Maximilian krabbelt schnurstracks in die Englischstunde. Im Klassenzimmer des zehn Monate alten Schülers warten bereits zwei Kameraden, deren Mütter auf gelben Plüschpolstern kauern. Sie unterhalten sich angeregt über die besten Windel-Angebote. »English, please!«, mahnt Lehrerin Paula. Die Babys der Jungmamas blicken verdutzt auf. Mit großen Augen lauschen sie der Pädagogin, die auf ein Plüschkätzchen zeigt und aufmunternd lächelnd »cat« sagt. Ihre Schüler haben noch alle Mühe, aufrecht zu sitzen.

Sechs Mütter haben sich an diesem Vormittag mit ihren Babys in einen so genannten Helen-Doron-Kurs in Krems eingefunden. Benannt ist er nach einer englischen Sprachwissenschaftlerin, die vor 25 Jahren spezielle Methoden entwickelte, um bereits Kleinkindern eine Fremdsprache beizubringen. An zwölf Orten in Österreich gibt es mittlerweile Franchisenehmer. Ab dem dritten Lebensmonat können dort die Windelhelden den Schnuller gegen einen Englischkurs tauschen.

So auch an diesem Tag im Kremser Lernzentrum. Während der eher lockeren Lektionen küssen die Mütter ihre Sprösslinge immer wieder auf die Wange, herzen sie und lächeln sie aufmunternd an. Nein, hier sitzen nicht geltungsbedürftige Glucken, es sind keine Eislaufmütter, die ihren Babys Höchstleistungen abverlangen, damit sie einmal der Bildungselite angehören. Vielmehr sorgen sich immer mehr Eltern, ihre Kinder könnten im Wettlauf um eine optimale Schulkarriere und später um die besten Plätze im Berufsleben zurückbleiben. Alarmiert von den miserablen Pisa-Ergebnissen und verunsichert von der ebenso fruchtlosen wie schier endlosen Debatte um die zukünftige Ausrichtung des öffentlichen Schulsystems, versuchen viele, mit individuellen Bildungsprogrammen für ihre Sprösslinge gegenzusteuern. Und das so früh wie möglich. Denn die Zeit drängt.

In ganz Österreich boomt der Markt der Frühförderung. Das Einstiegsalter beim Wettkampf in Windeln liegt bei null Jahren. Deshalb füllen Eltern den Kalender ihres Nachwuchses mit einem oft erstaunlichen Terminplan: Medidationen und Massagen für Säuglinge etwa, im Kindergarten dann Kung-Fu und Ballett. »Es gibt eine Bildungsindustrie, die suggeriert, man dürfe frühe Zeitfenster nicht versäumen«, sagt die Wiener Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger. »Manche Kinder haben schon ein dichtes Wochenprogramm«, warnt die Erziehungsberaterin vor zu viel Stress im Vorschulalter. Auch Kindergärten kaufen Extrakurse vom Trommelworkshop bis zur Theatergruppe zu. »Die Einrichtung verdient nichts dabei, man denkt sich aber: Lieber biete ich wieder einen Kurs an, dann steigt mein Image bei den Eltern«, erzählt Renate Gschlad, Sprecherin des Dachverbandes der Wiener Privatkindergärten.