Als nichts mehr half, wurden Locken und Werben zur Strategie des Westens gegenüber Weißrussland. In den Jahren zuvor hatten weder gezielte Visumssanktionen noch der Ausschluss aus dem Europarat den diktatorisch regierenden Präsidenten Lukaschenko beeinflusst. Deshalb der Schwenk seit 2008: Weißrussland wurde in die östliche Partnerschaft aufgenommen, die OSZE bewertete die Wahlvorbereitungen als fehlerhaft, aber mit positiver Tendenz. Zum ersten Mal konnten sich Gegenkandidaten in namhafter Zahl bewerben, sie durften sogar kurz im Fernsehen auftreten.

Doch der Wahltag sollte mit einer Bilanz von etwa 700 Verhaftungen, Misshandlungen der Oppositionellen und ihrem Verschwinden enden.

Nach den Wahlen am 19. Dezember fuhr ich mit dem Nachtzug nach Minsk, um meine Freunde zu treffen. Viele würden es nicht sein, sie waren fast alle verhaftet. Ob es überhaupt noch einer wagen könnte, die Parlamentarierin aus dem Westen zu treffen, stand in den Sternen. Aber vielleicht würde bis hinter die Gefängnismauern durchsickern, dass doch jemand gekommen war. Diese Geste war das Wenigste, was ich für die politischen Weggefährten tun konnte.

Wer konnte, kam dann doch in mein Hotel. 26 Journalisten waren festgenommen, zum Teil in Schnellprozessen verurteilt, ein großer Teil war von den Ordnungskräften hart angegangen worden. Führende Oppositionelle fehlten – sie sind in Haft.

Die Schilderung des Wahlabends war einmütig. Alle betonten, dass der Protest auf dem Oktoberplatz vollkommen friedlich gewesen sei. So auch der Zug zum Unabhängigkeitsplatz, wo die Regierung ihren Sitz hat. Alle Kandidaten hatten zum gewaltlosen Protest aufgerufen. Zunächst gab es keine Polizei, keine vergitterten Wagen, keine Randalierer. Einer der Kandidaten jedoch, Wladimir Neklajew, hat den Platz nicht mehr erreicht: Schon vorher hatten Sicherheitskräfte ihn aus dem Auto gezerrt und verprügelt. Schädelbasisbruch. Dass sie ihn später aus der Klinik ins KGB-Gefängnis entführen und dort tagelang isoliert halten würden, übertraf zunächst die Vorstellungskraft aller meiner Freunde.

Regierungs- und Polizeigebäude waren verbarrikadiert. Erst dort setzte die Gewalt ein, ausgehend von etwa acht bis zehn Randalierern, die niemand kannte. Als ein Vertreter der oppositionellen weißrussischen Volksfront sie zurückhalten wollte, wurde er von Polizisten geschlagen. Keiner der Gewalttäter wurde verhaftet. Aber die Provokation der Steinewerfer war das Signal zum Losschlagen: Die Menschen auf dem Platz wurden verprügelt und festgenommen.

Der Freund von der Zeitung Narodnaja Wolja musste unser Treffen vorzeitig verlassen – er sollte 50 Minuten später bei dem KGB erscheinen. Der Freund machte keinen Hehl aus seiner Enttäuschung, dass von derselben OSZE, die seit Wochen den Wahlprozess begleitet hatte, nun in der Stunde der Not nichts zu sehen war.