China Geliebter Feind Nummer eins

Die Chinesen bewundern die USA – aber sie wollen Amerika auch hinter sich lassen.

Als die ersten jener Kassetten in den achtziger Jahren nach China drangen, waren sie nicht weniger als eine Sensation: diese Stimme, unverkennbar, darunter ein Klangteppich aus Rauschen! Die Kassetten wurden anfangs aus Hongkong und Taiwan ins Land geschmuggelt und unzählige Male kopiert. China entbrannte für Michael Jackson, es war das erste Mal, dass das Land synchron mit dem Rest der Welt Popmusik hörte, gemeinsam mit ihr übte es den Moonwalk.

Es waren erst ein paar Jahre seit der Kulturrevolution vergangen. Maos Frau Jiang Qing hatte das Volk damals auf eine musikalische Diät von acht Revolutionsopern gesetzt. Und jetzt also Michael Jackson, der Soundtrack einer neuen Generation, die alles hinter sich lassen wollte. Xia hai, so nannte man es damals, wenn einer sich aufmachte, Geschäfte zu betreiben, und wie die Lemminge stürzten sie sich ins Geschäftsleben. Reformen verwandelten das Land, das sich lustvoll einer Mode nach der anderen hingab, als wollten sich die Menschen mit großen Bissen einverleiben, was sie so lange entbehrt hatten: die weite Welt.

Anzeige

Und kein Land war den Chinesen so sehr Welt, so sehr Moderne wie Amerika. Als in Peking das erste Kentucky Fried Chicken eröffnete, standen sie endlos Schlange, um chicken wings zu ergattern. Und passte der Amerikanische Traum nicht perfekt zu den neuen Zeiten? Leben ihn die Chinesen bis heute nicht ganz besonders konsequent? Millionen von Wanderarbeitern machen sich derzeit auf ins Ungewisse, von der Werkbank in eine hoffentlich bessere Zukunft. Ein Treck, so gewaltig wie der Treck nach Westen, nur dass er seltener besungen wird, schließlich handelt es sich hier um die Armen, die Malocher.

China modernisierte sich nach dem Vorbild der USA, mit einer Ausnahme: der Politik. »Das Fenster öffnen, ohne die Fliegen hereinzulassen«, forderte der Reformer der siebziger und achtziger Jahre, Deng Xiaoping. Und initiierte Kampagnen gegen »geistige Verschmutzung« und »bürgerliche Liberalisierung«. Bei allem Reformwillen wollte die Kommunistische Partei ihre Herrschaft nicht verlieren. Sie blieb misstrauisch, witterte Verschwörungen, von Amerika finanzierte Revolutionen wie in der Ukraine und Georgien. Als Studenten 1989 auf dem Tiananmen-Platz demonstrierten, ließen sie eine selbst gebastelte Freiheitsstatue aufstellen. Die Proteste wurden niedergeschlagen, die Hoffnung auf Freiheit wich Pragmatismus. Die Partei verschreibt dem Volk seither Patriotismus in hohen Dosen – mit Erfolg, wenn man darunter ein national erregtes Volk verstehen mag. Und doch: Wie stark die Anziehung Amerikas noch ist, zeigt sich daran, dass ihr zuweilen seine größten Kritiker erliegen. Was etwa tat ein Vollblutpatriot des nationalistischen Autorenteams, welches die Bestseller China can say no und China is not happy verfasste? Er beantragte eine Green Card.

Das Volk mag sich mit der Herrschaft der Partei abgefunden haben, doch gibt es fast keinen, der sich nicht mehr Freiheit oder ein besseres Justizsystem ersehnen würde. Tief beeindruckt hat viele Chinesen das Amtsenthebungsverfahren gegen Bill Clinton. Da stand ein Präsident vor Gericht und berichtete in allen Details von seiner kurzen, aber intimen Beziehung zu einer Praktikantin. Ein maßloser Gesichtsverlust, und doch: eine Justiz, so unabhängig, dass sie sich über den mächtigsten Mann im Staat erhob!

