Leistungsvergleich Pisa macht die Schulen nicht besser
Der internationale Leistungsvergleich hat Schwächen des Schulsystems offengelegt. Doch den Lehrern hilft er nicht.
© John MacDougall/AFP/Getty Images

Ein Lehrer an der Tafel
Leistungsstudien wie Pisa (Programme for International Student Assessment), deren Ergebnisse für 2009 jüngst veröffentlicht wurden, haben unser Instrumentarium zur Evaluation des Schulsystems bereichert. Dennoch: Ihre Erträge werden überbewertet, ihre Nebenwirkungen dagegen unterschätzt.
Besser geworden seien die deutschen Schüler seit Pisa, sagen die Autoren. Aber was heißt ein Anstieg der deutschen Testleistungen: dass die fachlichen Kompetenzen gewachsen sind? Dass die aktuellen Testinhalte den deutschen Schülern mehr lagen als 2001? Dass diese durch veränderte Aufgabenformate im Unterricht schlicht testerfahrener geworden sind? Viele haben in der Schule und durch Materialien wie Pisa fit gelernt, Texte nur durch die Brille der anschließenden Fragen zu scannen. Das spart Zeit und erhöht die Chancen, mehr Aufgaben zu lösen.
Hans Brügelmann ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Siegen und Autor des Buchs "Schule verstehen und gestalten" (2005)
Pisa spricht von »literacy« und will damit weg von lehrplangebundenen Inhalten hin zu Kompetenzen, die im Alltag relevant sind. Damit aber bilden die Testergebnisse auch in höherem Maße Erträge beiläufigen Lernens ab. Folgerungen, die sich allein auf die Qualität der Schule und ihre Reform beziehen, werden problematisch. Zwar ist es ein wichtiger Hinweis, dass in anderen Ländern die Pisa-Leistungen weniger stark von der sozialen Herkunft der Schüler abhängen. Aber liegt das an einem besseren Unterricht? Oder am längeren gemeinsamen Lernen, am Ganztag, an mehr personellen Ressourcen, an einer höheren Bedeutung von Bildung in der Gesellschaft? In einigen Ländern haben 15-Jährige nur neun Jahre Schule hinter sich, in anderen elf. Pisa aber nimmt allein die Schule ins Visier. Damit werden bedeutsame außerschulische Bedingungen vernachlässigt, die nur über Sozial- und Wirtschaftspolitik zu verändern sind wie die familiäre Betreuung von Kindern und die Berufsaussichten von Jugendlichen.
Und selbst für den schulischen Raum liefert Pisa als Querschnittstudie keine Erklärungen. Bei statistischen Korrelationen lassen sich unterschiedliche Vermutungen über die kausalen Zusammenhänge anstellen. Zwar können schon gut begründete Hypothesen hilfreich sein, um politisches Denken zu differenzieren und praktisches Handeln anzuregen. Jedoch werden die Pisa-Ergebnisse so nicht »verkauft«, geschweige denn wahrgenommen. Das wiederum hängt mit dem Nimbus des Messbaren in unserer Gesellschaft zusammen, aber auch mit dem Stil, in dem die Präsentation der Pisa-Daten inszeniert wird. Die Geheimhaltung der Daten bis zur Publikation, ihre Darstellung in Form von Ranglisten, die (Schein-)Präzision statistischer Kennwerte, Pressekonferenzen mit hochrangigen Politikern – all das suggeriert, hier würden unanfechtbare Expertenurteile vorgestellt. Die Pisa-Autoren selbst sind sich der Einschränkungen ihrer Daten bewusst – aber sie spielen das Spiel mit.
Dabei ist immer noch unklar, was Pisa-Zahlen konkret bedeuten. Zwar ist es sehr anschaulich, wenn ein Wert von 45 Testpunkten mit dem »Lernzuwachs in einem Schuljahr« übersetzt wird. Aber wie gewichtig ist diese Differenz beispielsweise für das Lesen im Alltag? Ein durchschnittlicher Zweitklässler liest sicher deutlich besser als ein Erstklässler – aber ein 16-Jähriger im Vergleich zu einem 15-Jährigen? Die Kompetenzstufen werden nicht anhand realer Anforderungen, sondern auf statistischem Wege bestimmt. Im Blick auf die Aussagekraft der Testergebnisse stimmt jedenfalls nachdenklich, dass in Dänemark von den nach Pisa angeblich funktional leseunfähigen »illiterates« immerhin ein Fünftel die Sekundarschule erfolgreich abschließt. In Kanada erwerben sogar fast zwei Drittel auf Lesestufe 1 und darunter einen Highschool-Abschluss.
