Martin Mosebach
Kleist ist ein Genie, und Genies soll man verehren und nicht gleich von ihnen zu lernen versuchen. Gelernt wird am besten von Künstlern der zweiten Reihe. Eine Bestätigung dieser Einsicht ist die Wirkung von Kleist, der für viele ein nicht ungefährliches Vorbild geworden ist.
Gefährlich ist für jeden Erzähler das Kleistsche Modell der Wahl eines durch Einzigartigkeit überwältigenden Stoffs: Wenig wird so blass in der Lesererinnerung wie der größte Teil verblüffender, auf Spannungserzeugung angelegter Geschichten.
Noch gefährlicher ist es, sich von Kleist zur Entwicklung einer steilen, die Grammatik strapazierenden, die Schreibererregung auf den Leser übertragen wollenden Sprache anregen zu lassen: Denn die wahre Originalität der Sprache eines Autors liegt in Eigenschaften, die ihm selbst vielleicht ein Leben lang verborgen bleiben.
Mit belegter Stimme wird gerne Kleists Abschiedsbrief zitiert, ihm »sei auf Erden nicht zu helfen« gewesen. Als Rechtfertigung der einzigen Waffentat dieses Sängers der Schlachten, der Erschießung einer kranken Frau vor der Selbsttötung, reicht das kaum aus: Auch als lutherischer Christ hätte er schon früh davon gehört haben müssen, dass es keinen einzigen Menschen gibt, dem auf Erden zu helfen wäre.
Martin Mosebach, geboren 1951, gehört zu den raren deutschen Verfassern von Gesellschaftsromanen; er veröffentlichte zuletzt »Was davor geschah« (2010)
- Datum 13.01.2011 - 16:26 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.1.2011 Nr. 02
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Sie scheinen ja den Rat von Mosebach angenommen zu haben und befragen zu Kleist nun wirklich (Ausnahme Mosebach) nur Autoren der zweiten Reihe, fällt den Namhaften zu Kleist nichts mehr ein oder wollten die einfach nur nicht?
Dietmar Dath hat wohl "Parataxen" mit "Hypotaxen" verwechselt.
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