In gewissem Sinne war die erfolgreiche Ausrottung der Pocken ein großer Fehler. Das klingt widersinnig, rettete dieser radikale Schritt doch weltweit Millionen Menschen das Leben. Verhängnisvoll ist indes, was im Gedächtnis hängen blieb. Es war die allzu simple Botschaft: Infektionserreger lassen sich ratzekahl aus der Welt schaffen.

Seitdem dieser Mythos in der Welt ist, sind die Seuchenjäger auf der Jagd. Malaria? Ausrotten! Masern? Ausrotten! Polio? Schon so gut wie abgeschafft. Bis zum Jahr 2000 wollten die Weltgesundheitsorganisation (WHO), Rotary International und Unicef die Polio endgültig besiegt haben. Doch selbst 22 Jahre intensiven Kampfes haben den Erreger der Kinderlähmung nicht zur Strecke gebracht.

Zurzeit wütet eine der größten Epidemien seit Langem in der kleinen Republik Kongo und im riesigen Nachbarstaat Demokratische Republik Kongo. Allein in der Republik Kongo starben Hunderte Menschen. Inzwischen haben Massenimpfungen die Situation unter Kontrolle gebracht.

Die Ausrottung der Pocken war unter anderem möglich, weil sich die Infizierten leicht erkennen lassen. Bei Polio erkrankt hingegen statistisch nur einer von 200 Infizierten. Unbemerkt kann sich der Erreger verbreiten, sobald eine Region in ihren Bemühungen nachlässt. Und genau das ist in der Republik Kongo geschehen. Solange es unentschlossene Staaten gibt, ist die Ausrottung eines Erregers unmöglich. Falsche Erwartungen aber, gepaart mit Misserfolgen, befeuern den Frust und hemmen die Geberlaune. Für die kommenden zwei Jahre fehlen der WHO 720 Millionen Dollar für das Polio-Programm.

Es ist Zeit, sich von der Utopie zu verabschieden: Die Kinderlähmung ist nicht auszurotten, der Kampf wird nie enden – und viel Geld kosten.