Winterzeit Die Eisblumen sind verschwunden

Der Winter treibt seine schönsten Blüten nicht mehr

Wir wollen an dieser Stelle einmal einer ausgestorbenen Pflanzengattung gedenken, die es nicht wie der Wilde Knoblauch oder das Rundblättrige Hasenohr auf die Rote Liste geschafft hat. Die Eisblumen sind verschwunden. Wurde es denn bemerkt? Jedenfalls fühlte sich niemand berufen, ihnen ein Liedchen nachzusingen wie seinerzeit Karl dem Käfer.

Bei Wintern wie diesem könnte man in bäuerlicher Manier von einem guten Wachswetter für Eisblumen sprechen. Aber wie auf überdüngten Feldern nun mal kein Hasenohr mehr wächst, so wächst auf mehrfach verglasten Fenstern auch keine Eisblume mehr. Man könnte auch sagen, sie sei der Intensivierung unseres Wohlbefindens zum Opfer gefallen. Ökologisch gesehen, muss man wärmedämmende Fenster natürlich loben. Schließlich sparen sie Energie. Und wenn der Frost auch noch so knackt, wir können aus unserer molligen Behausung ganz unverblümt nach draußen gucken, und da sehen wir ... ja, was eigentlich außer Menschen und Hunden, die ihr Geschäft verrichten?

Anzeige

Früher, als Eisblumen die Fensterscheiben verzierten, die noch so dünn waren, dass Vorgärten automatisch mit beheizt wurden, war es um Hund und Mensch gleichermaßen bestellt. Aber hinter den urwüchsigen Gebilden sah man ihr Treiben nicht. Und wollte man es sehen, so musste man erst mit seinem Atem ein Loch in das bizarre Dickicht hauchen. Der Frost zog schnell wieder die Gardine zu. Ungeduldig wuchsen die Farne und Astern aus Eis wieder nach, als wollten sie unsere neugierigen Blicke bestrafen. Und an der Stelle, wo das Guckloch war, rankten die eisigen Sprösslinge verzweigter denn je empor. Neugier lohnte sich nicht.

Ich kann mich noch gut an die Eisblumen am Küchenfenster meines Elternhauses erinnern: Die Disteln, das Hirtentäschelkraut, die Kornblumen, die Melde und der Klee – alles war wieder da, was im Sommer durch meine Hände geglitten war. Begannen die Blumen erst einmal zu wachsen, so wuchs auch in mir der Wunsch, sie mögen es schaffen und das gesamte Fenster bedecken. Es gab Tage, da stand ich wie der Bauer vor seinem Acker, der dem Aufgehen seiner Saat entgegenfiebert. Das Fenster wurde aber nie ganz überwuchert – zur Freude unseres Katers Gustav. Der saß jeden Abend draußen auf der Fensterbank und guckte meiner Mutter so gern beim Kochen und uns beim Essen zu; und wenn er sich ein bisschen anstrengte, ragte sein Katzenkopf über die raureifigen Blütenköpfe. Dort, wo er saß, zeichnete sein warmer Katzenkörper einen Umriss in die weiße Blumenpracht. Drückte er sie nicht ebenso nieder wie sommers die Veilchen im Garten während seines Mittagsschläfchens?

Heute weiß kaum noch ein Kind, was Eisblumen sind. Man hätte Mühe, irgendwo noch ein Fenster aufzutreiben, auf dem sie wachsen, und müsste wie ein besessener Pflanzenfreund umherreisen, um derartige Gewächse zu finden. So eine Eisblume braucht nicht nur einen dünnen Untergrund und einen zugigen Fensterrahmen, auf dem sie Wurzeln schlagen kann. Sie braucht auch ein bisschen Dreck als Keim für ihre Kristallisation.

