimmung ihres Mannes kein Ticket kaufen dürfen. Aber er zeigt auch die Aufmüpfigkeit junger Frauen vor einem Fußballstadion, in das sie nicht hineindürfen. Wegen seines Mutes, seines unbestechlichen Blickes und wegen seiner Unterstützung der iranischen Oppositionsbewegung wurde Panahi gerade zu sechs Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt und mit einem 20-jährigen Berufsverbot belegt.

In den letzten Jahren sind zu diesem Kino der sozialen Panoramen und philosophischen Parabeln jedoch noch die Bilder eines jüngeren Kollegen hinzugekommen. Und inzwischen ist das iranische Kino nicht mehr denkbar ohne diesen 39-jährigen Regisseur, der vor ein paar Jahren auf der internationalen Bildfläche erschien: Asghar Farhadi. Auch sein Blick auf die iranische Gesellschaft ist unbestechlich. Auch seine Filme sind Sittengemälde im weitesten Sinne. Und doch unterscheidet ihn etwas von seinen Kollegen.

Farhadis Filme bringen auf beiläufige und dabei unerhört spannende Weise etwas auf die Leinwand, was im iranischen Kino überrascht: ein Lebensgefühl. Eines, mit dem sich Irans großstädtisch aufgewachsene, nach Westen blickende Generation identifizieren kann. Menschen, die studieren, mit Smartphones telefonieren und die im Internet nach Öffentlichkeiten jenseits der religiösen Sittenwächter suchen. Mehr als eine Million iranische Kinozuschauer – und geschätzte fünf Millionen DVD-Nutzer – haben in Fahadis drittem Film Elly (Darbarehye Elly) dieses Lebensgefühl gefunden – einschließlich seiner Grenzen. Und obwohl die Behörden den Filmstart von Elly ganz bewusst auf das ungünstige Wahlwochenende des Jahres 2009 legten, wurde er zu einem der erfolgreichsten iranischen Filme der vergangenen Kinosaison. Die iranische Kritik nannte ihn einstimmig den besten Film des Jahres, und einen der wichtigsten iranischen Filme überhaupt. Aber was macht Elly , der vor zwei Jahren den Regiepreis der Berlinale gewann, so besonders?

Der Film erzählt von der Generation der 25- bis 40-jährigen Teheraner, die hier mit der Ausgelassenheit einer französischen Landgesellschaft in ein langes Wochenende aufbrechen. Die drei Familien, die sich in einer leer stehenden Villa am kaspischen Meer einrichten, fahren rote BMWs und Jeeps, tragen sportliche Kapuzenjacken und gehen ganz ungezwungen miteinander um. Als jemand im heiteren Chaos fragt, wo denn die Männer und wo die Frauen schlafen sollen, sagt Sepideh (Golshifteh Farahani), die energischste der drei Ehefrauen, im Scherz: "Jeder, wo er will."

Es ist dieser "flüssige", mit behänder Kamera erzählte Filmbeginn, der uns die Figuren langsam nahebringt. Und so wie die Feriengesellschaft sich in dem weiträumigen, direkt am Meer gelegenen Haus einrichtet, die Räume entstaubt, lüftet und den Kindern die Bettstätten zuteilt, richten auch wir uns in einem Film ein, dem zunächst einmal eine Art Utopie innewohnt: ein paar Tage fernab von Teheran, weg von der städtischen Enge, den Mullahs und ihrer stickigen Moral. Ein paar Tage am Meer, das wie ein Versprechen am weißen Strand vor der Villa liegt.

Sepideh, die Anführerin und Organisatorin der Truppe, hat eine junge Frau als Gast mit in die Ferien geladen: Elly (Taraneh Alidoosti), eine ledige Lehrerin. Den westlich anmutenden lockeren Ton ihrer Gastgeber betrachtet sie mit einer Mischung aus Neugier und Irritation. Aber Elly, das wird bald klar, ist nicht einfach nur ein Gast: Sepideh will sie mit ihrem Bruder zusammenbringen, dessen Ehe gerade gescheitert ist. Ihre Kuppelei ist ein lockeres, mit sanftem Nachdruck vollzogenes Spiel der Andeutungen und Anspielungen, in dem sich Elly jedoch nicht wohlzufühlen scheint. Und so setzt sich mitten im heiteren Hin und Her der Feriengesellschaft fast unmerklich ein weiteres Bild zusammen: das einer jungen Frau aus einfacheren Verhältnissen, die sich dem scherzhaften Herrschaftston der Gastgeberin nur schwer entziehen kann. Es ist das Bild der Frau als einer von einer anderen Frau verfügten Heiratsware.