Der Freund ist es Zürich, des Nachts, und die Widersprüche beginnen damit, dass ein schüchterner junger Mann, Emil mit Namen, hoffnungslos verschossen dem Konzert der glamourösen Musikerin Larissa folgt, die augenscheinlich mehr als nur eine Nummer zu groß für ihn ist. Sie singt über den Mond und wie nah sie doch dem Himmel sei – in der Baracke des Szene-Klubs Helsinki, die sich unter eine mehrspurige Autobrücke drückt.

Die Stadt als Schauplatz der Widersprüche: Im Fall des Films

Der Schweizer Micha Lewinsky hat den Film als seine erste lange Regiearbeit gedreht und damit gleich ein großes Publikum und die Kritik für sich einzunehmen gewusst. Der Freund gewann 2008 den Schweizer Filmpreis, 2009 wurde er als Oscar-Kandidat des Landes ins Rennen geschickt. Zum Erfolg beigetragen hat sicher, dass Larissa von der Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger gespielt wird, die ihre eigenen zauberhaften Kompositionen im Film vorträgt. Das Persönliche ist aber nur die eine Seite der Geschichte, die andere ist zeitdiagnostischer Art. Angesichts der Widersprüche großstädtischen Lebens lautet die Frage: Wie fügt sich heute dennoch etwas zusammen?

Für Emil und Larissa gibt es nur ein falsches Zusammenkommen, das zugleich ein ironisches im Himmel ist. Die selbstsicher auftretende, gefeierte Musikerin hadert mit dem Leben. Auf den völlig verklemmten, sich nach Zugehörigkeit sehnenden Emil, den Philippe Graber fast an der Grenze zur Parodie spielt, lässt sich Larissa nur strategisch ein: Nach ihrem als Unfall getarnten Selbstmord soll sich Emil als ihr Freund ausgeben, um vor der Familie zu kaschieren, wie vereinsamt sie gewesen ist. So gerät Emil nach Larissas Tod als falscher Freund an ihre Eltern und ihre Schwester Nora, die ihm nach und nach zur Ersatzfamilie werden. Auch weil Emils eigene Situation, mit seiner alleinstehenden, klammernden Mutter, nicht die rosigste ist.

Dass sich Emil schließlich in Nora verliebt (die Zuschauer werden’s ihm nachsehen: Sie wird von Nora Bantzer hervorragend gespielt), macht die Sache noch komplizierter. Wahre Liebe mit dem Vorzeichen der Falschheit? Und es macht die Sache sprachlich nahezu unauflösbar. "Das ist alles so eine Scheiße", stottert Emil einmal hervor. Nora ihrerseits fragt an einer entscheidenden Stelle des Films: "Und was soll ich jetzt dazu sagen?" Solche kommunikativen Komplikationen sind es, die hier alles vorantreiben. Für die Grenzen verbalsprachlicher Verständigung aber hat Lewinsky, der auch das Drehbuch schrieb, einen besonders scharfen Blick.

Eine Lösung gerät bezeichnenderweise erst in Sicht, als Emil die Großstadt, Zürich, verlässt und Nora in einem Mittelmeerlandstrich besucht, wo sie als Gehörlosenpädagogin arbeitet. Aber Lösung ist vielleicht das falsche Wort. Was Der Freund zeigt, ist eine Versöhnung mit der Unvereinbarkeit, vorerst. Dafür findet er ein Bild, für das allein es sich ihn anzuzu sehen lohnt.

Nicht weniger hoch lässt sich diesem Film anrechnen, dass er sein Thema – scheinbare Unvereinbarkeiten – souverän in allen Tonlagen verhandelt. Der Freund ist abgründig und heiter, simpel und ausgefuchst, schwebend leicht und tiefgründig, verdruckst und ambitioniert. Micha Lewinskys Kinodebüt ist von subtiler Fülle. Ein unscheinbares, um nicht zu sagen: ein verschämtes kleines Meisterwerk.