Ich möchte heute mal arrogant und von oben herab sein, ich möchte ein bisschen was für die Bildung meiner Journalistenkollegen tun. Wisst ihr, Freunde: Politik hatte schon immer, also seit etwa 10.000 Jahren, etwas mit Show und Inszenierung zu tun. Habt ihr euch mal gefragt, warum die Pharaonen im alten Ägypten Pyramiden erbauen ließen? Und warum trägt Napoleon auf den Gemälden eigentlich immer diese drollige Uniform und den Orden? Warum hat der Indianerhäuptling einen Federwisch auf dem Kopf, warum lief Gandhi barfuß herum? Denkt darüber nach! Ich bin sicher, ihr findet die Lösung.

Ja, Kinderchen, man muss Bilder erschaffen, am besten symbolhafte, man muss die Botschaft verkaufen, welche auch immer. Der eine kann’s, der andere nicht. Willy Brandt, das wisst ihr doch noch, hat in Warschau gekniet. Das war, auch, Show. Hat Willy Brandt an sein Image und an seine Karriere gedacht, als er niederkniete? Ich bezweifle es. Ich vermute, es ging ihm darum, instinktiv vielleicht, ein starkes Bild zu erschaffen, im Interesse einer Sache, die er für die richtige hielt.

Was mir auf den Geist geht, sind die Myriaden von Kollegentexten, in denen aus jeder Politikerhandlung eine Karrieretaktik herausgelesen wird. Wenn ein gewisser Brüderle eine Rede hält oder eine Rede absagt, dann gewiss nur deshalb, weil er den Job eines gewissen Westerwelle haben möchte. Dass jemand etwas, irgendetwas, ohne den Gedanken an seinen persönlichen Vorteil tut, ist natürlich völlig ausgeschlossen. Ich habe einen Verdacht. Womöglich schreiben die Leute, die so schreiben, in Wirklichkeit über sich selbst.

Dies geht mir durch den Kopf, weil ich gerade zwei Stunden lang Kommentare und Blog-Einträge gelesen habe, die sich mit den Auftritten des Ehepaars Guttenberg befassen. Ich schreibe nicht über politische Inhalte, etwa über die Frage, was von dem Afghanistankrieg zu halten ist. Das ist nicht mein Thema. Ich bin lediglich erstaunt darüber, dass Guttenberg "Selbstinszenierung" zum Vorwurf gemacht wird, in völliger Ahnungslosigkeit, so als ob Angela Merkel oder Gregor Gysi oder Kurt Beck sich nicht, besser oder schlechter, inszenieren würden. Lenin und Mutter Teresa konnten sich gut inszenieren. Aus der SPD ist der Vorwurf besonders ulkig, denn gerade die SPD hatte schon mehrmals erstklassige Selbstdarsteller vorzuweisen, etwa Gerhard Schröder, der auch seine Ehefrau keineswegs versteckt hat. Sagen wir’s mal so: Seit 10000 Jahren steht da ein Klavier auf der Bühne. Wer spielen kann, darf sich auf den Hocker setzen.

Bei Guttenberg, dem feinen Pinkel, schreibt man übrigens fast nie "Ehefrau", es heißt fast immer "Gattin", aus Gründen der Ironie. Ich habe in einen Abgrund an Missgunst geblickt, mich schaudert’s. Man kann Politikern doch nicht zum Vorwurf machen, dass sie gebildet sind oder gut aussehen oder geerbt haben. Marx und Engels hatten ebenfalls Kohle. Sollen schlechtes Aussehen und Armut etwa auch noch als Staatsziele ins Grundgesetz? Ich finde, man darf jemandem seine Abstammung nicht vorwerfen. Abstammung, Hautfarbe, sexuelle Orientierung, all das sucht man sich nicht aus. Man darf nicht sagen: "Aha, der kommt aus diesem oder jenem Milieu, da weiß ich sowieso, mit wem ich es zu tun habe. Die sind alle gleich." Das gilt aber nicht für jeden. Bei Politikern, die Migranten sind oder schwul, würde man diese Eigenschaft nicht fünfmal in jeden Artikel hineinschreiben, noch dazu mit abwertendem oder hämischem Unterton. Man soll, in einem Satz, auch Adelige eher an ihren Taten messen.

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