Politisches Buch Lasst die Kühe aus dem Stall
Gefährliche Landwirtschaft: Nicht die Rinder gefährden das Klima, wie gerne behauptet, sondern die Art ihrer industriellen Haltung.
Die Kuh als Klimakiller: Diese griffige Alliteration gehört längst zum allgemeinen Klimawissen, vermutlich weil lustig gefunden wird, dass Kühe rülpsen und diese Rülpser das Klima gefährden sollen. Tatsächlich entweicht dabei Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid. Rinder tragen also erheblich zur globalen Erderwärmung bei, folgert man. Und nutzt das böse Abgas aus der Kuh als Argument zur Entlastung der persönlichen Klimabilanz: Wenn Kühe gefährlicher sind fürs Klima als Autos, dann kann man ja ruhig weiterfahren!
Aber das ist nur ein Halbwissen, das von den eigentlichen Problemverursachern ablenkt, erklärt die Berliner Tierärztin Anita Idel in ihrem Buch Die Kuh ist kein Klima-Killer! Darin zeigt sie, dass nicht die Kuh das Weltklima gefährdet, sondern die industrialisierte Landwirtschaft.
Dem Methan aus den Rindermägen hält Idel das Lachgas aus den Kunstdüngerfabriken entgegen: Um synthetischen Stickstoffdünger herzustellen, ist viel Energie nötig, und wenn dieser Dünger auf den Feldern ausgebracht wird, entweichen pro 100 Tonnen Dünger ein bis drei Tonnen Lachgas. Das aber ist laut Klimaforschern 296 Mal so gefährlich wie Kohlendioxid. Diese Gefahr werde in den Debatten um Landwirtschaft und Klimawandel meist übersehen, kritisiert Anita Idel, und in vielen offiziellen Statistiken würden die Lachgas-Emissionen gar nicht erst berücksichtigt. Zum einen »aus wirtschaftlichen Interessen«, zum anderen, weil sich dahinter ein »mentales Problem« verberge. Die wunderbare Erfahrung, dass man mit Dünger aus der Chemiefabrik die Ernten auch auf schlechten Böden enorm steigern kann, habe den Glauben an eine Art »Perpetuum-mobile-Landwirtschaft« erweckt: mehr Dünger – mehr Ertrag. Doch über dieser Formel hätten die Landwirte ihre wichtigste Ressource aus den Augen verloren, argumentiert Idel, den Boden nämlich und seine natürliche Fruchtbarkeit. Die geht vor allem dort verloren, wo große Schlepper die Äcker tief umpflügen und den Boden dabei gleichzeitig aufreißen und verdichten. Vor allem Mais, der in breiten Reihen gesät wird und erst im Frühsommer Wurzeln bildet, ist dabei besonders schädlich.
Die verlorene Bodenfruchtbarkeit aber bleibt so lange unbemerkt, wie Landwirte und Agrarforscher allein auf die Erträge pro Hektar blicken – und nicht die Stoffkreisläufe im gesamten Ökosystem in den Blick nehmen. Mit dem erweiterten Blick aber zeigt sich die negative Bilanz der industrialisierten Landwirtschaft – in Bezug auf Bodenfruchtbarkeit, die Wirkung auf das Klima und auch die Energiebilanz: Die »Monokulturen sind aus energetischer Sicht absurd, wenn man den zu ihrer Erzeugung notwendigen Input, vor allem den Energieverbrauch, vom Output abzieht. Das gilt für den expandierenden Anbau von Hochleistungstierfutter ebenso wie für die Produktion von Agrarkraftstoffen.«
Und hier kommt die Kuh als Klimaretterin ins Spiel. Denn die grasende Kuh steigert die Bodenfruchtbarkeit: Je dichter und dauerhafter der Boden bewachsen ist, desto mehr Humus entsteht und desto mehr Kohlenstoff wird gebunden. »Jede Tonne Kohlenstoff im Boden entlastet die Atmosphäre um 3,67 Tonnen CO₂«, rechnet Anita Idel vor. Grünland dient also dem Klimaschutz, und die Kuh ist geschaffen dazu, dieses Land zu nutzen, ohne es zu zerstören: Rinder haben nämlich die einzigartige Fähigkeit entwickelt, aus Gras Energie zu erzeugen, in einem komplizierten Wechsel von Schlucken und Hervorwürgen der Grasbüschel und mithilfe von Milliarden von Mikroorganismen in ihren Mägen. Wie unsinnig ist es, diese genügsamen Tiere in den Stall zu sperren und mit Getreide zu füttern, das sie gar nicht gut verdauen können und aus dem stattdessen Brot gebacken werden könnte!
