Wie ein Wurm kriecht Simon* ins Innere der Erde, schiebt sich bäuchlings über nassen Lehm und kantigen Granit, durch einen Stollen, so eng, dass er sich nicht umdrehen, kaum Luft holen kann. Zehn Meter, zwanzig, dreißig. Immer neue Gänge öffnen sich, verzweigen sich wieder und wieder, und überall in dieser modrigen, glitschigen Unterwelt dreschen Männer mit Hammer und Meißel auf den Fels ein, die Gesichter mit Staub bedeckt, die Augen geweitet von der Finsternis.

Simon schlüpft in ein niedriges Gewölbe und beginnt sofort mit der Arbeit. Als kleiner Junge wollte er Tänzer werden, doch mit 14 Jahren war seine Kindheit vorbei, denn er musste sich allein nach Nyabibwe durchschlagen, zu einer der größten Erzminen in der Provinz Südkivu im Ostkongo. »Meine Eltern wurden im Krieg erschossen«, keucht Simon. »Ich hatte Hunger. Was sollte ich tun?«

Hunderttausende von Arbeitern wühlen sich in solchen Stollen durch entlegene Bergregionen und Urwälder im Kongo. Es sind entwaffnete Rebellen, entflohene Häftlinge, Deserteure, Räuber, Mörder, Verzweifelte. In bis zu 70 Metern Tiefe graben sie mit archaischen Werkzeugen nach kostbaren Erzen, ohne die unser Leben in der modernen Welt kaum vorstellbar wäre: Kassiterit und Coltan. Bis zu 60 Tonnen im Monat schlagen die Schürfer allein aus dem Berg von Nyabibwe. Erze, die in Handys und Laptops verarbeitet werden, in Digitalkameras, Flachbildschirmen und Spielkonsolen. Unersetzliche Rohstoffe. Allein über 1,2 Milliarden Handys wurden 2009 weltweit verkauft. Gesamtumsatz der Mobilfunkdienste: 578 Milliarden Euro.

Fünf Milliarden Menschen besitzen ein Mobiltelefon und versenden 200.000 SMS pro Sekunde. Und weitab von den durchgestylten Elektronik-Stores in Berlin, Tokyo oder New York, auf der dunklen Seite der digitalen Welt, müssen schon Achtjährige unter Tage schuften. Dort, in der Mine von Nyabibwe, wuchten sich Träger das Erz in zentnerschweren Säcken auf die Rücken, um es vom Fluss, in dem sie es waschen, 400 Höhenmeter hinaufzuschleppen, über einen zugigen Grat und auf der anderen Seite wieder hinunter zum Markt.

Hunderte werden in den Minen des Kongos jedes Jahr lebendig begraben oder ersticken in den Abgasen dieselbetriebener Wasserpumpen. Mit dem Ertrag ihrer Plackerei finanzieren bewaffnete Gruppen einen Krieg, der seit 15 Jahren wütet, mit Millionen von Toten. Menschenrechtsorganisationen fordern ein Handelsverbot für die »Blutmineralien«. Doch Experten warnen: Ein Boykott werde das Land noch tiefer in die Gewalt treiben. Eine scheinbar ausweglose Situation.

»Die Lösung ist ganz einfach«, sagt Uwe Näher hinter seinem Schreibtisch in der ostkongolesischen Provinzhauptstadt Bukavu. »Wir müssen den Weg des Erzes transparent gestalten – vom Stollen bis in die Hand des Verbrauchers.« Gepolsterte Sitzgruppe, Bruchsteinkamin. Am Konferenztisch sind zehn Stühle akkurat nebeneinander gerückt. Die schwarzen Lederbezüge riechen neu.

Es ist September 2010, vor ein paar Tagen hat Näher, Geologe der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), sein Büro in Bukavu bezogen. Mit einer Handvoll Mitarbeitern soll der Mann aus dem fernen Hannover die verheerenden Zustände im Bergbau des Ostkongo zähmen.

