»Schluss mit der Kuscheldiplomatie«, fordert die Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi mit Blick auf die beiden Journalisten der Bild am Sonntag, Marcus Hellwig und Jens Koch, die seit 87 Tagen in einer fensterlosen Zelle im iranischen Täbris festgehalten werden. Sie waren im Oktober mit einem Touristenvisum eingereist und hatten den Sohn der zum Tode verurteilten Sakineh Mohammadi Aschtiani interviewt. Vage Hoffnungen auf eine baldige Freilassung hatten sich spätestens am Samstag zerschlagen, als Frau Aschtiani auf einer bizarren »Pressekonferenz« starren Gesichts ankündigte, sie werde die beiden verklagen , weil sie ihre Ehre und die des Landes gekränkt hätten. Sollte zum bereits erhobenen Vorwurf der Spionage nun tatsächlich noch eine Klage durch Aschtiani hinzukommen, sind die Aussichten für die beiden in der Tat finster.

Die Bild am Sonntag reagierte prompt: Eine Prominentenriege, von Udo Jürgens bis Gregor Gysi, fordert vom iranischen Regime die sofortige Freilassung der beiden Journalisten – manche mit Berufung auf den Koran (Heiner Geißler), manche mit der Erinnerung an stalinistische Schauprozesse (Herta Müller), manche mit der Vorfreude auf gemeinsame Fußballspiele (Theo Zwanziger). Es gibt keine bessere Strategie, als die Machthaber in Teheran öffentlich an den eigenen Grundsätzen zu messen. Demütigende Behandlung von Gefangenen verbietet auch die Verfassung der Islamischen Republik. Wer in jedem internationalen Gespräch auf die Würde der iranischen Nation verweist, kann auf die Verletzung von Visabestimmungen nicht reagieren, als habe ein Staatsstreich bevorgestanden. Ein ordentlicher Prozess, mit Anwalt, konsularischer Betreuung und echtem Richter, an dessen Ende eine Geldstrafe und die sofortige Freilassung von Hellwig und Koch stünden – das wäre ein Akt der Souveränität, mit dem die Islamische Republik die Welt ausnahmsweise einmal eines Besseren belehren könnte.

Aber von »Kuscheldiplomatie« kann nicht die Rede sein. Im Außenministerium hatte man zwar, wie in solchen Fällen üblich, zunächst auf Verhandlungen hinter den Kulissen gesetzt. Auf der Klaviatur der protokollarischen Möglichkeiten ist das der Anfang; die Zurückhaltung soll dem zerstrittenen Regime die Möglichkeit geben, ohne Gesichtsverlust aus der Sache herauszukommen. Die zweite Etappe war der Versuch, zu Weihnachten ein Treffen zwischen den Gefangenen und ihren Angehörigen in Teheran zu arrangieren – auch hier hat das Regime ein grausames Katz-und-Maus-Spiel mit den Beteiligten gespielt, bis die Begegnung schließlich kurz vor Silvester in Täbris zustande kam. Wer an dem Fall Aschtiani den Kampf der Kulturen durchexerzieren möchte, wie einige antiislamische Websites, für den ist das Verhandeln um solche menschlichen Erleichterungen fast schon eine Art Verrat. Was es aber für Marcus Hellwig und Jens Koch bedeutet hat, nach Wochen der Einzelhaft Schwester und Mutter wiederzusehen, steht auf einem anderen Blatt.

Im Verlag Axel Springer ist man sich der bitteren Ironie der Lage durchaus bewusst. »Kein Kommentar«, heißt es dort zu den merwürdigen Umständen der Einreise: Ausgerechnet das Haus, das öfter als jedes andere die Parallele zwischen Ahmadineschad und Hitler zog, lässt zwei Kollegen lediglich mit Touristenvisum in die Höhle des Löwen fahren und den heikelsten Fall recherchieren, den es neben der Nuklearfrage in Iran gibt. Dass darin ein Risiko lag, muss allen Beteiligten klar gewesen sein.

Und ausgerechnet das Haus, das immer wieder das »Appeasement« des Westens gegenüber dem Islamismus beklagt, hat sich nun für die Solidarität der anderen Medien bedankt, die dem Beispiel der Springer-Zeitungen gefolgt waren und wochenlang weder die Namen der Journalisten noch die Zeitung nannten, für die sie unterwegs waren. Es war richtig, der stillen Diplomatie eine Chance zu lassen. Und es ist jetzt, wo sie gescheitert ist, richtig, den Gefangenen Gesicht und Namen zu geben. Die ständigen Vergleiche mit 1938 verniedlichen eher die Naziherrschaft, als dass sie Iran begreiflicher machen.

Was für die deutsche Außenpolitik gilt – das Gebot, sich umsichtig und diplomatisch zu verhalten –, gilt in der Tat nicht für die deutsche Öffentlichkeit. Man darf und man muss es Barbarei nennen, wenn die zum Tode verurteilte Aschtiani vor laufenden Kameras den angeblichen Mord an ihrem Mann nachspielen muss, mit Giftspritze und Elektrokabel. Dass internationale Kritik das Regime durchaus beeindruckt, hat die »Pressekonferenz« Aschtianis vom Samstag gezeigt. Ihren Fall publik zu machen ist journalistische Pflicht. Die Freilassung der beiden Reporter, die dieser Pflicht nachgekommen sind, ist das Mindeste, was man von Iran verlangen kann.