Der Kabarettist freut sich schon. Manfred Breschke läuft im Schneegestöber zu einer Baugrube unweit des Dresdner Hauptbahnhofs. »Hier stand ja früher das Lenin-Denkmal«, sagt Breschke. Das sei auch eine nette Vorlage gewesen. Aber Kohl in Bronze vor der Frauenkirche? Humoristisch schwer zu toppen! »Wohnt nicht der Biedenkopf neben der Kirche«, fragt Breschke, »Kohls alter Parteifeind?« Dann stünde der Rivale bald direkt vor seinem Fenster. »Nicht dass wir noch Heiner Geißler als Schlichter holen müssen.«

Ende Januar wird der Dresdner Stadtrat entscheiden, ob vor der Frauenkirche künftig an den Altkanzler erinnert wird. »Wir wollen Kohls Besuch am 19. Dezember 1989 würdigen«, sagt Sebastian Kieslich von der CDU. Vor den Trümmern am Neumarkt habe Kohl den unvergessenen Satz gesprochen: »Mein Ziel bleibt, wenn die geschichtliche Stunde es zulässt, die Einheit der Nation.« Kieslich hat den darauf einsetzenden Jubel noch in den Ohren und hat das Denkmal beantragt. »Die Form ist noch offen«, betont er. Doch das Kabarett spottet schon über die Wirtschaftswunder-Hand, die man bald, in Bronze gegossen, küssen könne. »Peinlich« nennt die Bürgerrechtlerin und Grünen-Stadträtin Ulrike Hinz den Antrag. »Wir haben 1989 den aufrechten Gang gelernt. Und jetzt sollen wir uns vor Kohl verbeugen?«

Hinz bezweifelt, dass man so etwas wie die Friedliche Revolution überhaupt in Denkmälern konservieren kann. »Diese Zeit war voller Bewegung, voller Aufbrüche – nichts Starres«, sagt die 64-Jährige. Und doch wird derzeit an vielen Orten versucht, genau diese Zeit festzuhalten. Erst im Oktober hat Plauen sein aus Spenden finanziertes Wende-Denkmal eingeweiht. Die sächsische Staatsregierung stellt noch bis 1. März eine halbe Million Euro für Tafeln, Stelen oder Plastiken bereit, die an 1989 erinnern sollen. Das Geld stammt aus dem Verkauf von Grundstücken an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, dem sogenannten Mauerfonds. Elf Anträge liegen vor. Auch das Kohl-Denkmal könnte aus dem Programm finanziert werden, aus dem Sachsen bislang reichlich sieben Millionen Euro bekommen hat.

Die Frage ist: Braucht Ostdeutschland, 21 Jahre nach der Revolution, wirklich mehr Erinnerungsorte für diese? Die meisten Bürgerrechtler könnten darauf wohl verzichten. Oft sind es Revolutionäre der zweiten Stunde, die erst demonstrierten, als es ungefährlich geworden war, die sich nun für die Denkmäler starkmachen – Politiker von CDU und SPD. Mancher will sich vielleicht auch selbst ein bisschen verewigen.

So werden in Leipzig seit mehr als zwei Jahren quälende Debatten über ein Freiheits- und Einheitsdenkmal von nationaler Bedeutung geführt. Im November 2007 hatte der Bundestag ein solches Monument zunächst für Berlin beschlossen. Auf Drängen einiger sächsischer Bundestagsabgeordneter stellte die Regierung ein Jahr später auch für Leipzig fünf Millionen Euro in Aussicht. Der Freistaat Sachsen bot weitere 1,5 Millionen Euro an. Doch während für das Berliner Einheitsdenkmal inzwischen drei Entwürfe vorliegen, konnte sich Leipzig bislang noch nicht einmal auf einen Standort einigen.

Zwei Jahre lang berieten Kommissionen, tagten Arbeitskreise, stritten Podien. Nun plant Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) den Befreiungsschlag. Für Februar will er einen Workshop einberufen. Dann sollen reichlich 20 Bürgerrechtler, Historiker und Politiker über Standort und Ziele des Nationaldenkmals beraten. Gleichzeitig will Jung durch eine Umfrage ermitteln, was für Vorstellungen die Leipziger haben. Noch vor der Sommerpause könnten die Stadträte dann den Standort bestimmen, und der Wettbewerb würde ausgeschrieben.

Je pompöser das Werk ausfällt, desto weniger dürfte es in die Zeit passen. »Denkmäler werden mit Vorliebe von autoritären Regimen errichtet«, sagt Hubertus Knabe. Der Historiker und Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen verweist auf das Stalin-Denkmal in Berlin oder das Karl-Marx-Relief in Leipzig. »Wenn sich Demokratien an Monumenten versuchen, geht das meistens schief.«