Mit dem Teilchenbeschleuniger zum wissenschaftlichen Durchbruch 2011? Ein Mitarbeiter des Kernforschungszentrum Cern grübelt über die Daten auf dem Bildschirm © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Wer in die Zukunft blicken will, kann dies auf zwei Arten tun: erstens indem er am Bestehenden entlangdenkt und die Gegenwart einfach ein wenig ins Morgen extrapoliert. Demnach wird man im kommenden Jahr allerlei Genome entschlüsseln , kleine Fortschritte (aber keine Durchbrüche) im Kampf gegen Krebs vermelden, zäh um internationale Klimaregeln ringen und die letzten Flüge der Spaceshuttles ins All erleben . So weit, so erwartbar.

Weitaus spannender ist die zweite Art von Prognosen: jene, die völlig Neues vorhersehen; unerwartete Ereignisse also, die das Zeug haben, den Lauf der Weltgeschichte zu verändern. »Schwarze Schwäne« hat sie der Statistiker und Philosoph Nassim Nicholas Taleb genannt. Das beste Beispiel war die weltweite Finanzkrise – kaum jemand hatte sie vorher auf der Rechnung, und doch war sie plötzlich knallharte Realität. Mit weitreichenden Folgen.

Die Geschichte kennt viele schwarze Schwäne: die Entdeckung Amerikas, die erste Kernspaltung, den Zufallsfund des Penicillins, die Terroranschläge vom 11. September 2001 oder (ganz nebenbei) die Erfindung des World Wide Web – lauter welterschütternde Ereignisse, die kaum jemand kommen sah.

Zukunftsforscher sprechen von Wildcards, weil solche Ereignisse wie Joker in einem Kartenspiel den gewohnten Gang der Dinge auf den Kopf stellen. Ihre Konsequenzen werden in Szenarien dargestellt: Was wäre, wenn ... Doch wie erahnt man den nächsten Joker im Spiel des Lebens? Dazu reicht es nicht aus, etwa existierende Forschungsprogramme einfach fortzuschreiben. Hilfreicher ist schon das gezielte Ins-Blaue-Hineindenken, das etwa die Royal Society in ihrem Blue-Sky-Projekt fördert. Oder man macht es gleich wie die EU-Kommission, die inzwischen eine Art Frühwarnsystem für mögliche Wildcards unterhält: In ihrem iKnow-Programm gehen Futurologen, Wissenschaftler und Science-Fiction-Autoren gemeinsam auf die Suche nach »überraschenden und unerwarteten Ereignissen mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber großen Auswirkungen«.

Knapp 400 solcher Joker-Ereignisse haben die Visionäre schon in einer Datenbank aufgelistet . Die meisten von ihnen werden mit ziemlicher Sicherheit niemals Realität. Das eine oder andere aber eben doch.

Das gilt auch für die folgenden sechseinhalb Szenarien und ihre Folgen, die in der Blue-Sky-Werkstatt des Ressorts Wissen entstanden sind. Sie sind zwar spekulativ, enthalten aber alle einen realen Ausgangspunkt, einen Faktenkern. Ihre Eintrittswahrscheinlichkeit? Höchst gering. Ihre möglichen Auswirkungen? Dramatisch. Wie das bei Jokern eben so ist. Ulrich Schnabel

Das All nebenan – Forscher entdecken Parallelwelten

Das All nebenan – Forscher entdecken Parallelwelten

Die Sensationsmeldung »leakt« über den Blogeintrag eines geschwätzigen Kantinenmitarbeiters des Kernforschungszentrums Cern: »Energiebilanz der Teilchenkollisionen am Atlas-Detektor geht nicht auf! Die Ursache sind Extra-Raumdimensionen.« Was Stringtheoretiker (und Stephen Hawking) seit Langem predigen, ist jetzt gewiss: Es gibt Zigtrillionen mögliche Parallelwelten.