Zentrale Annahmen der statistisch-technischen Modelle von Pisa wurden in der Fachdiskussion infrage gestellt. Diese Kritik wird in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, geschweige denn verstanden. Sie macht aber deutlich, dass Zahlen nicht für sich sprechen, sondern der Interpretation bedürfen. Diese wiederum ist abhängig von Personen und Theorien – nicht anders als persönliche Erfahrung, die sie doch ersetzen soll. »Ich fürchte mich am meisten vor den Personen, die jetzt genau wissen, was zu tun ist«, sagte »Pisa-Papst« Baumert vor zehn Jahren der ZEIT. Leider haben sich weder er noch seine Kollegen an diese Mahnung gehalten.
Zehn Jahre Pisa – eine Erfolgsgeschichte? Sicherlich hinsichtlich der Wirkung der Studien auf Politik und Öffentlichkeit. Zwar haben Bildungssoziologen die Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft schon lange beklagt. Aber erst durch Pisa ist dieses zentrale Problem wieder auf die Agenda gekommen. Ähnliches gilt für die Schwierigkeiten von Migranten in unserem Bildungssystem. Betroffene Lehrer und Schulaufsichtsbeamte haben lange vergeblich versucht, sie ins Gespräch zu bringen. Statistische Daten wirken anscheinend glaubwürdiger.
- Datum 13.01.2011 - 06:36 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 13.1.2011 Nr. 03
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"Für welche Gruppen genau ist ein Förderprogramm zu entwickeln, wenn man die knappen Ressourcen konzentrieren muss?"
Von welchen knappen Ressourcen ist hier die Rede? Könnte die PISA-Studie nicht einfach auch ein Hinweis unter anderen sein, als westlicher Industriestaat angemessen in das Bildungssystem zu investieren. (Das würde doch dem »Blick auf das Individuum« gar nicht widersprechen.)
Alle anderen Länder haben weniger Probleme mit PISA-Ergebnissen.
In Baden-Württemberg und Bayern nahmen knapp über 85 Prozent (freiwillig) an PISA teil, in anderen Bundesländern bis zu 95 Prozent (verpflichtend)
Bayern hat auch schon mal geschummelt:
http://www.arge.schule-ha...
Mein Beileid, Herr Brügelmann, Sie sind nur Zweiter geworden. Vor einem Monat setzte ich hier einen Text ein, der den Unsinn von und vor allem um PISA anprangert (link unten). Dabei klammerte ich wie inzwischen gewohnt die statistischen Detailfragen aus, weil diese kaum verstanden werden. Dieser Text ist eine Fortsetzung meiner Kritik an PISA seit dem ersten Durchlauf vor Jahren. Es sind die Reaktionen darauf oder das folgenlose Verhallen solcher Anklagen, was den Wahnsinn von PISA noch deutlicher hervor hebt. Immerhin, dass auch einmal ein Erziehungswissenschaftler sich den problematischen Aspekten dieser "Studie" und ihrer Folgen widmet, ist ein Fortschritt. Aber aus eigener Erfahrung kann ich anfügen, dass dies bedeutungslos bleiben wird. Man will, dass PISA etwas sagt und dass die Folgen sinnvoll wie Ergebnisse bringend sind. Eher werden Sie, Herr Brügelmann, wegen Ihrer Kritik an sich Buhrufe ernten.
http://community.zeit.de/...
Ich stimme zu, dass der PISA-Test nicht Erkenntnisquelle für all die Probleme im Bildungswesen herhalten kann. Aber das kann auch kaum die Zielsetzung einer internationalen Studie sein. Auch würde m.E. die Berücksichtigung jeder einzelnen Einwanderergruppe die PISA-Studie mit Sicherheit überfordern und überladen.
Daher sehe ich die Studie - wie auch meine Vorredner - als ergänzende Orientierungshilfe. Eine Kritische Sichtweise ist natürlich immer angebracht. Aber nationale Problemstellungen müssen in Deutschland selbst, also im Austausch der für Bildung zuständigen Bundesländer erfolgen. Der Föderalismus in Deutschland vereinfacht dies sicherlich nicht unbedingt.
Aber insgesamt erscheint mir positiv, dass - auch insbesonderen durch die Pisa-Studie - die Diskussion über Bildung und die Schulsysteme in Deutschland und deren Probleme angeregt wurden. Auch die Entwicklung neuer, teilweise zunächst auch nur experimenteller Schulformen sehe ich als richtigen Schritt auf dem Weg hin zum Ziel; der Verbesserung der Bildungssituation in Deutschland.
