Als Barack Obama am Morgen des 13. Januar 2010 den Diplomatic Reception Room des Weißen Hauses in Washington betritt, liegt das Erdbeben in Haiti kaum 24 Stunden zurück. In dem ovalen, fensterlosen Raum im Erdgeschoss steht der Präsident der Vereinigten Staaten, neben ihm Vizepräsident Joe Biden. An den Wänden leuchtet die berühmte französische Panoramatapete Views of North America von 1834, die amerikanische Landschaften und Orte abbildet. Der Hafen von Boston, die Niagarafälle, die New York Bay. 32 idyllische Bilder aus der Neuen Welt. In wenigen Minuten, vor der versammelten Presse, soll der erste schwarze Präsident Amerikas Worte finden für den Inselstaat Haiti, dessen schwarze Bewohner sich einst als erste Sklaven von ihren französischen Kolonialherren befreit hatten.

Bis spät in die Nacht haben ihn Mitarbeiter mit Informationen aus Haitis Hauptstadt Port-au-Prince versorgt. Die Anzahl der Toten und Verletzten ist noch unsicher, aber die Fernsehbilder zeigen zerborstene Häuser, abgerissene Gliedmaßen, staubbedeckte Hände, die aus Trümmern ragen, entstellte Leichen, Wellblechhütten und Kathedralen, aufgetürmt und niedergedrückt am Vortag zwischen 16.53 und 16.54 Uhr. Es sind Bilder, die umgehend von Sendern in der ganzen Welt verbreitet werden, Bilder, die die Menschen in der globalisierten Welt nicht nur zu Zuschauern, sondern auch zu Mitwissern des Leids machen. Zu Mitverantwortlichen. Obamas Vorgänger, Bill Clinton und George W. Bush, waren an ähnlichen Aufgaben gescheitert: Clinton, als er 1993 den militärischen Einsatz im zerfallenden Staat Somalia medial inszenieren wollte, dabei aber nur das eigene Scheitern sichtbar machte, und Bush, als er 2005 den Opfern des Hurrikans Katrina in New Orleans Hilfe versprach, sie dann aber vergaß.

So spricht Obama an diesem ersten Tag nach dem bislang schwersten Erdbeben des 21. Jahrhunderts nicht nur sein Beileid aus. Er verspricht den Haitianern nicht nur die rückhaltlose Unterstützung der amerikanischen Regierung, er spricht auch von der Wirkung der »herzzerreißenden« Bilder. Noch atmen Menschen unter den Trümmern, jede Stunde zählt. Zwei Tage später, am 15. Januar, als Obama erneut zu einer Ansprache in den Diplomatic Reception Room lädt, sagt er: »Das Ausmaß der Zerstörung ist dramatisch, wie wir alle im Fernsehen sehen können.« Es ist ein umfassendes »Wir«, das Obama meint: die eine, medial verbundene Welt der Zuschauer. In unserem Namen gibt der Präsident im Januar 2010 ein Versprechen ab: Haiti solle nicht nur kurzfristige Nothilfe erhalten, Haiti solle »wiederaufgebaut« werden. Der Name des Projekts: Unified Response.

Am 16. Januar trifft die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton an Bord einer Maschine der U.S. Coast Guard in Haiti ein, mit ihr im Flugzeug 100 Kisten Wasser, Seife, Zahnpasta und Fertiggerichte für die mehr als 140 Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft. Es kursieren jetzt Zahlen über das Ausmaß der Katastrophe: 230000 Tote und 1,3 Millionen Obdachlose zwischen der Hauptstadt Port-au-Prince und der Küstenstadt Léogâne. Clinton trifft sich für eine Stunde mit Haitis Präsident René Préval und wiederholt das Versprechen der Welt: »Wir werden hier sein, heute, morgen und auf lange Sicht.« Und dann ergänzt die amerikanische Außenministerin, woran sich das Versprechen eines neuen, besseren Haiti messen lassen soll: »Ein Gebäude, das halb zerstört ist, soll nicht einfach nur wieder aufgebaut werden, sondern wir sollten darüber nachdenken, wie die ganze Straße aussehen soll.«

Als Yvonne Gelné, 47, am Morgen des 4. März Platz nimmt auf dem rostigen Eisenstuhl inmitten der Überreste ihres Hauses, sind acht Wochen seit dem Beben vergangen. Sie trägt einen blauen Pullover, einen halblangen Rock und einen schwarzen Hut. Sie ist allein. Das, was einmal ihr Wohnzimmer war, existiert nicht mehr. Es gibt keine Wände und Fenster, keine Möbel, es gibt überhaupt keine Räume mehr, nur noch einen steinernen Boden und um Yvonne herum in ihrer Straße ein Kaleidoskop der Verwüstung. Es ist Frühling, bald werden die regenreichen Wirbelstürme kommen, und in Yvonnes Viertel, der Armensiedlung Fort National in Port-au-Prince, gibt es noch immer keine Zelte und keine Hilfe. Die meisten ihrer Nachbarn sind in die Lager im Zentrum der Stadt geflohen, zum Champ de Mars, dem Exerzierplatz am eingestürzten Präsidentenpalast, wo ab und zu ein vereinzelter Bagger im Schutt gräbt. Aber Yvonne will nicht weg aus Fort National, nicht fort von ihrem Haus, auch wenn es kein Haus mehr ist. Nachts geht sie zu einer Garage, kriecht in ein altes Auto, rollt sich auf dem Rücksitz zusammen wie ein frierendes Tier und versucht zu schlafen. Tagsüber kommt sie zurück an den Ort, an dem einmal ihre Familie lebte. Ihre Schwägerin ist tot, ihre Nichte auch, sie liegen noch immer verschüttet unter den Trümmern, vor denen Yvonne ihren rostigen Stuhl abgestellt hat. Es blieben nur ihr Bruder Fradieu und seine Kinder.