Richard David Precht Unser Bürgerphilosoph

Seine Bücher sind in den Bestsellerlisten fest geparkt. Richard David Precht gelingt das Kunststück, das Anspruchsvolle einem großen Publikum zu vermitteln. Eine Begegnung mit dem Schriftsteller und Philosophen

Was das Wetter betrifft, ist der 4. November 2010 ein besonders mieser Herbsttag. Eine stumpfgraue Wolkenplatte verdüstert Mecklenburg-Vorpommern, es regnet. Als Jürgen Seidel, Wirtschaftsminister des Landes, in Greifswald aus dem Auto steigt, schnurrt er unter der kühlen Nässe kurz zusammen. Er wird schon erwartet. Im Foyer des Alfried-Krupp-Kollegs schließt sich ein Kreis von Krawattenträgern um ihn. Es ist Vormittag, kurz vor zehn. In ein paar Minuten wird der Minister den Kongress Finanza 2010 zu Fragen der Außenhandelsfinanzierung eröffnen. Nach ihm werden ein Vorstandsmitglied der NordLB und der Geschäftsführer der deutsch-russischen Auslandshandelskammer sprechen.

Der Magnet des Tages aber ist der Name des Gastredners. Er ist prominent, er kommt nicht aus der Wirtschafts-, sondern aus einer erhabenen Parallelwelt: Richard David Precht ist Philosoph. Sein Vortrag Moral und Verantwortung in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist für 10.45 Uhr angekündigt. Ein Klingelton sirrt durch den Raum. Die Kongressteilnehmer stellen ihre Kaffeetassen auf Stehtischen ab und gehen zum Hauptsaal, den vom Foyer eine Glasscheibe trennt. Der Minister skizziert den aktuellen Wirtschaftsaufschwung. Zwischen zwei Sätzen unterbricht er sich plötzlich und dreht den Kopf zur Seite. Vor der Scheibe läuft ein schmaler, etwas schlaksiger Mann mit schulterlangen Haaren vorbei. »Ah«, sagt der Minister, »Dr. Precht ist offenbar eingetroffen.« Der Mann geht nicht zur Saaltür, er dreht in die Gegenrichtung ab, wo sich hinter dem Foyer ein Buffetrestaurant befindet. »Dr. Precht muss wohl erst noch einen Kaffee trinken«, sagt der Minister, »vermutlich hat er nicht gefrühstückt, das kommt ja vor bei großen Künstlern.« Ein väterliches Schmunzeln begleitet den Satz, und für einen Moment lässt sich darin die Stimulierung von Fürsten erahnen, die einstmals Dichter und Denker an den Hof luden und leibliche gegen geistige Nahrung tauschten.

Anzeige

Das Wort phänomenal ist für den Erfolg Richard David Prechts nicht zu hoch gegriffen. Seine Sachbücher sind seit drei Jahren, seit dem 2007 erschienenen Titel Wer bin ich und wenn ja, wie viele?, auf den Bestsellerlisten geparkt. Aber Verkaufszahlen sagen über das eigentliche Phänomen Precht wenig aus. Es liegt vielmehr in der Art, wie sich hier ein Denker aus dem Fenster des akademischen und des intellektuellen Betriebs lehnt, es liegt in der Reichweite seiner Popularitätsfähigkeit. Der Abstand zwischen Precht und dem Elfenbeinturm dürfte dem zwischen Karl Heinz Bohrer und dem Dschungelcamp entsprechen. Precht ist ein Experte, der so vereinfacht, veranschaulicht und vergnüglich über abendländische Philosophie schreibt und spricht, dass Millionen Amateure es verstehen. Er überflügelt nicht. Er bewegt sich auf Augenhöhe jener Gesellschaftsschichten, die man breite Mitte nennt. Sollte Niklas Luhmann je eine Gestalt aus Fleisch und Blut fantasiert haben, die seinen Begriff der »Reduktion von Komplexität« verkörpert, hätte er sie in dem grundsympathischen, 1964 in Solingen geborenen Precht finden können.

