Kolonialzeit bis heute Siegen lernen

Die Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak werden nach dem Vorbild europäischer Kolonialkriege geführt.

Sechs Wochen nach den ersten Angriffen auf den Irak landet der damalige US-Präsident George W. Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln

Sechs Wochen nach den ersten Angriffen auf den Irak landet der damalige US-Präsident George W. Bush auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln

»Niemand liebt bewaffnete Missionare« – die jüngste Bestätigung dieser berühmten Einsicht Robespierres aus der Zeit der Französischen Revolution stammt aus Afghanistan. Die Umfragen, die den ramponierten Ruf des Westens und die Abwendung der Bevölkerung von westlichen Modernisierungsplänen dokumentieren, zeugen von der Schwierigkeit, in und mit Kriegen zu überzeugen. Herzen und Köpfe, lautet das vorläufige Fazit, sind nicht gewonnen worden. Eine Gefahr, derer sich die Militärs trotz anderslautender Rhetorik früh bewusst waren – und das nicht nur in Afghanistan.

Am 1. Mai 2003, etwa sechs Wochen nach dem Angriff auf den Irak, landete George W. Bush an Bord eines U-Boot-Jägers auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln. Im Anzug eines Kampfpiloten präsentierte sich der US-Präsident vor einer Kulisse aus Stahl mit einer ebenso schlichten wie triumphalen Botschaft: Sieg durch firepower. Wenig später hielt Bush eine der bekanntesten Reden zum Irakkrieg: »mission accomplished«. Doch zu diesem Zeitpunkt wusste es eine Reihe jüngerer Offiziere bereits besser. Unkontrollierbare Aufstandsbewegungen ließen erkennen, dass die »Mission« nicht am Ende, sondern am Anfang stand. Im amerikanischen Militär begaben sich die beweglichsten Köpfe auf die Suche nach historischen Orientierungen, die weniger in die Irre führen würden als der hier noch notorische Verweis auf Japan und Deutschland nach 1945.

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Von den triumphalen Höhen der Flugzeugträgerplattform führte diese Suche erstaunlich schnell und erstaunlich tief hinab in die Archivkeller der europäischen Kolonialkriegsführung der fünfziger Jahre. Hier stießen die US-Strategen auf Analysen, die als Blaupause für Kriege der Gegenwart zu taugen schienen. Auch in den fünfziger Jahren hatten westliche Demokratien in geografisch und kulturell weit entfernten Regionen asymmetrische Kriege gegen schwer zu identifizierende Guerilla-Einheiten geführt.

Counterinsurgency (Aufstandsbekämpfung) war und ist das Kennwort dieser Kriegsführung. Und auch wenn die hier verwahrten Traditionen wegen der offen imperialistischen Ziele, der systematischen Folter, der Lagersysteme und der immensen Zahlen ziviler Opfer auf den ersten Blick für westliche Demokratien ungenießbar erscheinen – aus den Beständen ebendieser Keller bedient sich die westliche Kriegsführung im Irak und in Afghanistan in erheblichem Maß. Allein deutsche Deutungsdebatten scheinen diese Zusammenhänge noch nicht erreicht zu haben – was kaum verwundert: Die deutschen Kolonialerfahrungen liegen fast 100 Jahre zurück und werden militärisch eher mit Massen- und Völkermord als mit Aufstandsbekämpfung assoziiert.

Unter den späten europäischen Kolonialkriegen zwischen 1948 und 1962 erweisen sich in den Augen heutiger Militärs vor allem die Erfahrungen aus den britischen Einsätzen in Malaya und Kenia sowie aus dem französischen Krieg in Algerien als wertvoll. Zu den Besonderheiten dieser Kriege gehört, dass sie gegen weitgehend unsichtbare Gegner, gegen kleine, hochmobile, als Sniper mit Sprengfallen und Überfällen operierende Einheiten geführt wurden, Einheiten, die sich nach Mao Tse-tungs berühmter Parole in der Zivilbevölkerung bewegten wie Fische im Wasser. Der Versuch, bewaffnete Kämpfer und Zivilbevölkerung zu trennen, bildete das strategische Zentrum der Konflikte. Im Fall Malayas gilt dieser Versuch heute als erfolgreich. Im Fall Algeriens erbrachten die mit großer Brutalität durchgeführten Umsiedlungsprogramme zwar militärische Erfolge, die jedoch den von zivilen Autoritäten durchgesetzten Rückzug nicht überdauerten.

Schon damals gingen Zwang und Angebot, Zerstörung und Aufbau miteinander einher – es handelte sich jeweils um Kriege, in denen von Zerstörung allein kein militärischer Sieg zu erhoffen war. In den spätkolonialen Kriegen waren Bombardements, Zwangsumsiedlungen, systematische Folter, die Durchkämmung ganzer Städte, Täler und Gebirge daher eng an militärisch und zivil koordinierte »Entwicklungshilfe« gekoppelt. Kolonialtruppen bauten Brunnen, Schulen, Straßen, inszenierten die ostentative Entschleierung von Frauen, lancierten die Alphabetisierung der Mädchen und verfolgten umfassende Industrialisierungs- und »Modernisierungs«-Pläne.