Im Stakkato erklärt der deutsche Experte, wie er die Konfliktmineralien in saubere Rohstoffe verwandeln will: »Für jeden Sack Erz die genaue Herkunft bestimmen, den Weg lückenlos dokumentieren, in den Minen international gültige Standards einführen.« Dazu gehören Mindestlöhne für die Schürfer, geregelte Arbeitszeit, Sicherheit unter Tage. Das Ziel, sagt Uwe Näher, sei ein Gütesiegel für kongolesisches Erz nach dem Vorbild des Fairen Handels in der Lebensmittelbranche. Lokale Behörden sollen die Mineralien schon in den Minen registrieren und anschließend in speziellen Umschlagshallen die Zertifikate ausstellen. Die Exporteure in den Provinzhauptstädten Bukavu und Goma würden dann nur noch geprüfte Erze ausführen, internationale Unternehmen nur noch solche kaufen, damit illegal gehandelte Bodenschätze vom Weltmarkt ausgeschlossen werden. »So schaffen wir Inseln legitimen Bergbaus, die immer größer werden«, sagt Näher, »weil der Druck der Verbraucher und internationaler Regierungen auf die Industrie steigt, nur noch saubere Rohstoffe einzukaufen.« 3,2 Millionen Euro investiert das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in dieses Projekt.

Beschlossen wurde das Vorhaben 2007 beim G-8-Gipfel in Heiligendamm. Als Alternative zu einem generellen Exportverbot ist es inzwischen eingebettet in die Strukturen des kongolesischen Bergbauministeriums und in eine Initiative von elf zentral- und ostafrikanischen Staaten gegen die illegale Ausbeutung natürlicher Ressourcen. Nun soll das Gütesiegel im Kongo endlich Wirklichkeit werden. »Wir sitzen in den Startlöchern«, sagt Uwe Näher. »Alles ist bereit.«

 

Doch um mit der Arbeit zu beginnen, müsste Näher in die Pilotmine von Nyabibwe reisen – und in den Bergen wird geschossen. Wer Bukavu verlässt, riskiert sein Leben. Näher sitzt fest.

Fünf Reisestunden entfernt klafft der zerschundene Steilhang von Nyabibwe wie eine riesige Wunde aus dem schwer zugänglichen Hochland. Abgerutschte Böschungen, schlammige Pfade, notdürftig errichtete Zelte. Pumpen rattern. Männer kriechen aus der Erde und verschwinden wieder darin. Oben auf einem schmalen Grat nisten ihre Hütten.

Malics Körper zittert unter einem Zentner Erz. Auf seinem schweißnassen T-Shirt lächelt Barack Obama. Zwei Tonnen Gestein schleppt der 25-Jährige jeden Monat über den Berg. Pro Tour erhält er vier Dollar. Einen davon muss er den Männern geben, die mit Schnellfeuergewehren an den Minenausgängen stehen. »Wenn du dich weigerst«, sagt Malic, »dann knallen sie dich ab.«

Die offiziellen Förderrechte für Nyabibwe hält seit 2008 das kanadische Unternehmen Shamika Resources, doch den beabsichtigten industriellen Erzabbau hat man wegen Sicherheitsrisiken auf unbestimmte Zeit verschoben. Unterdessen wird die Mine von der Pareco kontrolliert, einer kongolesischen Hutu-Miliz. Ihre Kämpfer sind inzwischen in die reguläre Armee integriert – ihre Geschäfte führen sie weiter. Nachts ziehen sie die Uniformen aus und steigen selbst in die Stollen, um sich Erz zu beschaffen. Sie erpressen Schutzgelder, erheben illegale Steuern und verleihen ihre Waffen an Räuber, um die Hälfte ihrer Beute zu kassieren.

Auch die Männer an den Minenausgängen gehören zur Pareco. Ein Dollar Wegzoll, das scheint nicht viel. Doch bei 300 Trägern am Tag und Scharen von Händlern, die den Arbeitern Nahrungsmittel bringen, machen die Wegelagerer im Monat bis zu 30.000 Dollar. Von den Geologen aus Hannover haben sie nie gehört. Ein Gütesiegel? »Die sollen nur kommen«, brüllt einer und schwingt die Kalaschnikow. »Die machen wir platt.«

Die Pareco sind Kongolesen und Hutu, doch ihrer Sprache wegen nennen die Schürfer sie »Ruander«. Im Ostkongo bedeutet das oft so viel wie: Feind. Nach dem ruandischen Völkermord an über 800.000 Menschen, zumeist Tutsi, flohen die dafür verantwortlichen Hutu-Milizen über die Grenze. Ruanda nahm dies 1996 zum Anlass seiner Invasion in den Kongo. So begann der Krieg, der im Osten des Landes bis heute andauert.

