Frühförderung in ÖsterreichWettlauf in Windeln

Wenn Eltern dem Schulsystem misstrauen, sollen Privatkurse für Bildungsvorsprung sorgen. von Lukas Kapeller

Maximilian krabbelt schnurstracks in die Englischstunde. Im Klassenzimmer des zehn Monate alten Schülers warten bereits zwei Kameraden, deren Mütter auf gelben Plüschpolstern kauern. Sie unterhalten sich angeregt über die besten Windel-Angebote. »English, please!«, mahnt Lehrerin Paula. Die Babys der Jungmamas blicken verdutzt auf. Mit großen Augen lauschen sie der Pädagogin, die auf ein Plüschkätzchen zeigt und aufmunternd lächelnd »cat« sagt. Ihre Schüler haben noch alle Mühe, aufrecht zu sitzen.

Sechs Mütter haben sich an diesem Vormittag mit ihren Babys in einen so genannten Helen-Doron-Kurs in Krems eingefunden. Benannt ist er nach einer englischen Sprachwissenschaftlerin, die vor 25 Jahren spezielle Methoden entwickelte, um bereits Kleinkindern eine Fremdsprache beizubringen. An zwölf Orten in Österreich gibt es mittlerweile Franchisenehmer. Ab dem dritten Lebensmonat können dort die Windelhelden den Schnuller gegen einen Englischkurs tauschen.

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So auch an diesem Tag im Kremser Lernzentrum. Während der eher lockeren Lektionen küssen die Mütter ihre Sprösslinge immer wieder auf die Wange, herzen sie und lächeln sie aufmunternd an. Nein, hier sitzen nicht geltungsbedürftige Glucken, es sind keine Eislaufmütter, die ihren Babys Höchstleistungen abverlangen, damit sie einmal der Bildungselite angehören. Vielmehr sorgen sich immer mehr Eltern, ihre Kinder könnten im Wettlauf um eine optimale Schulkarriere und später um die besten Plätze im Berufsleben zurückbleiben. Alarmiert von den miserablen Pisa-Ergebnissen und verunsichert von der ebenso fruchtlosen wie schier endlosen Debatte um die zukünftige Ausrichtung des öffentlichen Schulsystems, versuchen viele, mit individuellen Bildungsprogrammen für ihre Sprösslinge gegenzusteuern. Und das so früh wie möglich. Denn die Zeit drängt.

In ganz Österreich boomt der Markt der Frühförderung. Das Einstiegsalter beim Wettkampf in Windeln liegt bei null Jahren. Deshalb füllen Eltern den Kalender ihres Nachwuchses mit einem oft erstaunlichen Terminplan: Medidationen und Massagen für Säuglinge etwa, im Kindergarten dann Kung-Fu und Ballett. »Es gibt eine Bildungsindustrie, die suggeriert, man dürfe frühe Zeitfenster nicht versäumen«, sagt die Wiener Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. »Manche Kinder haben schon ein dichtes Wochenprogramm«, warnt die Erziehungsberaterin vor zu viel Stress im Vorschulalter. Auch Kindergärten kaufen Extrakurse vom Trommelworkshop bis zur Theatergruppe zu. »Die Einrichtung verdient nichts dabei, man denkt sich aber: Lieber biete ich wieder einen Kurs an, dann steigt mein Image bei den Eltern«, erzählt Renate Gschlad, Sprecherin des Dachverbandes der Wiener Privatkindergärten.

Leserkommentare
  1. vielen Dank für den aufschlussreichen Beitrag, der als Erzieherin meinen Eindruck vom derzeitigen Bildungs-Panorama
    und -quark - (=Generation Kanonenfutter-für-die-Wirtschaft-von-morgen)

    vollstens bestätigt!

    Ich persönlich halte das ganze für eine sehr bedauernswerte Entwicklung. Aber im Moment bietet der Zeit-Geist ja an allen Ecken und Enden fast nur noch Schrott an.

    Die Veräusserlichung des Menschen. Innere Werte, ganzzeitliche Erziehung.

    Das war einmal. Lang lang ist's her!

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    ganzheitliche (nicht ganzzeitliche)

  2. ganzheitliche (nicht ganzzeitliche)

  3. Nicht nur in Österreich, auch bei uns boomen doch schon seit langem Frühförderangebote, die die Kleinen für den globalen Wettbewerb rüsten sollen. Das traurige Ergebnis: meine Kinder hatten Freunde, die man nicht zum Spielen in den Garten schicken konnte, weil sie DAS nicht gelernt hatten. Sich-selbst-Beschäftigen, kreativ sein ohne Vorgaben von Kursleitern oder Erzieherinnen: Fehlanzeige. Das überförderte Kind mag multilingual und perfekt im Ballett oder Kung-Fu sein, aber irgendwann wird es traurigerweise feststellen, dass sich das Zeitfenster "Kindheit" viel zu schnell geschlossen hat.

  4. und ist es auch. So bescheuert es klingt ein Windelkind zum meditieren zu schicken, so ist es doch Ausdruck einer gescheiterten Schulpolitik. Welche heutigen Eltern können schon auf ihre Schulzeit zurückblicken und sich beruhigt sagen daß ihr Nachwuchs zumindest gleichwertiges lernen wird? Es wird verschlimmbessert was das Zeug hält, Kinderlose Politiker verramschen was an Schule noch da war, und wer sein Kind dahin schickt, der hat eben selber Schuld. Kein Wunder also, wenn Eltern ihren Nachwuchs auf die, im Artikel genannte, Ochsentour schicken!

  5. vorstellen, dass genau die private Schule gefördert wird, in dem man die staatliche den Geldhahn zu dreht!

    • engelx4
    • 17. Januar 2011 22:03 Uhr

    und spiegelt nicht im geringsten den realen schulalltag in österreich wieder. da wird munter verallgemeinert, und dem leser, ein bild vermittelt das fernab der realität ist.
    wieviel prozent aller eltern können und wollen sich so einen frühförderkurs wohl leisten? aber der zeit sind, wie wir alle mittlerweile wissen, konkrete zahlen, vergleiche etc, egal. hauptsache bildzeitungsniveau. marktschreierische aufmachung, wo es an seriosität und r e c h e r c h e mangelt. entweder können oder wollen sie sich keine guten journalisten mehr leisten. verglichen mit faz oder der süddeutschen liegen sie mittlerweile leider nur noch auf dem dritten platz. schade, sie waren einmal eine gute zeitung.

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    Das ist ja das Lustige: Diejenigen, die sich das locker leisten könnten, leisten es sich nicht, weil sie wissen, dass es den Kindern nichts bringt.

    Und diejenigen, die Durchschnitt sind, wollen investieren in ihre Kinder, auch wenn sie dafür auf wichtigere Dinge für das Kind verzichten.

    • iboo
    • 17. Januar 2011 22:05 Uhr

    - neben Deutsch und Englisch natürlich und sich fit fürs internationale Top-Management macht, der hat auf dem immer härter globalisierten Arbeitsmarkt keine Chance - und darf sich gleich auf eine Harz4-Karriere einstellen.
    So oder so ähnlich scheint das Weltbild zu sein, mit dem der heutige Nachwuchs heranwächst.
    Au weia.

  6. Lustig wird es, wenn sich herausstellt, dass die Frühförderung die Kinder überfordert und dafür sorgt, dass sie in der Schule schlechter abschneiden als die Kinder, die einfach altersgemäß gefördert wurden.

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