Das Verhältnis der Chinesen zu den USA ist geprägt von Anziehung und Aversion, von Faszination und tiefem Misstrauen. Einst waren die Länder Feinde, standen auf gegnerischen Seiten des Eisernen Vorhangs. Die USA waren in den Augen der Chinesen die Hegemone, die Imperialisten. Die scheinheilige Supermacht. Zweimal führten sie Krieg gegeneinander, in Korea und in Vietnam. Die Amerikaner unterstützten Maos Erzfeind, den Nationalisten Chiang Kai-shek, der nach dem chinesischen Bürgerkrieg nach Taiwan geflohen war.

Leser-Kommentare
    • rvn
    • 18.01.2011 um 17:59 Uhr

    der Länder (der Welt) scheint ein Garant für Frieden zu sein. Keiner traut sich, den anderen anzugreifen, weil es zu starke Rückschläge für einen selbst bedeuten würde. Die Globalisierung hat eben auch gute Seiten.

  1. "eine Justiz, so unabhängig, dass sie sich über den mächtigsten Mann im Staat erhob!"
    Diese Zeiten sind vorbei. Heute werden Menschen verfolgt, die Verbrechen aufdecken (Assange, Bradley Manning).

    • ahaa
    • 18.01.2011 um 18:14 Uhr

    Man kann in diesen Zeiten die Machtverhältnisse im Wandel begutachten.
    Nicht nur die zwischen den USA und China. Auch Europa verliert zunehmend an Kraft.
    Jeden Monat, so scheint es einem, hat sich China eine neue Ölreserve gesichert. Da wird die Nordsee wohl kaum mithalten können.

    China - Das Kräftezentrum der Zukunft?

    Tja, in jedem Fall hatte China einen netten Start, doch sollte man Indien und auch Nahost nicht außer Acht lassen!
    Denn die Prognosen zeigen, dass unter anderem die Bevölkerung Indiens, die Chinas bald überholt.
    Aber auch sonst hat Indien in einigen Dingen die Nase vorne. Man betrachte alleine mal die IT-Branche. Wie viele ausgebildete Inder_innen verlassen jeden Monat die Universitäten?
    China klebt derweil weiterhin Schuhe von ekiN und
    Europa, beziehungsweise Deutschland hoffen immer noch auf den Baby-Boom, um überhaupt Studenten zu besitzen.

    Alles in allem würde ich trotzdem behaupten, dass China und Indien in einigen Dingen großen Nachholbedarf besitzen, unter anderem in den sozialen Sektoren: Analphabetenrate, Menschen unter der Armutsgrenze etc.

    In China, so kommt es mir vor, schaut man nur auf die Küste, an der die ganzen großen Städte liegen. Doch das Hinterland wird nur von wenigen betrachtet. Immernoch leben dort viele hungernde Menschen und täglich sterben Kinder.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ein aufstrebendes Indien könnte der Garant für ein friedlicheres China sein. Allerdings täuscht es, wenn man in Indien die selbe Kraft sieht wie in China. Das träge Indien hat erst durch den Erfolg der chinesischen Wirtschaftspolitik seine Wirtschaft dem Ausland hin geöffnet und hat da min. 10 - 20 Jahre verpennt.

    Der größte Unterschied liegt für mich aber auch in der Motivation und der daraus folgenden Dynamik der Länder: China möchte wieder das Reich der Mitte werden und nie wieder das nationale Trauma aus dem 19./20. Jahrhundert erleben. Der ZEIT-Artikel zeichnet nach, wie China das Vorbild der USA als Inspiration nutzt. Ich würde es verallgemeinern: Den zurückzulegenden Weg, um eine Wirtschaft funktionieren zu lassen und den Wohlstand in der Breite zu vermehren, wurde schon von vielen Nationen beschritten. Mal konsequenter mal weniger lang durchhaltend. Aber der Weg selbst ist breitgetreten.