Es ist ein vielschichtiger Konflikt, neben dem Ringen um Bodenschätze wird er auch von Streitigkeiten um Land- und Weiderechte sowie von der Feindschaft zwischen Hutu und Tutsi und einer ganzen Reihe weiterer ethnischer Konflikte befeuert.

»Die Ruander holen nur Ruander raus«, erzählt William, ein junger Schürfer, der schon oft erlebt hat, dass seine Kameraden unter Tage bei Gasunfällen ohnmächtig wurden. »Wenn du Kongolese bist und noch atmest, ersticken sie dich mit deinem Hemd und entsorgen dich im Schacht.«

Krieg. Ins Innere der Berge getragen. Rebellen und marodierende Regierungssoldaten richten im Ostkongo massenweise Zivilisten hin. Allein im August haben Milizen im erzreichen Urwalddistrikt Walikale mehr als 300 Frauen und Kinder vergewaltigt. Fast täglich brennen Dörfer, Zehntausende sind auf der Flucht. Selbst knapp 20000 Blauhelme, die weltweit größte UN-Friedensmission, können all das nicht verhindern.

 

In diesem Chaos soll ein deutsches Zertifikat die Situation zum Besseren wenden? Ist das Größenwahn?

»In zwei Jahren sind unsere Pilotminen auf Mindeststandards getrimmt«, entgegnet Uwe Näher voller Zuversicht und reinigt gründlich die Gläser seiner Brille. »Dort wird das Erz dann legal abgebaut und gehandelt. Mit den Steuereinnahmen kann der Kongo Straßen, Schulen und Krankenhäuser bauen.« Draußen geht ein Regenguss nieder. Es ist früher Nachmittag in Bukavu und schon finster wie kurz vor Einbruch der Nacht.

Das wichtigste Kontrollinstrument für das Gütesiegel haben der Chefgeologe und seine Kollegen schon entwickelt: den geochemischen Fingerabdruck . Bei diesem neuen Verfahren untersuchen die Wissenschaftler mit Elektronenmikroskop und Massenspektrometer kleine Erzproben, um über das geologische Alter und die mineralische Zusammensetzung den Herkunftsort zu bestimmen und so zu klären, ob das Material aus einer sauberen oder schmutzigen Mine stammt.

Der Fingerabdruck kann derzeit allerdings nur im BGR-Labor in Hannover vorgenommen werden, und die Analyse einer Probe dauert drei Tage. Bisher fehlt Näher auch die Datenbank mit Informationen über die jeweilige Zusammensetzung des Gesteins in den einzelnen Minen. Im Projektgebiet gibt es mehr als 3000 davon, der BGR liegen jedoch nur knapp 50 Bodenproben vor, und die stammen aus dem Zentralafrikamuseum im belgischen Tervuren. »Deshalb müssen wir raus«, sagt Näher. »Raus in die Minen.«

Als kleiner Junge hat er die Höhlen der Schwäbischen Alb erkundet, später in München Geologie und Chemie studiert und in Bergwerken in Kanada, Grönland, Botsuana gearbeitet. Jetzt krempelt er nervös die Ärmel seines khakifarbenen Hemds hoch. Die Geologentasche mit Gesteinslupe, Pinzette, GPS hat er schon gepackt. Doch der Sicherheitsbericht der Blauhelme ist auch zwei Wochen nach seiner Ankunft nicht besser geworden. Langsam wirkt Näher frustriert: »Nyabibwe kann jeden Moment hochgehen.«

Explosiv ist die Lage auch, weil neben der Pareco weitere Milizen in der Gegend aktiv sind. Am Steilhang von Nyabibwe kriecht Mboko aus seinem Stollen, ein schlammverkrusteter, muskulöser Mann. Auf allen vieren zerrt er einen Sack mit Erz hinter sich her. 15 Jahre war Mboko alt, als Soldaten der kongolesischen Armee vor seinen Augen den Vater töteten, die Mutter vergewaltigten und ihr danach die Kehle durchschnitten. Er schloss sich den Mai-Mai an, einer Miliz, die für ihre Gewaltexzesse berüchtigt ist, »um es diesen Schweinen zu zeigen«.