Ein Staubkorn würde genügen, um ihren Wuchs in Gang zu bringen. In Anbetracht unseres Desinfektionswahns dürften es aber selbst schon die Staubkörner schwer haben, sich noch irgendwo niederzulassen. Wir müssen uns also damit abfinden: Es gibt wieder Maikäfer, Eisblumen gibt es nicht mehr. Zwar sind sie nicht ausgestorben, aber so selten geworden, dass der Botaniker von einer verschollenen Spezies sprechen würde.

Man stelle sich nur einmal vor, alle Glasfassaden in den Städten wären jetzt mit Eisblumen überwuchert. An den Fenstern der Finanzämter wüchsen Klappertopf und Tausendgüldenkraut. Die Kuppel des Berliner Reichstages würde von eisigen Armleuchteralgen, Schlafmohn und Tollkirschen besiedelt. Binsen- und Brachsenkraut würden das Haus der Deutschen Bahn am Potsdamer Platz bedecken. Die Auslagen in den Schaufenstern würden eine Zeit lang hinter Liguster, Wiesenbocksbart und Ferkelkraut verschwinden. Ach, schön wäre das.

Ich hätte gern Eisblumen am Fenster. Dann müsste ich nicht immer auf das Stillleben mit Fernseher im Haus gegenüber schauen. Es hatte schon etwas für sich, dass die Kälte einst an unseren Fenstern wilde, schöne Blüten trieb. Auch sie braucht einen Zufluchtsort.

 
Leser-Kommentare
    • papayu
    • 05.01.2011 um 7:57 Uhr

    Was war das fuer ein Spass fuer uns Kinder, die Scheiben anzuhauchen, damit man durchgucken konnte.
    Da gab es in vielen Wohnungen nur die Wohnkueche und die war durch den Kuechenofen nimmer schoen warm. Schlafzimmer hatte keinen Ofen und im Wohnzimmer wurde nur bei Besuch geheizt.

    Wenns zu kalt wurde, zog man einen Pullunder an, manchmal auch zwei.

    Dann wollte keiner mehr die Kohlen aus dem Keller holen, die Oelheizung heizte, stank zwar anfangs immer nach Oel. Dann kamen die Zentralheizungen und die Wohnungenn stanken nach angebrannten Staub.

    Heute werden alle Raeume beheizt, selbst das Oertchen. Was fuer eine Verschwendung. Es gibt viele Leute, die gehen morgens zur Arbeit, die Wohnung steht ueber 9 std leer und es wird Raumtemperatur 22 Grad gehalten. Schade, das genuegsame Leben haben die Eisblumen mitgenommen, als sie verschwanden.

    Primitiv, aber viel gesuender waren die Eisblumenzeiten.

    • S.W.
    • 05.01.2011 um 8:12 Uhr

    ....OHNE Eisblumen! Und ich genieße es sehr! Nicht nur, dass es wärmer ist, ich bin auch nicht wochenlang ohne Ausblick, das wird nämlich langweilig. Eisblumen klingt romantisch und ist vielleicht eine schöne Kindheitserinnerung, aber wenn man wochen- oder monatelang damit leben muss, verliert es seinen Reiz doch sehr.

  1. Danke, liebe Heike Kunert

    für diese schöne und poetische Hommage an die kunstvollen Überraschungen der Natur und des Eises! Hätte fast von mir sein können :-)
    Ja doch, auch ich bin zwar froh, daß die heutigen Fenster so viel besser isolieren. Aber irgendwie finde ich den Gedanken traurig, daß man heutzutage aufwachsen kann, ohne so etwas Magisches wie ein üppiges Eisblumenfenster je gesehen zu haben.

  2. Besungen werden die Eisblumen in jedem Kindergarten zur Winterzeit in dem Lied "Schneeflöckchen, Weißröckchen"; vermutlich allerdings - da könnten Sie richtig liegen - versteht kaum ein Kind mehr den Sinn dieser Strophe, die so poetisch ist wie die Eismalerei selbst.
    "Komm setz dich ans Fenster, du lieblicher Stern, malst Blumen und Blätter, wir haben dich gern."