Precht machte nicht nur im Affenzahn Karriere. Er etablierte nebenbei das Modell des bürgernahen, sichtbaren, engagierten Intellektuellen, den es eher in Frankreich gibt, in der Bundesrepublik nicht. Natürlich hat sie berühmte Denker hervorgebracht. Habermas, Sloterdijk, Safranski könnten sogar noch ein Stückchen berühmter sein als Precht. Nur sind sie es auf andere, auf distinktivere Weise. Sie halten einen gewissen skeptischen Abstand zur breiten Mitte. Sie sind in der Jury des Grimme-Preises, der Precht zehn Jahre angehörte, so schwer vorstellbar wie in einer Provinzstadt zwischen Sparkassenleitern und Handelskammervertretern. Sie kennen auch nicht das wissenschaftliche Legitimationsproblem, mit dem der populäre Kollege durchaus zu tun hat; auch wenn er sich dagegen sträubt. Im Gespräch erwähnt Richard David Precht zweimal, dass er sein Studium der Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte in Köln im akademischen Sprint von acht Semestern und mit Bestnoten absolviert hat, ebenso die Promotion über Robert Musil.

Leser-Kommentare
    • Crest
    • 10.01.2011 um 18:01 Uhr

    wenn wir uns zusammen eine Talkshow ansehen. In diesem Fall kammen wir sehr schnell zu einer gemeinsamen Einschätzung. ("Ein bischen 'gaga', findest du nicht auch?" meinte sie. :-))

    Gut. Einige wollen ihm das Philosophentum absprechen.

    Das ist nicht zulässig.

    Denn im Gegensatz zu der Bezeichnung Art, Ingenieur etc. ist dieser Begriff meines Wissens nicht geschützt. ;-)

    Herzlichst Crest

  1. .
    Aber was bleibt schon übrig, nach dem fernen "goldenen Zeitalter" der Philosophie im 18.Jahrhundert, dem "silbernen" und dem "bronzenen" im 19. bzw. 20. Jahrhundert?

    Nach Schopenhauers "Professorenphilosophie der Philosophieprofessoren" nun die TV-Philosophie der TV-Philosophen:

    Der Abgesang der Philosophie zwischen Feuilleton, Boulevard und Ringelpitz zum Anfassen bei Will & Co.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Ein wenig klüger als thymotischer ToterTeig scheint Precht zu sein. Und sympathischer. Aber zu beidem gehört nicht sehr viel.

  3. Was läßt sich über Precht sagen?

    Dieser Feuilleton-Philosoph ist der Florian Silbereisen der Kulturteile und Kulturbeilagen unserer sogenannten Qualitätspresse.

    Zusammen mit dem Fernsehnaturwissenschaftsjournalisten Ranga Yogeshwar bildet er das unschlagbare Duo aus der Stummfilmzeit Pat und Patachon. Diese beiden Komiker waren meine beiden Superstars, als ich 6 bis 8 Jahre alt war.

    Ich lese lieber die Originale von Platon über Aristoteles bis zu Kant und Luhmann.
    Mehr ist nichts zu sagen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Lieber Bakwahn,
    Platon, Aristoteles bis zu Kant haben zweifellos bedeutende Erkenntnisse für die Nachwelt gebracht. Sie sind allerdings schon lange tot und können ihre Gedanken nicht mehr weiter ausführen. Ihre philosophischen Betrachtungen genießen mit Recht Anerkennung für alle Zeiten und sollten unbedingt auch zukünftig gelesen werden.

    Precht hat ihre Texte gelesen, zieht seine Schlüsse daraus und formuliert in verständlicher Weise einleuchtende Gedankengänge, die nach seinem Verständnis auf unsere heutige Welt zutreffen. Mich konnte er zum Nachdenken anregen, ohne dass ich dabei an irgendwelche Scharlatane denken musste.
    Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber woran machen Sie Ihre Kritik fest, wenn Sie über ihn so herablassend schreiben?

    Mich würde tatsächlich interessieren, was Sie, lieber Bakwahn, dazu verleitet ihn ins Lächerliche zu ziehen. Ich finde, dass Sie sich etwas zu weit aus dem Fenster lehnen. Dasselbe trifft auf einige andere Personen zu, die hier ihre Kommentare hinterlassen haben.

    Bei mir hinterlassen Ihre tendenziell unqualifizierten Kommentare eher den Eindruck, dass Sie Prechts Texte gar nicht gelesen bzw. verstanden haben oder möglicherweise auch gar nicht verstehen wollten.

    Lieber Bakwahn,
    Platon, Aristoteles bis zu Kant haben zweifellos bedeutende Erkenntnisse für die Nachwelt gebracht. Sie sind allerdings schon lange tot und können ihre Gedanken nicht mehr weiter ausführen. Ihre philosophischen Betrachtungen genießen mit Recht Anerkennung für alle Zeiten und sollten unbedingt auch zukünftig gelesen werden.