Nach 20 Stunden unter Tage reibt sich Mboko die Augen, rekelt und streckt sich vor einer senkrechten Felsspalte. Es ist, als hätte der Berg ihn eben zur Welt gebracht. »Wir hatten tagelang nichts zu essen«, erzählt er im grellen Mittagslicht mit gedämpfter Stimme; in Nyabibwe wimmelt es von Spitzeln und schwer bewaffneten Soldaten, ein falsches Wort kann tödlich sein. »Der Kommandant befahl uns, Schürfer zu erschießen und ihm Coltan zu bringen.«

Kaufte der Kommandant dann vom Erlös Nahrung für die Kämpfer?

»Nein, er kaufte Kalaschnikows und sagte: Holt euch euer Fressen selbst.« So wurde auch Mboko zum Plünderer, Mörder, Vergewaltiger. »Wie die Monster, die meine Eltern auf dem Gewissen haben«, sagt er, der seine Waffen inzwischen abgegeben hat.

 

Nach einer Studie der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Enough erwirtschaften bewaffnete Gruppen im Kongo mit Mineralien jährlich bis zu 225 Millionen Dollar. Die Hälfte des weltweit geförderten Coltans stammt aus dem Kongo und seinen Nachbarstaaten. Im Ostkongo liegen die Kosten des Abbaus bei rund 20 Dollar pro Tonne, in Australien, Kanada oder den USA sind sie fünfmal so hoch. Auch Kassiterit aus dem Kriegsgebiet ist billig zu haben, zu einem Viertel des Preises in Indien, Malaysia oder Indonesien. Kein Wunder angesichts der an Sklaverei grenzenden Arbeitsbedingungen.

Darüber hinaus wird ein Großteil der Mineralien an den Zoll- und Steuerbehörden vorbei gehandelt. Nachbarstaaten wie Ruanda profitieren im großen Stil von geschmuggelten Rohstoffen. Ein luxuriöses Neubauviertel am Rand der Hauptstadt Kigali nennen die Leute »Vive la guerre au Congo«, Hoch lebe der Krieg im Kongo.

Die größten Profite in der Handelskette erzielen jedoch multinationale Firmen, die Metalle aus den Erzen lösen, um diese in elektronischen Produkten zu verarbeiten. Eine der weltweit führenden Firmen dieser Branche ist H. C. Starck, eine ehemalige Tochter der deutschen Bayer AG. Der Spezialpulverhersteller mit Sitz in Goslar zerkleinert Coltan in Gesteinsmühlen und trennt mithilfe aggressiver Flusssäure Tantal heraus. Das ist ein anthrazitfarbenes Pulver, dessen nur wenige Tausendstelmillimeter kleine Körner zu Metallschwämmen umgeformt werden; Kondensatoren – winziger als Stecknadelköpfe –, die elektrische Ladung sehr schnell aufnehmen und wieder abgeben können.

In den Jahren 2000 und 2001 war H. C. Starck einer der Hauptabnehmer von Coltan aus dem Kongo. Trotz Bürgerkrieg, Massenhinrichtungen, Zwangsarbeit und Folter . Der Jahresumsatz betrug damals 1,3 Milliarden Deutsche Mark. Im Oktober 2002 warfen die Vereinten Nationen dem Unternehmen »Mitverantwortung für die grauenhaften Kämpfe« vor. Bis heute weist H. C. Starck jede Schuld von sich. »Wir haben damals einige Lieferungen von Händlern erhalten, die uns über die Herkunft getäuscht haben«, heißt es aus Goslar. Seither beziehe man kein Coltan mehr aus dem Kriegsgebiet. Damit ist die Akte Kongo für H. C. Starck geschlossen.

