© JEFF PACHOUD/AFP

Eine geläufige Redewendung drückt die Verwunderung darüber aus, auf was für Ideen manche Menschen kommen. Noch bemerkenswerter ist, auf was für Menschen die Ideen kommen.

Trägt man die kargen Daten zusammen, die der Öffentlichkeit über die ersten 35 Lebensjahre Hermann Scheers zur Verfügung stehen, so findet sich nichts, was darauf hindeutete, dass dieser Mann in der zweiten Hälfte seiner Existenz zur Personifikation einer epochalen Idee werden sollte. Die Infiltration des großen Gedankens muss sich gegen Ende der siebziger Jahre ereignet haben, als Scheer, von Hause aus Politologe und Ökonom, vier Jahre lang als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Kernforschungszentrum Karlsruhe tätig war. Vorstellbar, dass ihm damals, im Reizklima der physikalischen Grundlagenforschung, das Licht aufging, dessen Träger er werden sollte. Möglicherweise fielen ihm damals die Arbeiten des Chemikers und Physikers Wilhelm Ostwald (1853 bis 1932) in die Hände, auf dessen Hauptwerk sich der Titel des jüngsten Scheer-Buchs Der energethische Imperativ respektvoll bezieht.

Ostwald war vor dem Ersten Weltkrieg ein Leuchtturm der Naturwissenschaften in Deutschland, bekannt durch eine Serie brillanter Erfindungen und Entdeckungen, noch bekannter durch seine naturphilosophischen Schriften, in denen er, ein indirekter Vorläufer Einsteins, für die Idee warb, Materie müsse als ein Zustand von Energie begriffen werden. Zu Recht zählt man den Nobelpreisträger von 1909 zu den Ahnen der globalen Solar-Bewegung: Er hatte als einer der Ersten auf die Erschöpfbarkeit der irdischen Kohlereserven hingewiesen – die Anfänge der Erdöl-Ära entzogen sich noch seinem Blick –, er hatte zugleich, früher als alle anderen, die Empfehlung ausgesprochen, die Zivilisation kommender Jahrhunderte auf die Nutzung der Sonnenenergie zu gründen, insbesondere in seinem visionären Aufsatz Die Energiequellen der Zukunft. Mit seinem Buch von 1912 Der energetische Imperativ unternahm er den Versuch, das Prinzip des Sparens auf den Umgang der modernen Kulturen mit den terrestrischen Ressourcen auszudehnen. Zeitlebens arbeitete er, von humanem Elan beflügelt, an der Gleichsetzung von naturwissenschaftlicher und sozialer Aufklärung. Ab 1914 fungierte er eine Zeit lang als Großmeister im monistischen Freimaurerbund »Zur aufgehenden Sonne«.

Von seinen Karlsruher Tagen an erlebte Hermann Scheer, was es heißt, wenn ein epochaler Gedanke vom Leben eines Menschen Besitz ergreift. Was die Philosophen Evidenz nennen, war im Dasein dieses Mannes eine provozierende Realität geworden. Scheer hat seine Zeit in Gedanken gefasst: Ende der siebziger Jahre hatte er (mit anderen Pionieren des »grünen« Gedankens wie Carl Amery) verstanden, an welchem Drama das bewusste Leben unserer Jahre teilhat. Er hatte einen Blick in die tieferen Schichten unserer sozialen Physik geworfen, er wusste, dass es ab sofort darum geht, die maligne Beziehung der modernen Zivilisation zu den sich erschöpfenden, destruktiven fossilen und nuklearen Energieträgern zu kündigen. Stattdessen gilt es, sich mit der Quasi-Unendlichkeit der Sonnenenergie zu verbünden. Der Begriff »Übergangszeit« – aus marxistischen Zeiten düster aufgeladen – zeigte nun eine neue Perspektive; er versprach Aufhellungen in technischer wie in zivilisatorischer Hinsicht. Scheer hatte begriffen, dass das Wort »Sonnenaufgang« eine Dimension jenseits von allem bezeichnete, was Morgenmenschen darunter verstehen. Er glaubte zu wissen, die Zukunft der Zivilisation trage einen präzisen technischen Namen: Solare Weltwirtschaft – so der Titel eines Buches, das eine Reihe von Auflagen erlebte.

1980 wurde der vormalige Vize-Vorsitzende der Jungsozialisten Mitglied des Bundestags. Dreißig Jahre lang hielt er seinen Platz in den Rängen von Bonn und Berlin inne. In dieser Zeit war seine robuste Präsenz eine der Konstanten in der politischen Ethik unseres Landes; sein sicheres Zielbewusstsein wurde zu einer verlässlichen Größe, die sich von Schwankungen des Zeitgeists nicht beirren ließ; seine feuerfeste Vitalität wirkte wie eine Garantie auf die Entwicklung zum Guten; seine Weitsicht war eine stetige Demütigung für kurzwellige Opportunisten; seine Unbestechlichkeit blieb für die Wendigen ein intimes Ärgernis. Lange Zeit dürfte er der einzige Abgeordnete des Bundestages gewesen sein, der jederzeit wusste, warum er auf sich nahm, was Beobachtern oft als absurde Komödie der Verfahren erscheint. Vielleicht war er zeitweilig der einzige Sozialdemokrat auf weitem Feld, der imstande war, zu erklären, was das gute alte »Vorwärts« in ambivalenten Zeiten bedeutet.

Für Hermann Scheer waren Lebenszeit und Bewusstwerdungszeit ein und dasselbe geworden. Er hatte gelernt, zu begreifen, wie sich das Rad der Zivilisationsgeschichte dreht, und er sah seine Existenz in die Drehung einbezogen. Er wusste zugleich, wie sich der Aggregatzustand der technisch bewegten Welt verändert hatte. Nicht alles, was heute auf fortschreitenden Linien geschieht, ist als Fortschritt zu begreifen. Für die klassische Zeitlichkeit des Lebens hatte Shakespeares große Sentenz »Reifsein ist alles« (ripeness is all) gegolten – ein Satz, dem Cervantes und Calderon mit ihrem Diktum »der Zeit Zeit lassen« (dar tiempo al tiempo) antworteten. Diesen Autoren stand der Gedanke vor Augen, dass die Kunst, Mensch zu sein, das Wartenkönnen einschließt. Zu warten ist fähig, wer den Glauben hegt, die geschichtliche Welt sei das Reich der zweiten Chancen: In ihm kann eines Tages gelingen, was heute fehlschlägt. Dem steht die Sicht der modernen Prozess- und Katastrophentheorie gegenüber: Sie lehrt, dem Pfeil der Zeit auch eine tragische Bedeutung zuzumessen.

In der Sphäre der physikalischen Abläufe gibt es kein Prinzip der zweiten Chance. Wo externe Prozesse ablaufen, sei es mit menschlichen Beiträgen oder ohne solche, gilt das harte Gesetz der Irreversibilität. Weil Scheer, anders als die meisten Philosophen und Historiker, den Unterschied zwischen Geschichte und Prozess verstanden hatte, war ihm klar, warum die Zeit in die Mitte der Politik gerückt ist. Alle Politik ist Zeitpolitik: Sie ist nun in erster Linie der Vollzug der Unterscheidung zwischen »rechtzeitig« und »zu spät«. Wer zu spät siegt, hat auch verloren. Wer das Richtige zu spät tut, tut doch das Falsche. Es ist die grausame Ironie dieser Übergangszeit, dass es lange weniger schlimm kommt als angekündigt, bis es schlimmer kommt als befürchtet.