Gute Tage sind solche, an denen die Schmerzen auszuhalten sind. Vergleichbar mit einem Besuch von ungeliebten Verwandten, die zwar nerven, aber zum Leben dazugehören. Hannah Davina Küßner, Masterstudentin aus Berlin, 24 Jahre alt, weiß, dass sie ihre Schmerzen nie loswerden wird. Sie leidet an Morbus Crohn, einer in Schüben verlaufenden chronischen Darmentzündung, von der rund 120.000 Menschen in Deutschland betroffen sind. Die Ursachen der meist im Teenageralter auftretenden Erkrankung sind unbekannt, sicher ist nur: Die Krankheit ist nicht tödlich, aber unheilbar. Lediglich ihre Symptome lassen sich behandeln.

Für Hannah bestimmte die Krankheit schon die Wahl ihres ersten Studienortes. Obwohl sie lieber nach Dresden wollte, ging sie nach Mannheim, weil ihre Schwester dort wohnte und im Notfall für sie da sein konnte. Sie schrieb sich für einen Bachelor in Kultur- und Wirtschaftswissenschaften ein und sagte an der Uni niemandem etwas von ihrem Leiden, bis es nicht mehr zu verstecken war. Toilettengänge, Fehlzeiten, Schwächeanfälle – nicht alle Professoren reagierten mit Toleranz. "Eine Dozentin verbot mir, während des Seminars auf die Toilette zu gehen." Hannah rang mit sich und klärte die Dozentin schließlich auf. "Erst dann hat sie es mir erlaubt." Trotzdem musste Hannah auch weiterhin bei jeder Fehlstunde ein Attest mitbringen. "Wenn man vor Schmerzen und Erschöpfung kaum aus dem Bett kommt, ist es eine ungeheure Last, sich auch noch zum Arzt schleppen zu müssen."

In einer Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks von 2006 gaben vier Prozent der Studenten an, sich "durch gesundheitliche Schädigung beeinträchtigt" zu fühlen. Wie viele von ihnen an chronischen Krankheiten leiden, ist nicht bekannt. An vielen Universitäten gibt es Beauftragte, die sich um Studierende mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen kümmern sollen, in manchen Bundesländern ist dies sogar Pflicht. "Sie sollen den Leuten zuhören, ihnen Mut machen und mit Anträgen helfen", sagt Hannah. "Ich empfand sie aber meist als wenig hilfreich. Sie wussten nichts über Morbus Crohn und schienen sich auch nicht informieren zu wollen."

Für Hannah war es ein langer Weg, zu erkennen, dass sie keinen Krieg gegen ihren Körper führen kann. Sie muss ständig Begleitsymptome aushalten: Gelenkschmerzen, Entzündungen im Mund, Fieber, Erbrechen, Erschöpfung, Durchfall. Sie lebt mit täglichen Bauchschmerzen und kurzen, heftigen Krämpfen, die sie immer und überall ereilen können. Während eines Schubs verschlimmern sich die Symptome, sodass sie nicht einmal für zehn Minuten das Haus verlassen kann. Die Krankheit bestimmt ihr Leben. Wenn Hannah einen Termin hat oder verreisen will, isst sie vorher nichts, denn "was nicht da ist, kann nicht wehtun". Ihre Diagnose hörte sie im Alter von 15 Jahren. "Warum ich?" – das war die Frage, die sie sich in den folgenden Jahren am häufigsten stellte. Als sie ihren geliebten Tanzsport aufgeben musste. Als ein so schlimmer Schub einsetzte, dass sie abmagerte und Depressionen bekam. "Einmal legte mir meine Ärztin die Hände auf den Bauch und sagte: Das ist deiner. Du musst damit jetzt leben. Das hat mich wachgerüttelt."