Hans Brügelmann hat sicher mit jedem seiner Einwände recht, daran besteht für mich überhaupt kein Zweifel. Die Frage ist nur, welche Konsequenz man daraus ziehen soll.
Das "Dilemma des Forschungsparadigmas, dem Pisa verpflichtet ist: Die Kategorien, mit denen sich Daten einer derart großen Stichprobe statistisch verarbeiten lassen, sind zu grob, um die Vielfalt relevanter Bedingungen zu erfassen" ist wohl nicht PISA-spezifisch, sondern ein Dilemma jeder Art von Bildungspolitik:
umso "verlässlicher" die ermittelten Werte sein sollen, desto mehr braucht es den Blick aufs Individuum - die Ergebnisliste hätte also im Extremfall mindestens so viele Posten, wie es Schüler gibt.
Umso mehr die Werte politisch handlungsrelevant sein sollen, desto mehr müssen sie verallgemeinert werden. Ins Wahlplakat bzw. ins 30-Sekunden-Statement, die in der parlamentarischen Demokratie die Option der Entscheidungsfindung abbilden, ist einfach zu wenig Platz für bildungstheoretische Metadiskurse. Allgemein: je höher der jwlg. Entscheidungsträger ist (Schule - Bezirk - Land - Bund), desto mehr muss er vom Individuum abstrahieren und die "sachliche" Grundlage der Entscheidung wieder partiell aufgeben.
Die Magie der Zahl mag trügerisch sein. Aber leider brauchen wir nun mal in allen polit. Bereichen diesen Betrug, um als Gesellschaft über uns selbst zu entscheiden.
Ceterum Censeo: selbst wenn Pisa "nur" das Problem der Bildungsgerechtigkeit auf die Agenda gebracht hat, hat es sich gelohnt.
PISA führt uns in die Irre. Man kann das deutsche Schulsystem nicht mit dem Schulsystem Kanadas oder Finnlands vergleichen. Schon garnicht mit den immer gut abschneidenden asiatischen Staaten.
In Deutschland wird vor allem vertieftes Wissen vermittelt, wie z.B. im Matheunterricht. PISA hingegen verlangt oberflächliches Wissen. Frage: Wenn die skandinavischen Länder z.B. so gute Matheschüler hervorbringen, woran liegt es dann, dass gerade diese Länder keine Ingenieursländer sind? Ingenieursland hingegen ist Deutschland. Gerade diese Spitzenleistungen findet man immer wieder an deutschen Gymnasien, später dann an deutschen Hochschulen, weshalb auch so viele Ausländer gerne an unserem Ingenieursstudium teilhaben.
PISA kratzt an der Oberfläche und zielt das Mittelmaß an. Elitenförderung bleibt da auf der Strecke. Wir sollten nicht den Fehler machen, uns auf diese Stufe zu stellen. Ansetzen sollten wir an der Frühkindförderung, nur so kann Chancengleichheit gewährleistet werden. Aber bitte, bitte kratzt nicht an den Gymnasien und der 4-jährigen Grundschule. Man siehe Berlin, da werden all diese Versuche stündlich gestartet, bislang ohne Erfolg, viel eher noch kann von Misserfolg gesprochen werden. All diese ideologischen Grabenkämpfe bringen uns nicht weiter.
Warum sollte die Mitte nicht als Ziel gelten, für die, die deutlich darunter liegen (und das sind in D nun mal sehr viele).
Hr. Brügelmann hat sich glücklicherweise auch an keiner Stelle für den Erhalt des dreigliedrigen Bildungssystems ausgesprochen, das seine Daseinsberechtigung m.E. tatsächlich nur aus seinem Dasein bezieht.
Die Güte der Notengebung allein verbietet eigentlich schon aus Sicht der Diagnostik die Selektion nach der Grundschule, entwicklungspsychologisch sprechen zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt auch alle Befunde gegen eine Selektion.
Diese Grabenkämpfe müssen und werden weitergehen, schliesslich ist der Diskurs auch die Quelle des Fortschritts.
Und die Eliten so in den Mittelpunkt zu stellen, das halte ich für gefährlich bis asozial, wenn man die soziale Entwicklung (Schichtung) in D betrachtet.
...ich finde ihren Artikel sehr aufschlussreich und teile die Bedenken, doch scheint es mir ein wenig übertrieben PISA daher gleich komplett zu verteufeln.