Inzwischen haben sich auch die meisten anderen europäischen und amerikanischen Erzverarbeiter aus dem Ostkongo zurückgezogen. Rund 90 Prozent der Produktion gehen heute nach Asien. Zwei der weltweit größten Zinnschmelzbetriebe werden seit Jahren von den Vereinten Nationen beschuldigt, sich mit Erz aus dem Kriegsgebiet zu versorgen: die Malaysia Smelting Corporation und die Thailand Smelting and Refining Company, die zum britischen Metallriesen AMC gehört. Auch chinesische Firmen kaufen zunehmend im Kongo ein.

Doch wer sieht einem in China oder Malaysia eingeschmolzenen, über Korea oder Russland an Apple oder Nokia gelieferten Material noch seine Herkunft an? Als ein Leser der New York Times kürzlich in der Chefetage von Apple anfragte, ob man sich dafür verbürgen könne, ausschließlich konfliktfreie Materialien zu verwenden, kam die Antwort prompt: Apple verpflichte seine Lieferanten zu sauberen Rohstoffen, Garantien gebe es aber keine.

Kein Wunder, dass sich – gleich neben Uwe Nähers Büro in Bukavu – hochrangige Vertreter von Motorola, Intel, IBM und weiteren Kommunikations- und Unterhaltungsriesen treffen. Besorgt um ihr Image, reden sie bei Lachshäppchen und exotischen Drinks zwei Tage lang von »Nachhaltigkeit« und »sozialer Verantwortung«. Vor ihrer Abreise besuchen sie vom Aussterben bedrohte Berggorillas. Bei den Schürfern lässt sich kein Manager blicken.

Unterdessen gibt es für Nyabibwe noch immer kein grünes Licht. Die Sicherheitswarnungen der UN gelten nach wie vor, das Bergbauministerium hält einen Besuch der Minen für lebensgefährlich. Uwe Näher hat wenigstens Ablenkung, er muss die Hostessen und das Catering für die offizielle Büroeinweihung organisieren. Die deutsche Flagge hat er in Kinshasa vergessen. Vielleicht kann ihm die Hilfsorganisation nebenan eine leihen. Es ist eine bittere Ironie, dass Näher mit seiner Hoffnung auf eine stabilere Sicherheitslage ausgerechnet auf die kongolesische Armee setzen muss und damit auf Generäle und Politiker, die oft selbst im illegalen Erzgeschäft mitmischen und mit den Erlösen reihenweise Villen, Hotels und Restaurants an den hübschen Buchten des Kivu-Sees finanzieren – dieselben Leute also, die Näher mit seinem Gütesiegel abservieren will. Deutsche Geologen wollen den Ostkongo retten, doch der sträubt sich.

»Da muss jetzt die Regierung ran!«, sagt Näher, der allmählich die Geduld verliert. Doch die sitzt weit weg in Kinshasa und hat im Osten des Kongos wenig zu melden. Menschenrechtler, Journalisten, Geistliche, die für einen Wandel eintreten, sind schon spurlos verschwunden, unbequeme Politiker erschossen worden. »Ich habe keine Angst«, sagt Näher. »Wir haben vollen Rückhalt aus dem Bergbauministerium.« Auch der Provinzgouverneur zähle zu seinen Verbündeten.

 

Nein, Uwe Näher reist nicht ab. Er hält an seiner Vision fest. Lippenbekenntnissen der Industrie und dem Chaos setzt er etwas Konkretes entgegen: »Die Rohstoffe sind das Potenzial, mit dem wir den Krieg im Kongo beenden und die Armut besiegen können.«

Doch über Nacht rückt Nyabibwe in noch weitere Ferne. Überraschend verhängt Kongos Präsident Joseph Kabila einen Mineralienbann, um der Erzmafia, die den gesamten Osten des Landes destabilisiere, das Wasser abzugraben. Ab sofort darf kein Gramm Erz mehr abgebaut werden. Auf unbestimmte Zeit. Bei Verstößen gegen die Anweisung droht Gefängnis.