    Indien als größte Demokratie der Erde hat sich selbst für jahrzehntelange wirtschaftliche Isolation entschieden. China aber unterwirft sich diesem Ziel vorbehaltslos und geht diesen Weg konsequent seit 30 Jahren.

    Trotz seines Zukunftspotential kann Indien momentan mit China leider noch nicht vergleichen.

    Einige Zahlen sagen sich eindeutig aus :

    Chinas Bruttoinlandsprodukt ist fast 4 mal so groß wie Indiens. Im letzten Jahr wurden in China ca.18 Millionen Autos verkauft. In Indien waren es knapp 2 Millionen.

    Länge des Hochgeschwindigkeitszugnetzes:
    China: ca.8000 km
    Indien:0km

    Zahl der Firmen unter den 2000 größten Unternehmen der Welt:
    China:77
    Indien:14

    Zahl der Goldmedaillen bei den Olympische Spiele
    China: 172
    Indien: 9

    Ein aufstrebendes Indien könnte der Garant für ein friedlicheres China sein. Allerdings täuscht es, wenn man in Indien die selbe Kraft sieht wie in China. Das träge Indien hat erst durch den Erfolg der chinesischen Wirtschaftspolitik seine Wirtschaft dem Ausland hin geöffnet und hat da min. 10 - 20 Jahre verpennt.

    Der größte Unterschied liegt für mich aber auch in der Motivation und der daraus folgenden Dynamik der Länder: China möchte wieder das Reich der Mitte werden und nie wieder das nationale Trauma aus dem 19./20. Jahrhundert erleben. Der ZEIT-Artikel zeichnet nach, wie China das Vorbild der USA als Inspiration nutzt. Ich würde es verallgemeinern: Den zurückzulegenden Weg, um eine Wirtschaft funktionieren zu lassen und den Wohlstand in der Breite zu vermehren, wurde schon von vielen Nationen beschritten. Mal konsequenter mal weniger lang durchhaltend. Aber der Weg selbst ist breitgetreten.

    Indien als größte Demokratie der Erde hat sich selbst für jahrzehntelange wirtschaftliche Isolation entschieden. China aber unterwirft sich diesem Ziel vorbehaltslos und geht diesen Weg konsequent seit 30 Jahren.

    Trotz seines Zukunftspotential kann Indien momentan mit China leider noch nicht vergleichen.

    Einige Zahlen sagen sich eindeutig aus :

    Chinas Bruttoinlandsprodukt ist fast 4 mal so groß wie Indiens. Im letzten Jahr wurden in China ca.18 Millionen Autos verkauft. In Indien waren es knapp 2 Millionen.

    Länge des Hochgeschwindigkeitszugnetzes:
    China: ca.8000 km
    Indien:0km

    Zahl der Firmen unter den 2000 größten Unternehmen der Welt:
    China:77
    Indien:14

    Zahl der Goldmedaillen bei den Olympische Spiele
    China: 172
    Indien: 9

  2. Begriffe aus dem englischen sollte man gelegentlich einmal nachschlagen statt sie direkt zu übersetzen. Mr Steinberg bekleidet in der Administration Obama den Posten eines Deputy Secretary of State. Die naheliegendste Übersetzung wäre Vize Staatssekretär wie sie es in ihrem Artikel auch schreiben. Die deutsche Amtsbezeichnung hingegen lautet Vize Aussenminister!! Das Department of State unter Hillary Clinton ist das Amerikanische Gegenstück zum deutschen Aussenministerium unter Guido Westerwelle.

    MFG

    Moorkuhn

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke fuer Ihren Kommentar.
    Ich habe den Artikel daraufhin nicht gelesen.

    P.S. Fr. Köckritz hat vor ca. einem Jahr einen Artikel uebder den Minoritaeten Freizeitpark in Peking geschrieben.
    Darin hat sie moniert, dass die verschiedenen Minoritaeten nicht in ihren traditionellen Wohnhaeusern wohnen, sondern in "grauen Betonbauten."
    ( Was meiner Meinung bei bis zu -20 Grad im Winter in Peking auch besser ist )
    Soviel zu ihrer Objektivitaet und Chinakenntnis.