Schließlich ist es nicht PISA geschuldet, wie damit umgegangen wird und als Indikator für gewisse (Fehl-) Entwicklungen werden Sie die Ergebnisse doch vermutlich auch gelten lassen und gleichzeitig müssen sie doch zugeben, dass daraus eine Vielzahl an wissenschaftlich relevanter Daten gewonnen werden können.
Interessant fände ich außerdem, wie Sie zu dem Schluss kommen, dass vor PISA die Lesekompetenz noch stärker angestiegen ist? Da bedurfte es doch wohl auch einer Studie? Insofern sollte die Berechtigung von Studien nicht so grundsätzlich in Frage gestellt werden und darüberhinaus wäre eine Quelle sehr interessant.
Mit besten Grüßen
Warum sollte die Mitte nicht als Ziel gelten, für die, die deutlich darunter liegen (und das sind in D nun mal sehr viele).
Hr. Brügelmann hat sich glücklicherweise auch an keiner Stelle für den Erhalt des dreigliedrigen Bildungssystems ausgesprochen, das seine Daseinsberechtigung m.E. tatsächlich nur aus seinem Dasein bezieht.
Die Güte der Notengebung allein verbietet eigentlich schon aus Sicht der Diagnostik die Selektion nach der Grundschule, entwicklungspsychologisch sprechen zumindest zu diesem frühen Zeitpunkt auch alle Befunde gegen eine Selektion.
Diese Grabenkämpfe müssen und werden weitergehen, schliesslich ist der Diskurs auch die Quelle des Fortschritts.
Und die Eliten so in den Mittelpunkt zu stellen, das halte ich für gefährlich bis asozial, wenn man die soziale Entwicklung (Schichtung) in D betrachtet.
...ich finde ihren Artikel sehr aufschlussreich und teile die Bedenken, doch scheint es mir ein wenig übertrieben PISA daher gleich komplett zu verteufeln.
Schließlich ist es nicht PISA geschuldet, wie damit umgegangen wird und als Indikator für gewisse (Fehl-) Entwicklungen werden Sie die Ergebnisse doch vermutlich auch gelten lassen und gleichzeitig müssen sie doch zugeben, dass daraus eine Vielzahl an wissenschaftlich relevanter Daten gewonnen werden können.
Interessant fände ich außerdem, wie Sie zu dem Schluss kommen, dass vor PISA die Lesekompetenz noch stärker angestiegen ist? Da bedurfte es doch wohl auch einer Studie? Insofern sollte die Berechtigung von Studien nicht so grundsätzlich in Frage gestellt werden und darüberhinaus wäre eine Quelle sehr interessant.
Mit besten Grüßen
Bravo, mehr davon!!! Wie heißt so schön in 'Interview mit einem Vampir':
"Es gab keine Antworten, weil du die falschen Fragen gestellt hast!"
s. link:
http://www.focus.de/schul...
Was ist daran so bedenklich zu selektieren, wenn gleichzeitig dringend benötiogte differenziernde Maßnahmen ergriffen werden? Wissen Sie überhaupt, was man den Lehrern abverlangt, wenn sie eierlegende Wolmilchsäue darstellen sollen, die geschmeidig zwischen Sonderschul- und Hochintelligenzniveau lavieren sollen? Hören Sie auf, Maßnahmen von Schulen und Lehrern, die differenzierend sind, mit dem hoch negativ besetzten Ausdruck "Selektion" zu diffamieren.
Es kann nicht Ziel einer modernen Pädagogik sein, die längst anerkannten individuellen Unterschiede von Schülern damit zu beantworten, dass man diese in die Gemeinsuppe "Einheitsschule" wirft ...
Was ist daran so bedenklich zu selektieren, wenn gleichzeitig dringend benötiogte differenziernde Maßnahmen ergriffen werden? Wissen Sie überhaupt, was man den Lehrern abverlangt, wenn sie eierlegende Wolmilchsäue darstellen sollen, die geschmeidig zwischen Sonderschul- und Hochintelligenzniveau lavieren sollen? Hören Sie auf, Maßnahmen von Schulen und Lehrern, die differenzierend sind, mit dem hoch negativ besetzten Ausdruck "Selektion" zu diffamieren.
Es kann nicht Ziel einer modernen Pädagogik sein, die längst anerkannten individuellen Unterschiede von Schülern damit zu beantworten, dass man diese in die Gemeinsuppe "Einheitsschule" wirft ...
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