Diese Musik ist mit Herzblut gemacht, im wahrsten Sinne des Wortes: Die Aufnahmen von Content finanzierten Gang of Four mit dem Verkauf des eigenen Lebenssaftes. Im vergangenen Frühjahr konnten Fans der legendären Band aus Leeds ein streng limitiertes Paket mit Fan-Artikeln erwerben. Kostenpunkt: 45 britische Pfund. Inhalt, neben vergleichsweise gewöhnlichen Merchandising-Produkten: Phiolen mit dem Blut der Musiker.

So makaber der Marketing-Gag sein mag, er passt zu einer Band, die Popmusik immer als hintersinniges Spiel begriffen hat: Mit brachialen Funk-Riffs und linksradikalen Slogans führten Gang of Four Ende der achtziger Jahre die Revolution auf die Tanzfläche. Sie versöhnten die damaligen Antipoden Punk und Disco, leider mit marginalem kommerziellem Erfolg. Während die Musiker aber von 1984 an als Unternehmensberater oder Musikproduzenten den Kapitalismus eingehender studierten, entfaltete die von ihnen aufgelöste Band einen exorbitanten Einfluss. Er reicht von den Red Hot Chili Peppers bis hin zu Franz Ferdinand.

Zwar reformierte sich das Quartett in den neunziger Jahren kurzzeitig und begibt sich seit 2004 immer mal wieder auf die Bühne, aber erst jetzt, nach 16 Jahren, veröffentlicht es mit Content neues Material. Der Albumtitel signalisiert bereits, dass die beiden Köpfe der Band, Sänger Jon King und Gitarrist Andy Gill , ihr Konzept den neuen Zeiten angepasst haben. Ostentativ reduzieren Gang of Four ihre Musik auf jene Aufgabe, die den populären Künsten dieser Tage zusehends zugewiesen wird: Inhalt für Internetseiten, Werbeoberfläche, Zierrat für die Zerstreuten zu sein.

Natürlich ist das Teil des Spiels, in dem Gang of Four noch immer wie Agenten vorgehen, die nach Schwachstellen in der großen, alles verschlingenden Maschine suchen. In den Achtzigern bereiteten sie Schlachtrufe wie To Hell With Poverty für die Tanzfläche auf. Nun, da Popstars wie Bono für einen Schuldenerlass für arme Länder kämpfen, sind sie einen Schritt weiter und fragen: »Who am I when all is me?« Das Ich selbst ist in dieser Musik zum Kampfplatz geworden, feste Positionen gibt es nicht – was King und Gill nicht davon abhält, gegen Menschenrechtsverletzungen in Guantánamo und die Wiederkehr der Aristokratie zu wettern.

Dazu haben Gang of Four ihren Funkrock von den eher sperrigen Avantgarde-Ausflügen ihrer Pioniertage entkleidet. Stattdessen setzen sie nahezu ausschließlich auf die zielgenauen Gitarrenriffs von Andy Gill. Erstaunlich eingängig klingt die Viererbande in ihrer jüngsten Inkarnation, Kapitalismuskritik als druckvolle Tanzparty: Einmal mehr geht es darum, den Verhältnissen ihre Melodie vorzuspielen, der Kontrast zwischen den bösartigen Texten und der fetentauglichen Umsetzung ist nicht nur in einem Song wie I Party All The Time gewaltig. Aber hört überhaupt noch jemand zu, wenn einem die Beats derart um die Ohren fliegen?

Es ist die Selbstabschaffung der Avantgarde als letzter Akt der Avantgarde, die Gang of Four mit Content vorführen: Affirmation und Kritik sind nicht mehr voneinander zu unterscheiden. Was bleibt, ist, dies vorzuführen. Am Ende lässt sich der Verkauf des eigenen Bluts als Hohn auf die Bemühungen der Musikbranche verstehen, ihr Sterben durch die Erschließung immer absurderer Verkaufsfelder aufzuhalten. Vielleicht handelt es sich aber auch um einen simplen zynischen Akt: Wenn alles rausmuss, ist auch unser Innerstes bloß noch ein Verkaufsargument unter vielen.

Gang Of Four: Content (Grönland/Rough Trade)