Anita Idel schärft den Blick für den Zusammenhang von Haltungsform und Klima-Emissionen und porträtiert eine Reihe von Rinderhaltern, die an einer gut funktionierenden »Lebensgemeinschaft von Weidetier und Weidegras« arbeiten. Ihr Fazit: Die Kuh ist kein Klimakiller, sondern Teil einer weltweit verbreiteten Agrarkultur, die Schöpferin und Erhalterin der artenreichen bäuerlichen Kulturlandschaften und ihrer kulinarischen Produkte, und sie verdient unseren Respekt.
Wer ihr zustimmt, wird nur noch Fleisch vom Weiderind mögen.
- Datum 14.01.2011 - 09:45 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 5.1.2011 Nr. 02
- Kommentare 26
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Und ich freue mich auch, denn die Autorin will "die Stoffkreisläufe im gesamten Ökosystem in den Blick nehmen".
Und ja, Humus ist der beste Kohlenstoffspeicher (neben den Algen im Meer?).
In manchen Gegenden werden Kühe allerdings gerade deswegen im Stall gehalten, weil sie auf der Weide das Gras doch ziemlich zertreten und sich schnell Unkraut breit macht (und das nicht nur in Form von Kräutern). In diesem Fall (Kuh im Stall) könnte man die Stallluft zur Befeuerung von kleinen Holz- oder Biogasverbrennern verwenden. Dann würde als Nebeneffekt das Methan aus dem Stall mitverbrannt und energetisch genutzt...
"Tatsächlich entweicht dabei Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid...."
Das so etwas nie im Leben ein wirklicher Wissenschaftler sagen würde, der noch dazu weiss dass die sogenannte Treibhausglocke ein offenes System darstellt aus dem Gase einfach entweichen können ist wohl auch allen klar, oder?
Das einzig Gute an artgerechter Tierhaltung ist dass die Kühe zumindest zu ihren Lebzeiten nicht gequält werden. Allerdings sollte man ihnen dann auch bitte die Hörner wieder wachsen lassen wie das die Demeterbauern tun. Kühe sind sehr mächtige und warmherzige Wesen.
Sie zitieren "Tatsächlich entweicht dabei Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid...." und schreiben dazu: "Das(s!) so etwas nie im Leben ein wirklicher Wissenschaftler sagen würde, der noch dazu weiß, dass die sogenannte Treibhausglocke ein offenes System darstellt, aus dem Gase einfach entweichen können, ist wohl auch allen klar, oder?"
Lesen Sie doch einfach bei Wikipedia den Artikel über Methan nach:
http://de.wikipedia.org/w...
"Methan ist ein wichtiges Treibhausgas. Das Treibhauspotenzial von 1 kg Methan ist, auf einen Zeitraum von 100 Jahren betrachtet, 25 mal höher als das von 1 kg Kohlenstoffdioxid.[4] Nach einer neueren Untersuchung beträgt dieser Faktor sogar 33, wenn Wechselwirkungen mit atmosphärischen Aerosolen berücksichtigt werden.[13]"
Und woher haben Sie das mit dem "offenen System"? Die Autorin drückt sich da wesentlich qualifizierter aus, denn sie spricht von Kreisläufen. Man könnte auch von Fließgleichgewichten sprechen. Kleine Denksportaufgabe: Worin unterscheidet sich der Wasserkreislauf im Yangtse-Fluss nach dem Stauseebau vom Zustand vor dem Bau? a) Wassermenge, die pro Jahr ins Meer fließt? b) Wassermenge im Flussverlauf?
Sie zitieren "Tatsächlich entweicht dabei Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid...." und schreiben dazu: "Das(s!) so etwas nie im Leben ein wirklicher Wissenschaftler sagen würde, der noch dazu weiß, dass die sogenannte Treibhausglocke ein offenes System darstellt, aus dem Gase einfach entweichen können, ist wohl auch allen klar, oder?"