    Precht hat ihre Texte gelesen, zieht seine Schlüsse daraus und formuliert in verständlicher Weise einleuchtende Gedankengänge, die nach seinem Verständnis auf unsere heutige Welt zutreffen. Mich konnte er zum Nachdenken anregen, ohne dass ich dabei an irgendwelche Scharlatane denken musste.
    Vielleicht habe ich etwas übersehen, aber woran machen Sie Ihre Kritik fest, wenn Sie über ihn so herablassend schreiben?

    Mich würde tatsächlich interessieren, was Sie, lieber Bakwahn, dazu verleitet ihn ins Lächerliche zu ziehen. Ich finde, dass Sie sich etwas zu weit aus dem Fenster lehnen. Dasselbe trifft auf einige andere Personen zu, die hier ihre Kommentare hinterlassen haben.

    Bei mir hinterlassen Ihre tendenziell unqualifizierten Kommentare eher den Eindruck, dass Sie Prechts Texte gar nicht gelesen bzw. verstanden haben oder möglicherweise auch gar nicht verstehen wollten.

  4. Das Komplexe den Leuten näher zu bringen, ist immer ein gutes Ziel. Ich finde es manchmal unerträglich, wie versucht wird, mit Verweisen und aufgeblähten Fachvokabular die Leute auszugrenzen. Klar ist nicht alles in einfache Worte zu packen, da wir ja sowieso immer durch die Sprache limitiert sind. Aber der Zugang zu guten Gedankengängen muss nicht unbedingt kompliziert gestaltet werden. Wie vielleicht Dr. Precht sagen würde, entweder man öffnet den Leuten ein großes Tor, durch welches sie ans Ziel gelangen können, oder lässt sie durch einen Irrgarten wandern, um an das selbige zu gelangen. Das Ziel ist jedoch nicht die Antwort, sondern die Frage, welche zum philosophieren/nachdenken/wundern anregt.
    Egal ob im 18, 19, 20 oder 21 Jahrhundert. Dass es heutzutage keine guten Philosophen gibt, muss wohl bezweifelt werden. Die anderen Jahrhunderte sehen wir mit dem Filter der Zeit und besitzen nur ein überschaubares Maß an Werken. Schopenhauer wurde ja auch lange Zeit nur von seinem Pudel gewertschätzt. Man darf auch nicht vergessen, dass auch er erst Anerkennung erfahren hat, als er seine Thesen für die Menschen in besser greifbare Worte und Metaphern verfasst hat.

    • Mikoss
    • 10.01.2011 um 19:02 Uhr

    "Der Abstand zwischen Precht und dem Elfenbeinturm dürfte dem zwischen Karl Heinz Bohrer und dem Dschungelcamp entsprechen."

    Kritik: auch als besonders flotter Schreiberling sollte man ein wenig Sorgfalt walten lassen, ansonsten passieren einfach

    viel zu viele

    BEINAHE-AUSSAGEN

    Ausgerechnet bei so einem wichtigen Philosophen...

    Eine Leser-Empfehlung
    • chamsi
    • 10.01.2011 um 19:31 Uhr

    tolle Beobachtungsgabe, frei von jedem Zynismus oder
    Selbstverliebtheit, sensibel und..verdammt gutaussehend :)
    Ist schön, dass es noch solche Männer gibt !!!

  5. Ich halte nicht viel von ihm. Ich sah ihn mal im Fernsehen, als es sinngemäß Folgendes sagte:

    "Wenn der (evolutionäre) Zweck von Sex das Kinder kriegen ist, warum verhüten Menschen dann? Biologismus kann nicht alles erklären blabla"

    Sowas kommt dabei raus, wenn man heutzutage ohne jegliche naturwissenschaftliche Vorbildung rumphilosophiert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    war das nicht eher eine entgegnung auf die 'erkenntnisse', mit denen "rumphilosophierende" vertreter von spaß-disziplinen wie 'evolutionssoziologie' und 'soziobiologie' seit ner weile um sich schmeißen?

    war das nicht eher eine entgegnung auf die 'erkenntnisse', mit denen "rumphilosophierende" vertreter von spaß-disziplinen wie 'evolutionssoziologie' und 'soziobiologie' seit ner weile um sich schmeißen?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service