  3. Man stelle sich nur einmal vor, ...
    die Kuppel des Berliner Reichstages würde von eisigen Armleuchteralgen, Schlafmohn und Tollkirschen besiedelt ...
    Die lyrische Schönheit dieser Volksvertreter-Botanik ist umwerfend!

  4. in unserem alten Haus.
    Einige Zimmer haben noch alte Holzfenster.
    Wir haben einmal in einem Haus gewohnt, das vollständig wärmeisoliert war. Die Folge: Schimmel im Schlafzimmer (trotz lüften etc). Das Haus war zugegebenermaßen fehlerhaft isoliert.
    Im jetzigen Haus (mit den alten Holzfenstern) ist das Wohnklima völlig anders. Sicherlich an der ein oder anderen Ritze sind die Fenster undicht, was man natürlich mit einer einfachen Decke dicht bekommt.
    Na ja, und in diesem Winter hatten wir wieder die schönsten Eisblumen.

    Die Heizkosten halten sich übrigens in Grenzen. Zum einen heizen wir die Wohnräume nur bis 20 Grad. Zum anderen ist mir das Wohnklima den Preis wert.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke fuer den schoenen Artikel. Hier ist mein tip fuer eifrige Eisblumengaertner:

    Wie bei anderen exotischen Blumenformen ist auch bei den heute seltenen Eisblumen das Geheimnis zur erfolgreichen Aufzucht das Gewaechshaus. Unbeheizt und einfach verglast sind hier die Voraussetzungen, weiter brauchen die Eisblumen keine Pflege um ihre glitzernde Herrlichkeit voll zu entfalten. Sie kommen jedes Jahr wieder und wuchern gerne ueber die gesamte zur Verfuegung stehende Flaeche. Machen Sie Beweisfotos, denn sie verschwinden gerne so schnell wie sie entstanden sind.

    Danke fuer den schoenen Artikel. Hier ist mein tip fuer eifrige Eisblumengaertner:

    Wie bei anderen exotischen Blumenformen ist auch bei den heute seltenen Eisblumen das Geheimnis zur erfolgreichen Aufzucht das Gewaechshaus. Unbeheizt und einfach verglast sind hier die Voraussetzungen, weiter brauchen die Eisblumen keine Pflege um ihre glitzernde Herrlichkeit voll zu entfalten. Sie kommen jedes Jahr wieder und wuchern gerne ueber die gesamte zur Verfuegung stehende Flaeche. Machen Sie Beweisfotos, denn sie verschwinden gerne so schnell wie sie entstanden sind.

  5. Ein wunderbarer Artikel!

    Obwohl auch ich sagen muss, dass ich gut isolierte Wohnungen und Fenster vorziehe, dem Portemonnaie und der Umwelt zuliebe.

    Aber ich bestätige: Selbst ich, die ich noch gar nicht soooooo alt bin (Jahrgang 1980) habe meine erste echte Eisblume erst mit 21 (!!) gesehen, und zwar an der Außenscheibe eines Flugzeug-Bullauges anlässlich meiner ersten Flugreise.

    Ähnlich verhält es sich mit einer Kindheitserinnerung meiner Eltern, dem "Maikäfer-Sammeln" (in den 50ern anscheinend eine Plage): Ich war 18, als ich meinen ersten Maikäfer in natura gesehen habe... (dabei bin ich auf dem Land groß geworden)

  6. Wir haben sie wieder: Diese schönen Eisblumen, die an jedem Morgen unsere Fenster überziehen.
    Dank Dreifachverglasung im Passivhaus dringt keine Wärme an die zarten Blumen die sich erst bei den ersten Sonnenstrahlen langsam auflösen.

    In meiner ersten Wohnung hatte ich die Eislumen auf der INNENSEITE der Fenster (1996!) und wollte sie eigentlich nie wieder sehen. Wenn ich heute auf unsere warmen Fenster MIT Eisblumen schaue, kann ich beides geniessen: Wärme und Blumen!

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle DIE ZEIT, 5.1.2011 Nr. 02
  • Kommentare 16
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Winter | Botanik | Jahreszeit
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service