In Nyabibwe bleiben schon in den ersten Tagen des Banns die Bambusablagen leer, auf denen sich sonst getrockneter Aal, Maniokmehl und Avocados stapeln. Auch um die kleinen Läden und Garküchen herrscht gespenstische Stille. Lastwagenfahrer, Gemüsehändler, Polizisten, Huren: Hier lebt jeder vom Erz. Selbst im Vatikan, einer Spelunke aus Brettern und sonst so etwas wie das Epizentrum des Nachtlebens, torkelt nur ein einsamer Mann über die Tanzfläche, sich selbst umarmend. »Wenn kein Geld im Umlauf ist«, sagt der Wirt, »ist der Laden tot.«

Das gilt für den ganzen Ostkongo. Rund zwei Drittel ihrer Einkünfte beziehen die Kivu-Provinzen aus dem Bergbau. Jetzt steht alles still. Zu Hunderten strömen die Schürfer an diesem Nachmittag aus der Mine ins Zentrum von Nyabibwe, kräftige Männer in Lumpen mit zornigen Gesichtern. Überall füllen sie die staubigen Straßen, stehen einfach nur da. Keine Musik. Keine Kinder. Kein gutes Zeichen in Afrika. Dafür wimmelt es von Soldaten mit verspiegelten Sonnenbrillen, Kalaschnikows und Panzerfäusten. Die Handgranaten locker in der Hosentasche und 50 Schuss im Patronengurt, rauchen sie Marihuana und ölen mit Zahnbürsten ihre Schnellfeuergewehre. »Wovon sollen wir leben?«, schreit plötzlich ein Schürfer. Und ein anderer, mit erhobener Faust: »Wir werden trotzdem arbeiten! Bringt uns doch um!« Gebrüll. Staub wirbelt auf. »Sie werden die Stadt kurz und klein schlagen«, fürchtet Monsieur Ngoyi, dem das Café de Mine gehört, eine Terrasse mit zwei wackligen Tischen.

Der Mineralienbann lässt erahnen, was eintreten wird, sollten internationale Lobbyisten im Gefolge von Menschenrechtsorganisationen wie Global Witness oder Enough einen umfassenden Boykott für kongolesisches Erz durchsetzen. Die Rohstoffe mögen der Motor für den Krieg sein, doch das heißt noch lange nicht, dass man diesen Motor nur abwürgen muss, um Frieden zu schaffen.

Im Gegenteil. Vor dem Café de Mine fahren Armeelastwagen vor. Die Gewehrkolben von Soldaten schleifen an den Hausfassaden. Die Schürfer kochen vor Wut. Ein muskelbepackter Hüne drängt sich vor. Was wird er machen, wenn er nicht mehr in den Stollen darf? »Einen Polizisten vom Motorrad reißen und mir seine Waffe holen«, brüllt er, die Taschenlampe in der Faust wie einen Knüppel. »Dann lege ich einfach Leute um.« Und dann, ermutigt vom Beifall seiner Kollegen: »Oder ich schließe mich den Rebellen an. Von irgendetwas muss ich ja leben.«

Uwe Näher sieht aus dem Fenster. Der Kivu-See verschwimmt im Regen , dunkle Wolken treiben auf Bukavu zu. Von Norden her. Aus Richtung Nyabibwe. Herr Näher, seit Wochen müssen Sie schon in Ihrem neuen Büro warten, Sie joggen in kurzen Hosen durch Bukavu und essen abends Steinofenpizza in der Coco Lodge. Experten der Vereinten Nationen glauben, der Kriegszustand rund um die Minen könnte noch jahrelang anhalten. Wie wollen Sie da Ihren Zeitplan einhalten, wie an Ihre Bodenproben kommen? Näher überlegt. »Wir haben Kontakte zur geologischen Fakultät in Bukavu geknüpft«, sagt er schließlich. »Wir schicken Studenten rein, die fallen nicht so auf.« Vor Kurzem wurde ein Mann vom Bergbauamt in Nyabibwe von den Schergen der Pareco gefoltert. Nur um Haaresbreite hat er überlebt. Was, wenn die Studenten sich nicht in die Minen trauen? Gehen Sie dann selbst rein? »Ich bin nicht Rambo«, sagt der Geologe; draußen grollt ein Donner wie Geschützfeuer. »Ich springe nicht aus dem Hubschrauber ab, hinter die feindlichen Linien. Ich gehe nur in sichere Minen.« Das deutsche Gütesiegel für kongolesisches Erz bleibt vorerst vor allem eins: eine schöne Idee.