Ein Cern-Sprecher versucht abzuwiegeln, die Meldung sei voreilig. Vielleicht funktionierte der Detektor nicht einwandfrei ... Doch gut Informierte wissen: Eigentlich wollte das Cern den Durchbruch mit großem Pomp und unter Beisein aller europäischen Forschungsminister inszenieren. Während nun eiligst an einem offiziellen Statement gebastelt wird, hyperventilieren die Journalisten schon. New York Times : »Physicists Open Door to a New World«. New Scientist : »Meet your Doppelgänger!« Und Bild : »Irgendwo sind wir alle Papst!«

Es gibt bereits heute eine zehndimensionale Welt – in den physikalischen Theorien. Und 2011 soll der neue Teilchenbeschleuniger LHC (Large Hadron Collider) am Cern so richtig Daten sammeln. Selbst wenn der am Ende gar nichts entdeckte, bliebe das nicht folgenlos. Die Teilchenphysik müsste komplett überarbeitet werden. Hanno Rauterberg

Das ganz Große – ein Erdbeben trifft Istanbul

Das ganz Große – ein Erdbeben trifft Istanbul

Deprem ist das türkische Wort für Erdbeben. Spätestens einen Tag nach dem großen Schlag weiß das jedermann. Deprem ersetzt einen anderen Ausdruck, The Big One – ein Erdbeben direkt unter einer Weltstadt, dessen Auswirkungen die Börsen und die Weltwirtschaft erzittern lassen, die Schockwellen durch Staatsgebilde und ganze Regionen jagen. Man rechnete mit Los Angeles oder Tokyo, doch dann trifft es die 13-Millionen-Stadt Istanbul.

Zehntausende tot, eine Million obdachlos, eine Weltstadt in Trümmern, die Türkei gelähmt, die Welt im Schrecken. Von nirgendwo kommen so viele freiwillige Helfer, so viele Spenden wie aus Deutschland. Historiker ziehen Parallelen zum großen Erdbeben anno 1775 in Lissabon – der ersten Naturkatastrophe, die für weltweites Mitgefühl sorgte. Nach dem Beben von Istanbul wird neu über die Empathie und ein globales Bewusstsein geschrieben. Politologen werden später analysieren, wie das deprem den schnellen EU-Beitritt der Türkei ermöglichte: alles Gerede von Christenklub und Überfremdung – hinfällig angesichts der Anteilnahme im Moment der Not.

Fakt ist: Unter Istanbul endet eine Bruchzone, an der entlang die Bebenherde immer näher rücken. Das Beben von Gölcük 1999, keine 100 Kilometer östlich, war das bislang schlimmste. Das Risiko eines schweren Bebens gleich am Bosporus beziffern Geologen auf 30 bis 70 Prozent bis 2030. Stefan Schmitt

Der Affenprozess - Bürgerrechte für Primaten

Der Affenprozess - Bürgerrechte für Primaten

Jimmy, der malende Schimpanse, kommt endlich frei. Juristen erringen diesen Erfolg vor einem brasilianischen Gericht. Sie hatten ein »Haftprüfungsverfahren« angestrengt, weil Jimmy seit Jahren in »Einzelhaft« in einem Zoo lebe. Nun öffnet sich der Käfig. Auch Menschenaffen, so argumentieren die Richter, kämen elementare Bürgerrechte zu. Schließlich zeige die Forschung, wie ähnlich uns die haarigen Vettern seien: Sie teilten mehr als 99 Prozent unserer Gene, zeigten Mitgefühl und Sprachvermögen, benutzten Werkzeuge und hätten so etwas wie eine rudimentäre Kultur (Malerei!). Niemand dürfe so feinfühlige Wesen gegen ihren Willen einsperren.

