Markus Lüpertz"Ich bin einfach aus der Garnison spaziert"

Markus Lüpertz über seine Flucht aus der französischen Fremdenlegion, die ihn vor dem Algerienkrieg bewahrte. von Louis Lewitan

ZEITmagazin: Herr Professor Lüpertz, Sie haben sich als Genie bezeichnet. Sind Sie ein Genie?

Markus Lüpertz: Wenn ich mich als Genie bezeichnet habe, dann bin ich ein Genie. Im Gegensatz zu Kollegen, die das von sich denken, es jedoch nicht sagen, stehe ich zu meiner Selbstdefinition.

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ZEITmagazin: Ihr Selbstverständnis strotzt geradezu von Selbstbewusstsein.

Lüpertz: Wenn man in diesem einen Leben einen so exaltierten Beruf wie den des Kunstmalers ergreift, dann kann man nur unter der Prämisse antreten, das Beste, das Größte und das Schönste zu schaffen. Ich kann nicht sagen, na ja, so gut bin ich auch wieder nicht. Was soll eine solche Haltung? Wenn man nicht glaubt, etwas Besonderes zu sein, dann sollte man diesen Beruf nicht ausüben.

ZEITmagazin: Steht ein solch gewichtiges Urteil nicht vielmehr der Nachwelt zu?

Markus Lüpertz

69, ist einer der bekanntesten deutschen Künstler der Gegenwart. Viele seiner Werke werden dem Neoexpressionismus zugerechnet. Über zwanzig Jahre lang war Lüpertz Rektor der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. Heute lebt und arbeitet er in Berlin, Karlsruhe, Düsseldorf  und Florenz. Er ist verheiratet und hat fünf Kinder

Lüpertz: Gewiss, ob einer ein Genie ist, ist eine Wertung der Nachwelt, außer vielleicht bei Fußballern und Dirigenten. Aber man muss sich auch selbst einschätzen können, das ist eine bewusste Entscheidung. Die Idee meiner Genialität ist eine Erfindung von mir selbst. Ebenso erfinde ich mich als Künstler.

ZEITmagazin: Sie bestimmen Ihre Identität, indem Sie sich selbst erfinden?

Lüpertz: Aber sicher, ich bin doch kein Opfer. Ich bin kein willenloses Wesen, das zufällig in Bewegung gesetzt wurde und in irgendeine Richtung vor sich hinarbeitet. Ich habe eine Idee davon, was ich sein will, und wenn ich das sein will, dann bin ich das auch.

ZEITmagazin: Ist der freie Wille nicht eine Illusion?

Das war meine Rettung
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Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Lüpertz: Der Wille ist vielleicht die einzige wirkliche und entscheidende Freiheit, die wir uns im Leben geben können. Ich kann mich nicht einem vorgegebenen Schicksal überlassen und tatenlos zusehen, wie sich mein Leben entfaltet. Eine solche Einstellung ist für mich undenkbar. Als freier Mann und, darauf lege ich großen Wert, als freier Geist muss ich meine Ziele und Träume selbst verwirklichen.

ZEITmagazin: Was hat Sie als freien Geist dazu bewogen, zur Fremdenlegion zu gehen?

Lüpertz: Ich hatte den Film Marokko mit Gary Cooper gesehen. Das war ein Abenteuer, das hatte Weltschmerzromantik.

ZEITmagazin: Sie waren 17, was hatten Sie denn vor?

Lüpertz: Ich wollte eigentlich in Marseille auf einem Schiff anheuern und als Maler Abenteuer erleben. Wenn man mittellos ist, kein Geld hat, dann muss man sich diese Weltschmerzromantik erarbeiten. Es gab jedoch kein Schiff, so kam ich zur Legion.

Leserkommentare
    • jofri
    • 06. Januar 2011 18:34 Uhr
    1. Genial

    Das Genie mit freiem Willen, das das eigene Leben und das große Ego ganz genau plant, sieht einen Film, trifft einen Werber und geht daraufhin zur Fremdenlegion. Genial.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    50 Jahre Leben unterschlagen zwischen beiden Punkten - sowas führt dann zu Ihrer Wertung.

    • dacapo
    • 07. Januar 2011 20:17 Uhr

    ......könnte Ihnen nicht passieren? Das passiert eben nur unternehmungswilligen Menschen. Dazu scheinen Sie nicht zu gehören.