    JETZT schreibt Fr. Köckritz schon Artikel ueber Weltpolitik.
    Alle Achtung !!!!

    Danke fuer Ihren Kommentar.
    Ich habe den Artikel daraufhin nicht gelesen.

    P.S. Fr. Köckritz hat vor ca. einem Jahr einen Artikel uebder den Minoritaeten Freizeitpark in Peking geschrieben.
    Darin hat sie moniert, dass die verschiedenen Minoritaeten nicht in ihren traditionellen Wohnhaeusern wohnen, sondern in "grauen Betonbauten."
    ( Was meiner Meinung bei bis zu -20 Grad im Winter in Peking auch besser ist )
    Soviel zu ihrer Objektivitaet und Chinakenntnis.

    JETZT schreibt Fr. Köckritz schon Artikel ueber Weltpolitik.
    Alle Achtung !!!!

  3. Am Anfang steht das Wort. Grundlage der weiteren chinesischen Entwicklung wird die Literatur sein.

    An alle Chinesen in klarem Chinesisch: Ich will einen chinesischen Literaturnobelpreisträger(我想要一个诺贝尔奖得主中文献).

    Aber bitte nicht kopieren (但是,请不要 复制)

  4. Ein aufstrebendes Indien könnte der Garant für ein friedlicheres China sein. Allerdings täuscht es, wenn man in Indien die selbe Kraft sieht wie in China. Das träge Indien hat erst durch den Erfolg der chinesischen Wirtschaftspolitik seine Wirtschaft dem Ausland hin geöffnet und hat da min. 10 - 20 Jahre verpennt.

    Der größte Unterschied liegt für mich aber auch in der Motivation und der daraus folgenden Dynamik der Länder: China möchte wieder das Reich der Mitte werden und nie wieder das nationale Trauma aus dem 19./20. Jahrhundert erleben. Der ZEIT-Artikel zeichnet nach, wie China das Vorbild der USA als Inspiration nutzt. Ich würde es verallgemeinern: Den zurückzulegenden Weg, um eine Wirtschaft funktionieren zu lassen und den Wohlstand in der Breite zu vermehren, wurde schon von vielen Nationen beschritten. Mal konsequenter mal weniger lang durchhaltend. Aber der Weg selbst ist breitgetreten.

    Indien als größte Demokratie der Erde hat sich selbst für jahrzehntelange wirtschaftliche Isolation entschieden. China aber unterwirft sich diesem Ziel vorbehaltslos und geht diesen Weg konsequent seit 30 Jahren.

  5. Der Präsident von Stanford äusserte sich sinngemäss folgendermassen: Die Nationen der Welt sind so sehr mit einander verflochten und ein Krieg wäre so teuer, dass ein Weltkrieg vollkommen unmöglich sei.

    Das war 1910.

    Natürlich will ich nicht sagen, dass wir kurz vor einem Krieg oder soetwas stehen - ich glaube nur, dass wir uns nicht allzu sicher sein sollten. Nationalismus und "Realismus" (als Form der internationalen Beziehungen)können zusammen eine gefährliche Mischung ergeben.

    Eine Leser-Empfehlung
  6. Danke fuer Ihren Kommentar.
    Ich habe den Artikel daraufhin nicht gelesen.

    P.S. Fr. Köckritz hat vor ca. einem Jahr einen Artikel uebder den Minoritaeten Freizeitpark in Peking geschrieben.
    Darin hat sie moniert, dass die verschiedenen Minoritaeten nicht in ihren traditionellen Wohnhaeusern wohnen, sondern in "grauen Betonbauten."
    ( Was meiner Meinung bei bis zu -20 Grad im Winter in Peking auch besser ist )
    Soviel zu ihrer Objektivitaet und Chinakenntnis.

    JETZT schreibt Fr. Köckritz schon Artikel ueber Weltpolitik.
    Alle Achtung !!!!

    Antwort auf "Liebe Redaktion"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service