Albert Einstein hat gesagt, Probleme könnten nicht mit den Mitteln gelöst werden, die sie erst herbeigeführt haben. So sah es um das Jahr 2010 herum aus. Insbesondere waren auf diese Weise nicht jene gewaltigen Probleme zu lösen, die später mit dem Begriff »Komplexes Scheren-Syndrom« gefasst wurden. Zum Beispiel suchten Arbeitslose vergeblich dauerhafte Stellen – und Firmen fanden keine qualifizierten Mitarbeiter. Oder: Die Sozialausgaben der öffentlichen Hand stiegen und stiegen – und dem Staat fehlte das Geld für Zukunftsinvestitionen in Bildung und Infrastruktur. Auch der Umbau der Energieversorgung blieb da auf der Strecke.

Die Frage nach dem jeweiligen Ziel – welche Netze wollen und brauchen wir und für wen? – wurde kaum durchdacht. Alle redeten zwar über Nachhaltigkeit, aber kaum jemand dachte das Konzept zu Ende. Die Bürger waren irgendwann verwirrt: Was war nun eigentlich grüner Strom? Und wozu brauchte man internationale Gemeinschaftsprojekte, wenn das Geld nicht einmal für die kleinsten Klimapläne in der Gemeinde reichte?

Es war nur folgerichtig, dass sich die sozialen und kulturellen Spannungen im Lande in Protesten entluden – die heute nur noch Eingeweihten bekannte Bewegung Stuttgart 21 bot hierfür einen Vorgeschmack. Probleme in der Weltwirtschaft fachten das Feuer zusätzlich an. Eine Umfrage besagte, 87 Prozent der Deutschen hätten das Gefühl: »Wir werden der Probleme nicht mehr Herr«.

Die wachsende Spannung bewog die damalige Bundeskanzlerin dazu, den richtigen Leuten zuzuhören, zu reflektieren und dann erst zu handeln. Nach meiner Erinnerung waren es vor allem drei Schritte, die eine Wende einleiteten:

Erstens zog sich das Kabinett zu einer von Experten moderierten Visionsklausur an einen abgelegenen Ort zurück. Zunächst diskutierte man die Frage, was geschehe, wenn alle so weitermachten wie bisher. Dann beredete man, was geschehen könnte, wenn man sich änderte. Die Kanzlerin sprach zum Abschluss in einer viel beachteten Fernsehansprache vom »Lernen als erster Bürgerpflicht« und sagte, Politiker müssten hier Vorbilder sein. Dann führte sie ihre Überlegungen aus: »Deutschland hat nur eine Chance: Wir müssen endlich das Thema Bildung umfassend und auf allen Ebenen ernst nehmen. Wir müssen unser immaterielles Vermögen mehren. Deutschland muss sich als lernende Nation verstehen. Technologische Innovationen müssen mit sozialen Innovationen Hand in Hand gehen. Die Energiewende braucht eine Denkwende: eine intellektuelle und eine soziale, eine geistig-kulturelle Wende.«

Diese denkwürdige Klausur war auch der Startschuss für die Gründung neuartiger Lernstätten für Politiker und Verwaltungsbeamte im ganzen Land – genannt Zukunftsakademien. Was vordem nur für Spitzenmusiker und Spitzensportler gegolten hatte, galt nun auch für Spitzenpolitiker. Aus diesen Tagen datiert die heute selbstverständliche Gepflogenheit, dass Norman Forsters Reichstagsgebäude in der sitzungsfreien Zeit als Ort für Vorlesungen, Seminare und für den Austausch mit internationalen Wissenschaftlern und Vordenkern, aber auch mit Studenten und Schülern genutzt wird. Ein nationales Symbol dafür, dass Arbeit und Lernen heute als Einheit verstanden werden.

Zweitens entstanden zunächst in Berlin, angesiedelt beim Bundeskanzleramt, dann im ganzen Land nach skandinavischem und niederländischem Vorbild die Future Centers: geschützte Räume, in denen über den Tag hinaus offen gedacht und frei gesprochen werden konnte. Was heute selbstverständlich ist, galt damals als Kuriosität: Politiker fingen an, tatsächlich ressort- und parteiübergreifend neue und grenzüberschreitende Lösungen zu entwickeln, sehr bald auch unter Einbeziehung von Bürgern, engagierten Unternehmen, Künstlern und den zahlreicher werdenden selbst organisierten Initiativen. Es entstanden die ersten Ansätze einer kreativen Kooperationskultur. Die sogenannten »Agenturen für Arbeit« – so was gab es damals noch – wurden zuerst umgewandelt in »Agenturen für Arbeit und neue Wertschöpfung«, bevor sie ganz aufgelöst wurden oder in den uns allen bekannten »Marktplätzen des Wissens und der nachhaltigen Ideen« aufgingen.