Lesen Sie doch einfach bei Wikipedia den Artikel über Methan nach:
http://de.wikipedia.org/w...
"Methan ist ein wichtiges Treibhausgas. Das Treibhauspotenzial von 1 kg Methan ist, auf einen Zeitraum von 100 Jahren betrachtet, 25 mal höher als das von 1 kg Kohlenstoffdioxid.[4] Nach einer neueren Untersuchung beträgt dieser Faktor sogar 33, wenn Wechselwirkungen mit atmosphärischen Aerosolen berücksichtigt werden.[13]"
Und woher haben Sie das mit dem "offenen System"? Die Autorin drückt sich da wesentlich qualifizierter aus, denn sie spricht von Kreisläufen. Man könnte auch von Fließgleichgewichten sprechen. Kleine Denksportaufgabe: Worin unterscheidet sich der Wasserkreislauf im Yangtse-Fluss nach dem Stauseebau vom Zustand vor dem Bau? a) Wassermenge, die pro Jahr ins Meer fließt? b) Wassermenge im Flussverlauf?
Meiner Meinung ist das leider etwas kurz gedacht. Heutige Hochleistunskühe, so unangenehm dieses Wort auch ist, können leider auf der Weide allein nicht genug Energie im Verhältnis zur aufgenommenen Nahrung realisieren. So müssen sie idealerweise mit einem Mix aus beiden versorgt werden. Mit Weidegras allein würde es dir die Kuh auf max. etwa 22l Milch pro Tag bringen. Hochleistungskühe bringen mehr als 60l. Ergo: je mehr Milch eine einzelne Kuh produzieren kann umso weniger Kühe braucht man und umso weniger Methanausstoß hat man.
"Mit Weidegras allein würde es dir die Kuh auf max. etwa 22l Milch pro Tag bringen."
Entsetzlich! Dann würde der Milchsee ja austrocknen! Oder gar der Preis für Milch in Regionen geraten, die ihrem tatsächlichen Wert entspricht. Welch' unangenehme Vorstellung.
Abgesehen davon würde ich annehmen wollen, dass der Methanausstoß einer Kuh keine feste Größe ist, sondern direkt proportional zu ihrer Stoffwechselaktivität.
wenn das so funktionieren würde. die einstellung "weniger ist mehr" zählt in der marktwirtschaft leider nicht.
aber mal am rande...
wie sieht es denn mit dem methanausstoß von fast 7 mrd menschen aus? ich denke da dürften einige von flatulenzen geplagt sein!
Sie wären also dafür, die Qualzuchten fortzusetzen? Immer mehr Milch aus (von) einer Kuh? - Die Qual dieser Kuh ist mit mangelnder Lebensenergie in ihrer Milch wiederzufinden. Trinke ich solche Milch (oder Produkte aus ihr), dann entzieht sie mir die ihr mangelnde Energie. - Die Rechnung, die Sie aufstellen, gehört zu den Milchbubenrechnungen, die uns von einer interessierten Industriebauernschaft schon länger aufgemacht werden. -
"Mit Weidegras allein würde es dir die Kuh auf max. etwa 22l Milch pro Tag bringen."
Entsetzlich! Dann würde der Milchsee ja austrocknen! Oder gar der Preis für Milch in Regionen geraten, die ihrem tatsächlichen Wert entspricht. Welch' unangenehme Vorstellung.
Abgesehen davon würde ich annehmen wollen, dass der Methanausstoß einer Kuh keine feste Größe ist, sondern direkt proportional zu ihrer Stoffwechselaktivität.
wenn das so funktionieren würde. die einstellung "weniger ist mehr" zählt in der marktwirtschaft leider nicht.
aber mal am rande...
wie sieht es denn mit dem methanausstoß von fast 7 mrd menschen aus? ich denke da dürften einige von flatulenzen geplagt sein!
