Aus Anlass des 100. Geburtstags der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft möchte ich über die Verantwortung der Wissenschaft sprechen – zunächst unter dem Aspekt der zu Beginn des 21. Jahrhunderts erkennbaren neuartigen Menschheitsprobleme. Sodann möchte ich mich etwas kürzer den spezifischen Fragen zuwenden, die sich für uns Europäer ergeben können.

Bisher hat die tatsächliche Entwicklung der Menschheit die These von Thomas Robert Malthus falsifiziert, in der er vor mehr als 200 Jahren vorhergesagt hat, dass bei anhaltendem Wachstum der Weltbevölkerung deren ausreichende Ernährung nicht mehr gewährleistet werden könne. Tatsächlich hat die Weltbevölkerung im ganzen 19. Jahrhundert stetig zugenommen, im 20. Jahrhundert hat sie sich sogar um den Faktor 4 bis auf 6 Milliarden vermehrt. Gegen Mitte des 21. Jahrhunderts werden wir 9 Milliarden Menschen sein. Zwar gibt es bisweilen Hungersnöte, insgesamt jedoch werden sehr viel mehr Menschen ernährt, als Malthus sich das als möglich vorgestellt hat.

Gleichwohl hat Malthus mindestens in einem Sinne recht gehabt: Die Übervölkerung des Erdballs wirft gewaltige Probleme auf. Milliarden Menschen leben nicht mehr in Hütten nebeneinander, sondern sie leben in Etagen übereinander. Nicht nur in den Industriestaaten, sondern auch in den Schwellenländern und in den Entwicklungsländern findet eine Verstädterung der Gesellschaften statt. Und dort, wo Bevölkerungsexplosion zusammentrifft mit Unterversorgung, mit politischen, ökonomischen oder ökologischen Missständen aller Art, dort kann sie Wanderungsströme auslösen. Und wenn Wanderungsströme die eigenen Staatsgrenzen überschreiten, lösen sie transnationale Konflikte aus.

Von allen Staaten der Welt hat bisher allein China eine wirksame Dämpfung des Bevölkerungswachstums zustande gebracht. Das chinesische Beispiel wirft vielfältige Probleme auf – einschließlich ethischer und philosophischer Fragestellungen.

Vor allem aber wirft das höchst problematische Nichthandeln der übrigen Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas schwerwiegende Fragen pro futuro auf. Man kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, hier handle es sich um fremde Erdteile, deshalb brauchten wir Europäer oder wir Amerikaner uns darum nicht zu kümmern. Es ist hohe Zeit, dass eine der Spitzenorganisationen der deutschen, besser der europäischen Wissenschaft die komplexe Thematik der Bevölkerungsexplosion erforscht.

Parallel zur dramatischen Bevölkerungsvermehrung erleben wir seit einem halben Jahrhundert eine ebenso dramatische Globalisierung der Ökonomie. Diese Globalisierung hat in den letzten Jahrzehnten quantitativ und qualitativ einen enormen Schub erhalten. Den Begriff Weltwirtschaft gibt es zwar seit 100 Jahren, aber in Wahrheit war damit bis in die 1980er Jahre lediglich der Bereich der OECD-Staaten gemeint. Heute haben wir es wahrhaftig mit einer globalen Wirtschaft zu tun – und mit der Möglichkeit globaler ökonomischer Krisen.

Im Herbst des Jahres 2008 und im Jahre 2009 hat die Menschheit – allerdings nur mit Glück – eine weltweite sozial-ökonomische Depression vermeiden können. Weil die Regierungen und die Zentralbanken von zwanzig der wichtigsten Staaten der Welt dafür gesorgt haben, dass die Existenzkrise eines verantwortungslosen Bankengefüges – vor allem in New York und in London – nicht voll auf die reale Wirtschaft der Welt hat durchschlagen können. Weil es aber keine verbindliche Ordnung der Weltmärkte gibt, sind weitere globale Wirtschaftskrisen eher wahrscheinlich. 

Es macht keinen Sinn, zu meinen, dies sei ein Feld, das man der Politik überlassen sollte. Denn die Politiker verstehen davon noch weniger als die Wissenschaftler. Die ökonomische Wissenschaft weltweit hat sich schon seit Mitte der 1990er Jahre nicht mit Ruhm, sondern eher mit Schande bedeckt. John Maynard Keynes war so ziemlich der Letzte, der ein globales Konzept entwickelt hat. Aber wer oder welches Team versucht einen neuen Ansatz?