Kleistjahr Wie gefährlich ist Kleist?

Thomas Mann nannte das "Kleistische" kurzerhand das Moderne. Von Goethe bis zu Nietzsche und Rilke haben Schriftsteller den Dichter immer wieder als Herausforderung gesehen. Hier versuchen elf Autoren für unsere Zeit eine Antwort zu geben

Gefährlich? Kleist ist nicht harmlos, aber gefährlich war er nur für sich selbst. Er ist einer der eigenartigsten Dichter, die wir haben, ein Wesen wie von einem anderen Stern. Als Dichter seiner Zeit so etwas wie ein Gegenpol zu Napoleon, ein Napoleon der Partisanen. Beide, der junge Napoleon und Kleist, haben ein merkwürdiges Kindergesicht. Kleist hatte eine extreme Gabe der Wahrnehmung – und die extreme Gabe, das Wahrgenommene aufzulösen. Das gekonnt zersetzende Denken zersägt alle Herrschaft, darin ist er Anarchist. Aber er hatte eine Grundbereitschaft, sich rücksichtslos hinzugeben, die Goethe missfiel – Goethe war ein Homo compensator (ein Gleichgewichtler), Kleist ein Homo volans (ein fliegender Mensch); zum Homo sapiens gehörten beide nicht. Kleists Kunst hat etwas Kontaminierendes, Ansteckendes, es ist die Krankheit der Fantasie, mit der er uns infiziert, und auch dafür wurde er von Goethe abgelehnt. Er verkörperte das Waghalsige, Riskante, das groß gedacht Zerstörerische eines Jahrhunderts, das 1789 begann und von dem jemand einmal gesagt hat, dass es schon 1815 wieder zu Ende war, das kürzeste aller Jahrhunderte.

Alexander Kluge, geboren 1932, Filmemacher, Fernsehproduzent und Autor, veröffentlichte zuletzt »Das Labyrinth der zärtlichen Kraft« (2009)

Leser-Kommentare
  1. Sie scheinen ja den Rat von Mosebach angenommen zu haben und befragen zu Kleist nun wirklich (Ausnahme Mosebach) nur Autoren der zweiten Reihe, fällt den Namhaften zu Kleist nichts mehr ein oder wollten die einfach nur nicht?

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    auf dessen Beitrag ich gerade erst im Zuge einiger Recherchen gestoßen bin, als einzig erstrangigen Autor - was immer das heißen mag - zu bezeichnen, spottet nicht nur angesichts des Beitrags von Brigitte Kronauer, sondern auch seiner, Mosebachs, sprachlichen Bedenk- bzw. Unzulänglichkeiten - man achte z.B. auf die waghalsigen Konjunktive im letzten Absatz - jeder Beschreibung.

    Wer hat sich noch nicht ein Vergnügen daraus gemacht, in den Mosebachschen Texten nach groben sprachlichen Schnitzern zu forschen? Und ein Vergnügen ist es, da sie leicht zu finden sind, allemal,

    auf dessen Beitrag ich gerade erst im Zuge einiger Recherchen gestoßen bin, als einzig erstrangigen Autor - was immer das heißen mag - zu bezeichnen, spottet nicht nur angesichts des Beitrags von Brigitte Kronauer, sondern auch seiner, Mosebachs, sprachlichen Bedenk- bzw. Unzulänglichkeiten - man achte z.B. auf die waghalsigen Konjunktive im letzten Absatz - jeder Beschreibung.

    Wer hat sich noch nicht ein Vergnügen daraus gemacht, in den Mosebachschen Texten nach groben sprachlichen Schnitzern zu forschen? Und ein Vergnügen ist es, da sie leicht zu finden sind, allemal,

    • Aleph1
    • 14.01.2011 um 18:48 Uhr

    Dietmar Dath hat wohl "Parataxen" mit "Hypotaxen" verwechselt.

  2. auf dessen Beitrag ich gerade erst im Zuge einiger Recherchen gestoßen bin, als einzig erstrangigen Autor - was immer das heißen mag - zu bezeichnen, spottet nicht nur angesichts des Beitrags von Brigitte Kronauer, sondern auch seiner, Mosebachs, sprachlichen Bedenk- bzw. Unzulänglichkeiten - man achte z.B. auf die waghalsigen Konjunktive im letzten Absatz - jeder Beschreibung.

    Wer hat sich noch nicht ein Vergnügen daraus gemacht, in den Mosebachschen Texten nach groben sprachlichen Schnitzern zu forschen? Und ein Vergnügen ist es, da sie leicht zu finden sind, allemal,

    Antwort auf "Zweite Reihe"

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