Sie wären also dafür, die Qualzuchten fortzusetzen? Immer mehr Milch aus (von) einer Kuh? - Die Qual dieser Kuh ist mit mangelnder Lebensenergie in ihrer Milch wiederzufinden. Trinke ich solche Milch (oder Produkte aus ihr), dann entzieht sie mir die ihr mangelnde Energie. - Die Rechnung, die Sie aufstellen, gehört zu den Milchbubenrechnungen, die uns von einer interessierten Industriebauernschaft schon länger aufgemacht werden. -
"Mit Weidegras allein würde es dir die Kuh auf max. etwa 22l Milch pro Tag bringen."
Entsetzlich! Dann würde der Milchsee ja austrocknen! Oder gar der Preis für Milch in Regionen geraten, die ihrem tatsächlichen Wert entspricht. Welch' unangenehme Vorstellung.
Abgesehen davon würde ich annehmen wollen, dass der Methanausstoß einer Kuh keine feste Größe ist, sondern direkt proportional zu ihrer Stoffwechselaktivität.
Sie zitieren "Tatsächlich entweicht dabei Methan, und das ist 25 Mal klimaschädlicher als Kohlendioxid...." und schreiben dazu: "Das(s!) so etwas nie im Leben ein wirklicher Wissenschaftler sagen würde, der noch dazu weiß, dass die sogenannte Treibhausglocke ein offenes System darstellt, aus dem Gase einfach entweichen können, ist wohl auch allen klar, oder?"
Lesen Sie doch einfach bei Wikipedia den Artikel über Methan nach:
http://de.wikipedia.org/w...
"Methan ist ein wichtiges Treibhausgas. Das Treibhauspotenzial von 1 kg Methan ist, auf einen Zeitraum von 100 Jahren betrachtet, 25 mal höher als das von 1 kg Kohlenstoffdioxid.[4] Nach einer neueren Untersuchung beträgt dieser Faktor sogar 33, wenn Wechselwirkungen mit atmosphärischen Aerosolen berücksichtigt werden.[13]"
Und woher haben Sie das mit dem "offenen System"? Die Autorin drückt sich da wesentlich qualifizierter aus, denn sie spricht von Kreisläufen. Man könnte auch von Fließgleichgewichten sprechen. Kleine Denksportaufgabe: Worin unterscheidet sich der Wasserkreislauf im Yangtse-Fluss nach dem Stauseebau vom Zustand vor dem Bau? a) Wassermenge, die pro Jahr ins Meer fließt? b) Wassermenge im Flussverlauf?
"Ergo: je mehr Milch eine einzelne Kuh produzieren kann umso weniger Kühe braucht man und umso weniger Methanausstoß hat man."
Genau die Argumentation wird doch in dem Artikel widerlegt. Was bringt es weniger Kühe zu halten, wenn man dafür für die Gewinnung des Futters Kunstdünger verwendet? Bei der Herstellung von Kunstdünger wird viel Energie verbraucht - dass bei seiner Anwendung dann wiederum auch klimaschädliche Gase entstehen, war mir allerdings neu.
Werden nicht unsere Kühe mit sehr proteinhaltigem Futter gefüttert, so dass die Fermentation von Mikroorganismen im Pansen keine ganz so große Rolle mehr spielt. Wie steht es mit Soja? Wie mit SCP? Ich habe mich vor etwa 20 Jahren als Biologe eine Zeitlang mit der Frage beschäftigt, ob man "Single Cell Protein" (SCP) für die menschliche Ernährung einsetzen kann, wenn man vorher die gichterzeugende DNA/RNA entfernt. Es gab ein Patent dafür von einer großen deutschen Firma, die einen Fermenter auf der Grundlage von Methanol nach China liefern sollte, der dann aber abbestellt wurde. Damals sagte mir die Firma, für den Menschen könne man SCP aus psychologischen Gründen vergessen, aber als Tierfutter würde SCP eingesetzt.
"Wer ihr zustimmt, wird nur noch Fleisch vom Weiderind mögen."
ich muss mir überhaupt nicht die Mühe machen die komplexen Zusammenhänge zu verstehen. Rinder von der Weide schmecken besser. Wenn Verbraucher anfangen Qualität zu schätzen, dann kommt eine naturnahe Landwirtschaft von selbst zurück. Wenn das noch gut fürs Klima ist, umsobesser.
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