  1. ich bewundere leute die sich spontan auf etwas einlassen, etwas erleben und im geeigneten moment geistesgegenwärtig genug sind um zu verstehen dass das abenteuer zu ende ist.

    das ist die art von erfahrung die weise macht.

    ich hab das auch gemacht, bin auf gut glück einfach nach paris, allerdings erst mit 25 und die fremdenlegion hab ich mir auch nicht angetan. dafür was ähnliches: 6 monate callcenter bevor ich einen echten job gefunden habe.

    was ich dabei gelernt habe ist, mich auf mich selbst zu verlassen und auf eigenen beinen zu stehen, habe viele interessante leute getroffen und bin heute stolz darauf, mir ganz eigenhändig und ohne fremde hilfe ein schönes und behagliches leben eingerichtet zu haben.

    oft sagt man mir ich hätte glück gehabt, was sicher nicht ganz falsch ist, aber ich denke auch, dass man das glück anlocken muss damit es einen finden kann. ist alles eine frage der inneren einstellung.

    ganz so wie ein genie zu sein, um den kreis wieder zu schliessen ...

    • nitric
    • 06. Januar 2011 22:54 Uhr

    Hmmm, also Parteitagsreden waren noch nie bildend, und ein Callcenter hat mit Sicherheit überhaupt nichts Ähnliches mit der Fremdenlegion.
    Ansonsten teile ich auch diese Auffassung bin nach dem Zivildienst auch auf gut Glück nach Frankreich und habe dort die schönste Zeit meines Lebens verbracht, bin allerdings weder Künstler noch Genie :D

    • Riktam
    • 07. Januar 2011 9:06 Uhr
    4. Zitat:

    «Als freier Mann und, darauf lege ich großen Wert, als freier Geist muss ich meine Ziele und Träume selbst verwirklichen».

    Jemand der etwas «muss» ist weit davon entfernt frei zu sein.

  2. Natürlich würde ich einen Mitmenschen, der sich - in front of me - als Genie bezeichnet, erst einmal auslachen. Dennoch würde es ihn sympathisch machen. Und ich habe einige Freunde, die ob ihrer Überheblichkeit nicht gerade bequem sind und doch so einiges beherrschen; und ich kenne noch mehr, die in ihre Positionen überhaupt nur ob solcher Gesten gekommen sind. Ich mag das. Der vielleicht klügere und weniger erfolgreiche Geniale hält sich für genial, aber, damit er nicht zu viel auf den Deckel bekommt, behält er seine Fiktion fürs Erste für sich. Diese autofiktive Genialität könnte demnach eine Attitüde der Alten sein. Wer weiß. Jedenfalls ist mir ein Bekannter, ein Mitarbeiter, ein Kollege immerzu lieber, der sich überschätzt als dass er sich unterschätzt - ganz unabhängig der Frage, wie man mit so einem umgeht, etwa aus Rücksicht auf andere.

  3. 50 Jahre Leben unterschlagen zwischen beiden Punkten - sowas führt dann zu Ihrer Wertung.

    Antwort auf "Genial"
  4. Was Herr Lüpertz da bzgl. seiner angeblichen Zeit in der Fremdenlegion von sich gibt, das lässt bei jedem echten Ancien Légionnaire, der avec honneur et fidélité seinen Vertrag erfüllt hat, die Haare zu Berge stehen.

    Wer sich ein wenig mit der Geschichte der Fremdenlegion auskennt, der würde Herrn Lüpertz schnell als Hafensänger entlarven. Seine Geschichte von seiner "harten" Grundausbildung stinkt doch zum Himmel. In Marseille gab es seinerzeit (und laut seinen Angaben muss das 1958/59 gewesen sein, da er als 17-Jähriger dort unten gewesen sein will) lediglich das berühmte Fort St. Nicolas am Vieux Port in Marseille, wo die Bewerber auf Herz und Nieren untersucht wurden und sich einer Sicherheitsüberprüfung durch das 2ème Bureau unterziehen mussten.

    Nach Feststellung der Tauglichkeit für die Fremdenlegion und der Vertragsunterzeichnung wurden die Freiwilligen dann per Schiff nach Oran (Algerien) befördert, da zu dem Zeitpunkt die Fremdenlegion ihr Hauptquartier in Sidi-bel-Abbes hatte. Die Grundausbildung fand in Mascara statt. In Frankreich selber fand zu der Zeit keine Grundausbildung statt. Erst mit dem Abzug der Legion aus Algerien im Jahre 1962 wurden die neuen Legionäre in Bonifacio auf Korsika ausgebildet.

    Hinzu kommt der folgende Eintrag bei Wikipedia:

    "Lüpertz studierte von 1956 bis 1961 an der Werkkunstschule Krefeld bei Laurens Goosens, [...]*

    Wer 1 und 1 zusammenzählen kann, der kann sich selber ein Bild vom Wahrheitsgehalt der Lüpertz'schen Märchen machen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ja, das passt gut ins Bild, denn der Mann sagt ja selbst:

    "Ich habe eine Idee davon, was ich sein will, und wenn ich das sein will, dann bin ich das auch."

  5. Ja, das passt gut ins Bild, denn der Mann sagt ja selbst:

    "Ich habe eine Idee davon, was ich sein will, und wenn ich das sein will, dann bin ich das auch."

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