Der Versuch, zumindest Teile der Zivilbevölkerung zu »gewinnen«, war also weniger humanitär als strategisch motiviert. Impossible de vaincre sans convaincre – es sei unmöglich, zu siegen, ohne zu überzeugen, lautete eine Propagandaformel französischer Truppen in Algerien. Und im Urwald von Malaya prägte der britische General Gerald Templer 1952 die Formel von der battle for the hearts and minds. Templer hatte damit die bis heute gültige Leitparole der counterinsurgency ausgegeben.

Leser-Kommentare
  1. ...bleibt, wie so oft, die Frage nach den eigentlichen Bewegründen für die besprochenen Kriege unbeantwortet.

    Selbstloser Altruismus dürfte jedenfalls kaum die Antwort sein. Eher schon Horst Köhlers Ausspruch von der militärischen Sicherung wirtschaftlicher Interessen.

    Wundert sich vielleicht irgend jemand über die gigantischen Anstrengungen (und Erfolge) Chinas seine Wehrtechnik zu modernisieren ?

    Wer Bodenschätze besitzt, und diese nicht freiwillig zu Dumpingpreisen zu Verfügung stellt ist schon im Fadenkreuz.

  2. Obige Analyse ist vollkommen richtig, aber leider wahrscheinlich nur unter Historikern akzeptiert, die das Zeitgeschehen in einem größeren Zusammenhang betrachten als die amtierenden Politiker, welche eher nur im 4 Jahresrythmus denken.
    A propos, genau deswegen ist auch Bundespräsident Herr Köhler zurüchgetreten, da er die verlogene Begründung für solche Kampf- und Kriegseinsätze nicht mehr unterstützen wollte, sondern offen sagte, was als eigentliches Ziel dahinter steckt.

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    "da er die verlogene Begründung für solche Kampf- und Kriegseinsätze nicht mehr unterstützen wollte, sondern offen sagte, was als eigentliches Ziel dahinter steckt"

    ...er wollte nicht "offen sagen", sondern er hat das Tabu gebrochen und die Vorgehensweise mehr oder weniger gerechtfertigt.

    Wenn die Öffentlichkeit aber belogen wurde, weil sie eben die tatsächlichen Ziele NICHT unterstützen wollte, dann wird ein Präsident unhaltbar, wenn er diese Lüge aufgibt und die Ziele aber weiterhin verteidigt. Er diskreditiert all die opportunistischen Lügner in der Politik und stößt gleichzeitig die Belogenen vor den Kopf. Das ist ungefähr so, als ob ein Dieb sagt: ja wir haben dich die ganze Zeit über beklaut, aber das war GUT so!

    Wer es sich aber mit den Herrschern ebenso verscherzt wie mit deren Opfern, der muss sich nicht über entsprechende Reaktion wundern. Köhler ist kein Opferlamm, war er nie, eher Mittäter.

    "da er die verlogene Begründung für solche Kampf- und Kriegseinsätze nicht mehr unterstützen wollte, sondern offen sagte, was als eigentliches Ziel dahinter steckt"

    ...er wollte nicht "offen sagen", sondern er hat das Tabu gebrochen und die Vorgehensweise mehr oder weniger gerechtfertigt.

    Wenn die Öffentlichkeit aber belogen wurde, weil sie eben die tatsächlichen Ziele NICHT unterstützen wollte, dann wird ein Präsident unhaltbar, wenn er diese Lüge aufgibt und die Ziele aber weiterhin verteidigt. Er diskreditiert all die opportunistischen Lügner in der Politik und stößt gleichzeitig die Belogenen vor den Kopf. Das ist ungefähr so, als ob ein Dieb sagt: ja wir haben dich die ganze Zeit über beklaut, aber das war GUT so!

    Wer es sich aber mit den Herrschern ebenso verscherzt wie mit deren Opfern, der muss sich nicht über entsprechende Reaktion wundern. Köhler ist kein Opferlamm, war er nie, eher Mittäter.

  3. ... ob "Koppelung von vergleichsweise dosiertem Gewalteinsatz und »Entwicklungsarbeit«"
    wirklich die neuen Umgangsformen charakterisieren wird.
    Die Frage bleibt, ob es eine Alternative gibt. Dort, wo sich der Westen mit Einmischung zurückhält, geht es nicht humaner zu.

  4. Ist doch sehr daneben, auch dieser Denkansatz ist ein Irrweg neben den ganzen anderen gescheiterten Versuchen.

  5. ...für den Artikel. So müssen ZEIT-Artikel sein, dann abonniere ich glatt irgendwann wieder :-)

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Weltkrieg Eins war ein konventioneller Krieg, bei dem erstmalig Giftgas eingesetzt wurde.

    Weltkrieg Zwei war ebenfalls ein konventioneller Krieg, bei dem erstmalig durch Konzentrationslager massenhaft Zivilisten getötet wurden.