Weltweit feiern Tierschützer das Urteil als Signal. Rund um den Globus werden Gerichte mit ähnlichen Klagen überschwemmt, Zoodirektoren gehen auf Tauchstation, WGs mit Primaten werden zum neuesten Schrei, erste Politiker fordern die Inklusion von Schimpansen auch in Schulen und Kindertagesstätten. Nur die Affen selbst spielen nicht so richtig mit. Einmal auf freiem Fuß, haben sie nur eines im Sinn: ihre neu erworbenen Bürgerrechte hinter sich zu lassen und sich schnellstens in den nächstgelegenen Wald zu verdrücken.

Ganz real ist nicht nur Jimmy, der wirklich in einem Zoo-Käfig in der Nähe von Rio de Janeiro sitzt und malt. Auch das Haftprüfungsverfahren existiert, Aktivisten des Great Ape Project haben es angestrengt. Im Januar ist der Gerichtstermin. Ulrich Schnabel

Verräterische Mimik – Gedankenscanner gegen Terror

Verräterische Mimik – Gedankenscanner gegen Terror

Der Fang eines Terroristen am Chicagoer Flughafen O’Hare sorgt weltweit für Schlagzeilen. Denn der unscheinbar aussehende EU-Bürger hatte sich allein durch seine Mimik verraten – ein Computersystem überführte ihn anhand seiner nervös angespannten Gesichtszüge. Nach dem Fahndungserfolg wird in aller Welt über die Einführung dieser neuen Sicherheitstechnik nachgedacht. Wer ist reinen Herzens?

Das System erfasst automatisch und berührungslos Körperparameter wie die Puls- und Atemfrequenz. Außerdem sucht es im Mienenspiel von Passagieren nach verräterischen Zuckungen, die auf üble Absichten schließen lassen. Wer ungewöhnliche Zeichen von Erregung zeigt, wird aus der Warteschlange gefischt und persönlich befragt.

Die Terrorszene reagiert auf ihre Weise auf den spektakulären Fahndungserfolg: In pakistanischen Ausbildungscamps, so berichten bald die Geheimdienste, wird fortan geübt, wie man auch in stressigen Situationen ein Pokerface bewahrt.

Tatsächlich arbeitet das amerikanische Heimatschutzministerium seit einigen Jahren an einem System namens Malintent. Es basiert auf der Theorie des US-Psychologen Paul Ekman (Vorbild für die TV-Serie Lie to Me). Der erforscht sehr kurze, unwillkürliche Gesichtsbewegungen ( microexpressions ), die mehr über unser Innenleben verraten, als uns vielleicht lieb ist. Seine Erkenntnisse werden schon heute von 3000 speziell ausgebildeten Mitarbeitern der Flugsicherheitsbehörde TSA angewandt. Als menschliche Lügendetektoren haben sie rund 250000 Passagiere aussortiert und befragt – dabei gingen ihnen 250 Kriminelle ins Netz. Christoph Drösser

Das Ende aller Triefnasen – ein Mittel gegen jeden Schnupfen

Das Ende aller Triefnasen – ein Mittel gegen jeden Schnupfen

Schnupfengeplagte aller Länder atmen auf. 2010 waren zaghafte erste Erfolge bei der Entwicklung eines Universalimpfstoffs gegen alle Arten von Grippe vermeldet worden. Unerwartet schnell wird nun der Durchbruch an der Schnupfenfront gefeiert: Amerikanische Mediziner entwickeln eine Vakzine, die gegen sämtliche der rund 200 verschiedenen Viren hilft, die eine Laufnase verursachen können.

In geheim gehaltenen Laborversuchen ist es gelungen, sie alle unschädlich zu machen – die fiesen Coronaviren, die hochnäsigen Respiratory-Syncytial-Viren und die gemeinen Rhinoviren, auf deren Konto rund ein Drittel aller Schnupfenfälle geht. Dank des neuen Wunderstoffs Rhinoprompt ist Schluss mit den Viren. Die ganze Welt holt Luft. Keine vollgerotzten Taschentücher mehr, kein Niesnebel mehr in U-Bahnen und auch keine schlaflos durchschnorchelten Nächte.

