Reiseberichte aus SüdamerikaSchockzustand im Bus

Drei Autoren unterwegs in Südamerika: Ihre Bücher erzählen von Baum- und Bergriesen und Gespensterstädten von Karin Ceballos Betancur

Der Perito Moreno Gletscher im Los Glaciares Naturpark in Patagonien

Der Perito Moreno Gletscher im Los Glaciares Naturpark in Patagonien  |  © DANIEL GARCIA/AFP/Getty Images

Am Flughafen, beim Warten in der Schlange zum Check-in, passiert es, dass der Blick über die Mitreisenden schweift. Man mustert sie, beobachtet, wie sie hektisch in ihren wasserfest verpackten Unterlagen kramen, durch lässiges Schultern ihres Handgepäcks dessen Zweckmäßigkeit demonstrieren. Aus Gründen, die uns meist verschlossen bleiben, haben manche Tränen in den Augen. Oft fragt man sich, wie die nächsten Tage und Wochen ihres Lebens aussehen, wie unterschiedlich sie das Ziel erleben werden, zu dem die Reise führt. Manchmal kann man es in ihren Aufzeichnungen nachlesen.

So ist die Journalistin und Schriftstellerin Sabine Küchler von einem argentinischen Kulturinstitut eingeladen worden, die Nebelwälder im Norden Argentiniens zu bereisen. Ihr Bericht beginnt mit der Schilderung akribisch-absurder Vorbereitungen, die mit etlichen Listen und regelmäßigen Besuchen bei einem High-end-Outdoor-Ausstatter verbunden sind. Noch ehe sie losreist, denkt Küchler über die bisherigen Erfahrungen mit dem Wald nach. Mitunter ist es ihr wie der eigenen Mutter ergangen, die »noch heute den Anblick stramm stehender Tannen und Eichen als zuverlässige Aussicht auf eine handfeste Depression empfindet«. Die Autorin fragt sich: »Ob es auch unordentliche Wälder gibt, die zu mir passen?«

Anzeige

Um es vorwegzunehmen: Ja, es gibt unordentliche Wälder in Argentinien. Und: Nein, sie passen nicht wirklich zu Sabine Küchler. Das Blätterrauschen der Baumriesen wirkt auf sie »kaputt, unschön, gemein«, die Sonnenuntergänge sind »ganz orange, ganz lila, ganz blau: ein Himmel wie eine Entzündung«. Küchler wirkt wie eine zum Reisen Verdammte, die gesamte Natur scheint sich gegen sie verschworen zu haben. Was das professionelle Unterwegssein betrifft, ist ihr Bericht insofern wohltuend ehrlich. Betreten wird sie den Waldboden ohnehin erst auf Seite 113, um ihm schon nach kurzem Aufenthalt wieder zu entfliehen. Ihre Reise ist auf der gesamten Strecke mehr Ausflug in die Innenwelt als Expedition. Sie erzählt jedoch mit so viel Humor, Selbstironie und Wärme davon, dass es gar nichts ausmacht, wenn die beschriebenen Orte relativ blass bleiben.

Ein kleines Juwel ist ihr Bericht auch wegen der bezaubernden Idee, ihn als Album zu gestalten. Im Stil alter Sammelbilderbücher weist der Text hier und da Leerräume auf. Sie sind für die Aufkleber vorgesehen, die man aus dem fotografischen Anhang des Buches herauslösen kann. Es sind Aufnahmen aus dem Familienalbum und Reiseimpressionen. Und irgendwie führt das Lesen und Einkleben und Weiterlesen dazu, dass man das Gefühl hat, ein klein wenig an der Reise beteiligt gewesen zu sein.

Die Einwohner Patagoniens kehren dem Rest der Welt den Rücken zu

Der Journalist Robert Jacobi empfiehlt sich schon auf dem Einband seines Reiseberichts Der wilde Kontinent als kosmopoliter Mann für alle Fälle: »Seit seiner Jugend reist Jacobi, wann immer er Zeit dafür findet. Dabei helfen ihm sechs Sprachen, die er fließend beherrscht.« Oha. Er habe, schreibt Jacobi, nie vorgehabt, über seine Reisen zu schreiben. Und hat es doch getan. Bei einem Absolventen der Deutschen Journalistenschule und ehemaligen Korrespondenten der Süddeutschen Zeitung nicht besonders erstaunlich.

Entgegen den Erwartungen, die der Titel weckt, ist das, was Jacobi im argentinischen Teil seiner Reise zwischen Patagonien und dem Rio de la Plata erlebt, jedoch alles andere als wild. Der Journalist tut, was Rucksackreisende eben tun: Zimmer suchen, Busse verpassen, Sehenswürdigkeiten besuchen. Hin und wieder teilen Menschen trockene, zwischen Anführungszeichen gepresste Informationen über Land und Leute mit. Besondere Anliegen scheinen Jacobi unterwegs nicht zu belasten: Einen Absatz lang geht es um Evita und den Peronismus, einen Absatz lang glaubt der Autor seinen Reiseführer in einem Überlandbus verloren zu haben (»Schockzustand«), findet ihn dann aber doch unter seinem Sitz. Zwischendurch kommt die Rede dann auch einmal darauf, dass die Länder an der Peripherie den Preis für den Lebensstil der Industrienationen zahlen: »Ziemlich traurig, dachte ich, dass unsere Welt so funktioniert. Noch aber scheint niemand ein besseres Modell gefunden zu haben, und freute mich schon jetzt auf einen richtig guten Espresso.«

Irgendwo am Ende der Schlange vor dem Check-in-Schalter könnte María Sonia Cristoff stehen, ganz ohne Outdoor-Ausrüstung, in sich versunken. Ihre Reportagen sind nur bedingt mit den beiden anderen Büchern vergleichbar, handelt es sich bei ihnen doch um Berichte einer Argentinierin, die aus Patagonien stammt. Die Journalistin hat »Geisterstädte« ihrer Heimat besucht, sich über lange Zeit an Orten aufgehalten, an denen normale Reisende üblicherweise nicht einmal den Bus verlassen, weil es so offensichtlich nichts zu sehen gibt. Dort muss man zuhören können – und genau das hat Cristoff bei ihrer Expedition in Argentiniens rauen Süden getan. In einer Weltgegend, die von stummen, wenig zugewandten Bewohnern bevölkert zu sein scheint, sammelt Cristoff mit viel Zeit und Einfühlsamkeit Geschichten, die jenes Schweigen füllen, das man als Reisender hier häufig so intensiv erlebt. Mitunter sind diese Berichte grotesk, nie romantisch, manchmal auch hart und brutal, vor allem aber stets ganz dicht an den Menschen, von denen sie erzählen. Am liebsten würde man die Autorin direkt ins nächste Flugzeug setzen, um sie von neuen Reisen berichten zu lassen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Bitte verzichten Sie auf Werbung. Danke, die Redaktion/fk.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Bus | Südamerika | Absatz | Argentinien | Journalistenschule | Reiseführer
Service