    Weltkrieg Drei ist kein konventioneller Krieg mehr, weil er auf territoriale Kriege setzt und sich den Terrorismus zunutze macht.

    Weltkrieg Vier - den wollen wir nicht, weil er uns alle zerstören wird - den globalen Krieg mit A-B-C-Waffen.

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    "Weltkrieg Vier - den wollen wir nicht, weil er uns alle zerstören wird - den globalen Krieg mit A-B-C-Waffen"

    Das hat man früher auch schon von Weltkrieg 3 behauptet ^^

    Ich bin sicher die eigentlichen Machtkämpfe finden mittlerweile längst mit multiplen Werkzeugen statt. Korruption, Finanzmärkte, Währungspolitik, Terrorismus, Geheimdienste, Cyper-Terrorismus (siehe Stuxnet) und gelegentlichen militärischen Scharmützeln (am besten mit privaten Söldnergruppen oder bezahlten Banden). So ähnlich gab es das auch früher schon, nur hat eine Gewichtsverlagerung von konventionellen zu weniger offensichtlichen Waffen stattgefunden.

    Das hat moralische Gründe (die Bevölkerungen wollen eigentlich Frieden und sind aufgeklärter, die Profiteure suchen Ausweichmöglichkeiten) und das hat Kraftgründe. Schwache können nur asymetrisch kämpfen und mit der A-Bombe wurde ohnehin eine stärkemässige Singularität erreicht, man kann sie nicht toppen... nur paroli bieten oder in den Untergrund gehen.

    "Weltkrieg Vier - den wollen wir nicht, weil er uns alle zerstören wird - den globalen Krieg mit A-B-C-Waffen"

    Das hat man früher auch schon von Weltkrieg 3 behauptet ^^

    Ich bin sicher die eigentlichen Machtkämpfe finden mittlerweile längst mit multiplen Werkzeugen statt. Korruption, Finanzmärkte, Währungspolitik, Terrorismus, Geheimdienste, Cyper-Terrorismus (siehe Stuxnet) und gelegentlichen militärischen Scharmützeln (am besten mit privaten Söldnergruppen oder bezahlten Banden). So ähnlich gab es das auch früher schon, nur hat eine Gewichtsverlagerung von konventionellen zu weniger offensichtlichen Waffen stattgefunden.

    Das hat moralische Gründe (die Bevölkerungen wollen eigentlich Frieden und sind aufgeklärter, die Profiteure suchen Ausweichmöglichkeiten) und das hat Kraftgründe. Schwache können nur asymetrisch kämpfen und mit der A-Bombe wurde ohnehin eine stärkemässige Singularität erreicht, man kann sie nicht toppen... nur paroli bieten oder in den Untergrund gehen.

  7. "da er die verlogene Begründung für solche Kampf- und Kriegseinsätze nicht mehr unterstützen wollte, sondern offen sagte, was als eigentliches Ziel dahinter steckt"

    ...er wollte nicht "offen sagen", sondern er hat das Tabu gebrochen und die Vorgehensweise mehr oder weniger gerechtfertigt.

    Wenn die Öffentlichkeit aber belogen wurde, weil sie eben die tatsächlichen Ziele NICHT unterstützen wollte, dann wird ein Präsident unhaltbar, wenn er diese Lüge aufgibt und die Ziele aber weiterhin verteidigt. Er diskreditiert all die opportunistischen Lügner in der Politik und stößt gleichzeitig die Belogenen vor den Kopf. Das ist ungefähr so, als ob ein Dieb sagt: ja wir haben dich die ganze Zeit über beklaut, aber das war GUT so!

    Wer es sich aber mit den Herrschern ebenso verscherzt wie mit deren Opfern, der muss sich nicht über entsprechende Reaktion wundern. Köhler ist kein Opferlamm, war er nie, eher Mittäter.

    Antwort auf "Der gute Herr Köhler"
  8. "Weltkrieg Vier - den wollen wir nicht, weil er uns alle zerstören wird - den globalen Krieg mit A-B-C-Waffen"

    Das hat man früher auch schon von Weltkrieg 3 behauptet ^^

    Ich bin sicher die eigentlichen Machtkämpfe finden mittlerweile längst mit multiplen Werkzeugen statt. Korruption, Finanzmärkte, Währungspolitik, Terrorismus, Geheimdienste, Cyper-Terrorismus (siehe Stuxnet) und gelegentlichen militärischen Scharmützeln (am besten mit privaten Söldnergruppen oder bezahlten Banden). So ähnlich gab es das auch früher schon, nur hat eine Gewichtsverlagerung von konventionellen zu weniger offensichtlichen Waffen stattgefunden.

    Das hat moralische Gründe (die Bevölkerungen wollen eigentlich Frieden und sind aufgeklärter, die Profiteure suchen Ausweichmöglichkeiten) und das hat Kraftgründe. Schwache können nur asymetrisch kämpfen und mit der A-Bombe wurde ohnehin eine stärkemässige Singularität erreicht, man kann sie nicht toppen... nur paroli bieten oder in den Untergrund gehen.

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Eins, Zwei, Drei"

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