Wer in die Zukunft blicken will, kann dies auf zwei Arten tun: erstens indem er am Bestehenden entlangdenkt und die Gegenwart einfach ein wenig ins Morgen extrapoliert. Demnach wird man im kommenden Jahr allerlei Genome entschlüsseln , kleine Fortschritte (aber keine Durchbrüche) im Kampf gegen Krebs vermelden, zäh um internationale Klimaregeln ringen und die letzten Flüge der Spaceshuttles ins All erleben . So weit, so erwartbar.

Weitaus spannender ist die zweite Art von Prognosen: jene, die völlig Neues vorhersehen; unerwartete Ereignisse also, die das Zeug haben, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern. »Schwarze Schwäne« hat sie der Statistiker und Philosoph Nassim Nicholas Taleb genannt. Das beste Beispiel war die weltweite Finanzkrise – kaum jemand hatte sie vorher auf der Rechnung, und doch war sie plötzlich knallharte Realität. Mit weitreichenden Folgen.

Die Geschichte kennt viele schwarze Schwäne: die Entdeckung Amerikas, die erste Kernspaltung, den Zufallsfund des Penicillins, die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder (ganz nebenbei) die Erfindung des World Wide Web – lauter welterschütternde Ereignisse, die kaum jemand kommen sah.

Zukunftsforscher sprechen von Wildcards, weil solche Ereignisse wie Joker in einem Kartenspiel den gewohnten Gang der Dinge auf den Kopf stellen. Ihre Konsequenzen werden in Szenarien dargestellt: Was wäre, wenn ... Doch wie erahnt man den nächsten Joker im Spiel des Lebens? Dazu reicht es nicht aus, etwa existierende Forschungsprogramme einfach fortzuschreiben. Hilfreicher ist schon das gezielte Ins-Blaue-Hineindenken, das etwa die Royal Society in ihrem Blue-Sky-Projekt fördert. Oder man macht es gleich wie die EU-Kommission, die inzwischen eine Art Frühwarnsystem für mögliche Wildcards unterhält: In ihrem iKnow-Programm gehen Futurologen, Wissenschaftler und Science-Fiction-Autoren gemeinsam auf die Suche nach »überraschenden und unerwarteten Ereignissen mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber großen Auswirkungen«.

Knapp 400 solcher Joker-Ereignisse haben die Visionäre schon in einer Datenbank aufgelistet . Die meisten von ihnen werden mit ziemlicher Sicherheit niemals Realität. Das eine oder andere aber eben doch.

Das gilt auch für die folgenden sechseinhalb Szenarien und ihre Folgen, die in der Blue-Sky-Werkstatt des Ressorts Wissen entstanden sind. Sie sind zwar spekulativ, enthalten aber alle einen realen Ausgangspunkt, einen Faktenkern. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit? Höchst gering. Ihre möglichen Auswirkungen? Dramatisch. Wie das bei Jokern eben so ist. Ulrich Schnabel