Ein Porträt von Johannes Reuchlin (1455-1522) © Wikicommons

Kulturelle Vielfalt, die das Anderssein zulässt, Multikulti gar, scheint in Europa aus der Mode gekommen zu sein. Gerade erst versuchte der französische Präsident, seinem Popularitätsschwund entgegenzuwirken, indem er gegen eine winzige Minderheit von Roma-Migranten zu Felde zog. In der Schweiz stimmte eine Mehrheit der Bürger gegen den Bau von Minaretten und wenig später dafür, dass »kriminelle Ausländer« gleich »ausgeschafft« werden. In den Niederlanden und Belgien, in Skandinavien, in Italien und etlichen Ländern Osteuropas haben Parteien mit ausländerfeindlichen Parolen Erfolg.

Deutschland wiederum sah sich von einer erregten Attacke auf den Multikulturalismus überrumpelt, nachdem Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin behauptet hatte, islamische Einwanderer machten das Land »dümmer«. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte unter dem tobenden Beifall der jungen Mitglieder ihrer Partei, Multikulti sei tot. Widerspruch indes blieb nicht aus, vor allem vonseiten der neuerdings auch im konservativeren Teil des Bürgertums sehr erfolgreichen Grünen.

Vor genau 500 Jahren fand ein anderer deutscher Streit um eine andere Minderheit statt, in dessen Mittelpunkt bald ein einzelner Mann stand. Dieser Mann, ein humanistischer Gelehrter, hieß Johannes Reuchlin, und die Minderheit, um die es ging, waren die Juden. Seine Schrift Ratschlag, ob man den Iuden alle ire Bücher nemmen, abthun und verbrennen soll, die er in einem Buch unter dem Titel Dr. Johannes Reuchlins Augenspiegel 1511 in Tübingen veröffentlichte, schlug ein wie der Blitz. Sie zog, so kann man wohl sagen, unmittelbar vor dem Beginn der Reformation eine historisch bedeutsame Grenze. Reuchlins Botschaft ist so unverbraucht und treffend wie eh und je: Verachtet nichts, nur weil es fremd und anders ist!

Die Schrift war eine Antwort auf düstere Vorgänge. Wenige Jahre zuvor, zwischen 1507 und 1509, hatte Johannes Pfefferkorn, ein gerade erst vom Judentum zum Christentum konvertierter Metzger, in verschiedenen Schmähschriften die Behauptung propagiert, dass der Talmud und andere jüdische Schriften Ruchlosigkeiten und Angriffe auf den christlichen Glauben enthielten. Er hatte gefordert, alle diese Schriften zu verbieten und zu vernichten.

Es ist höchst unwahrscheinlich, dass Pfefferkorn, der im Hebräischen nicht sonderlich bewandert war und auch keine fundierte Kenntnis der fraglichen Werke hatte, von sich aus auf die Idee gekommen sein könnte, seine ehemaligen Glaubensbrüder und ihren kostbarsten Besitz, ihre Bücher, der- art zu verleumden. Vielmehr leisteten einflussreiche Mitglieder des Dominikanerordens in Köln, die in ihm ein williges Werkzeug sahen, Pfefferkorn Schützenhilfe. Der Prediger- und Missionsorden hoffte, auch in den deutschen Landen die Inquisition aufbauen zu können, die bis 1492 bereits die Iberische Halbinsel erfolgreich von den jüdischen und islamischen Bewohnern und ihrer Kultur »gesäubert« hatte.

Mithilfe der Kölner Mönche gelang es Pfefferkorn, seine Forderungen im Winter 1509/10 Maximilian I. vorzutragen. Der Kaiser ordnete daraufhin an, dass die Richter im ganzen Reich jüdische Bücher konfiszieren sollten, um den Inhalt zu untersuchen – eine erstaunliche Aufgabe, wenn man bedenkt, dass keiner der mit ihr befassten Magistrate auch nur ein Wort Hebräisch verstand. Nachdem der Auftrag des Kaisers zum Teil ausgeführt worden war, besann sich dieser unerklärlicherweise anders und erließ eine zweite Verfügung, der zufolge die erste so lange ausgesetzt werden sollte, bis die Anschuldigungen sorgfältig geprüft wären.

Im Juni 1510 bat Maximilian den Erzbischof von Mainz, der traditionell das Amt des deutschen Reichskanzlers (Erzkanzlers) innehatte, Expertenmeinungen einzuholen. Einer der Männer, die aufgerufen waren, ihre Ansichten darzulegen, war Jakob van Hoogstraeten, päpstlicher Inquisitor, Professor der Theologie und Prior des Dominikanerklosters in Köln – sein Urteil stand von vornherein fest und stützte Pfefferkorns Position. Ein anderer war Johannes Reuchlin, Professor der Rechte, aber auch ein bekannter Altphilologe. Sein Gutachten nun sollte 1511 für Furore sorgen.

Zur Welt gekommen war Johannes Reuchlin am 29. Januar 1455 in Pforzheim. Hier lernte er in einer Klosterschule Latein, studierte dann in Freiburg, Paris, Basel, Orléans und Poitiers zunächst die klassischen Fächer Grammatik, Rhetorik und Philosophie, bevor er sich für den juristischen Werdegang entschied.