Kann ein solcher Durchbruch eine Schattenseite haben? Der Papiertaschentuchindustrie droht mangels Nasensekreten der Kollaps. Die prosperierende Pharmaindustrie kann keine abschwellend wirkenden Nasentropfen mehr absetzen. Derweil sitzen in den Praxen die Ärzte und drehen Däumchen, ihre Wartezimmer sind verwaist, vielen älteren Mitbürgern fehlt der Anlass zum Arztbesuch – und damit zum sozialen Austausch. Der Deutsche Ethikrat nimmt die Entwicklung ernst und fordert: Schnupfen muss ein Teil der deutschen Leidkultur bleiben!

In der Tat arbeiten viele Forscher und Pharmafirmen an Mitteln gegen Rhinoviren. Sie vermelden zuweilen auch Erfolge – in Einzelfällen. Harro Albrecht

Babelfisch – der mobile Universal-Dolmetscher

Es gibt Varianten für Linksträger und für Rechtsträger. In allen Farben. Es ergattert sich einen festen Platz in unseren Ohrmuscheln und gehört bald ganz selbstverständlich zum Straßenbild: das pOly (von polyglott: vielsprachig), ein mobiles Gerätchen, das Fremdsprachen auf dem Weg in Richtung Innenohr in die Muttersprache seines Trägers übersetzt.

Dank pOly können wir uns endlich ohne Scheu durch fremde Länder bewegen. Fremdsprachige Gäste müssen bei Partys nicht mehr in der Ecke stehen. Allerdings streitet man eifrig über einen Knigge für den Knopf im Ohr (darf man ihn auch zur italienischsprachigen Oper tragen?). Jedenfalls trägt plötzlich jeder einen. Und Kulturkritiker warnen vor unerwarteten negativen Folgen. Sie verweisen auf Douglas Adams, der mit seinem »Babelfisch« den pOly literarisch vorwegnahm. Bei ihm verursacht das plötzliche Niederreißen der Sprachbarriere zwischen den Völkern »mehr und blutigere Kriege als jede andere Schöpfung in der Geschichte«.

Doch die menschliche Natur wird stärker sein als alle Skepsis. Denn der pOly ermöglicht außer polyglottem Streit eben auch translinguale Tête-à-Têtes. Und bald zeigen die Statistiken des pOly-Betreibers: Der Satz, der am häufigsten von Hindi nach Suaheli, von Rätoromanisch nach Urdu übersetzt wird, lautet »ich liebe dich«. Wahre Romantiker erkennt man bald daran, dass sie solche Sätze mühsam erlernen und sich bei Kerzenlicht gegenseitig zuhauchen – mit entblößten Ohren.

Zugegeben: Ein digitaler Dolmetscher wäre eine Meisterleistung, unmöglich ist er nicht. Und längst wächst für einen Überallübersetzer die perfekte Infrastruktur heran. Smartphones haben dem mobilen Internet den Weg geebnet, Handyhersteller und Internetkonzerne arbeiten intensiv an Sprachsteuerung. Schon heute bietet Google auf Android-Handys eine (rudimentäre) Übersetzung für gesprochene Sprache an. Und Apples Erfolg mit diversen i-Geräten zeigt, welche Trends einzelne Gadgets auslösen können. Stefan Schmitt

Überraschender Winter – auch das noch: Ende 2011 schneit es

Das trifft die Bundesbürger doch völlig überraschend: Von Anfang Dezember an schneit es stark. Flughäfen werden geschlossen, die Bahn rät vom Bahnfahren ab, quer stehende Lkws blockieren die Autobahnen. Enteisungsflüssigkeit und Streusalz werden immer knapper. Und keiner hatte es kommen sehen. Wie bitte? Völlig an den Haaren herbeigezogen? Stimmt. So etwas ist in einer technischen Hochkultur wie der unsrigen nun wirklich unvorstellbar. Ulrich Schnabel