Kongolesische TragödieLumumbas Martyrium

Ein ungesühntes Verbrechen: Vor 50 Jahren wurde der erste Premier des unabhängigen Kongo mit Wissen und Hilfe der belgischen Regierung umgebracht. von 

Das Foto lässt einen so leicht nicht los. Eine Schwarz-Weiß-Aufnahme. Zwei Männer in weißen Hemden, umringt von Soldaten. Man ahnt, dass die beiden gefesselt sind, dem Gesicht des vorderen sieht man die Schläge an, eine Wange ist geschwollen, der Mann blickt schicksalsergeben ins Leere. Dem anderen reißt ein Soldat im Moment der Aufnahme die Arme nach oben, vermutlich um die Fesseln fester zu ziehen. Ein anderer hat ihn am Haarschopf gepackt. Er will den Gefangenen zwingen, in die Kamera zu sehen, als ob dieser seiner eigenen Machtlosigkeit erst gewahr werden müsste. Patrice Lumumba hat zu diesem Zeitpunkt wohl gewusst, dass ihm der Tod bevorsteht. In seinem Gesicht ist keine Angst zu erkennen, nur ein Ausdruck indignierter – man könnte auch sagen: entrückter – Verbitterung.

Wenige Tage zuvor, am 27. November 1960, hatte er abends bei strömendem Regen zum letzten Mal seine Residenz in der kongolesischen Hauptstadt Léopoldville verlassen, versteckt auf dem Boden eines Chevrolet, mit dem normalerweise sein Dienstpersonal abgeholt wurde. De jure war er immer noch Premierminister, der erste demokratisch gewählte seines Landes, das gerade erst unabhängig geworden war. De facto war er ein Gefangener seiner politischen Gegner, die ihn unter Hausarrest hielten. Nun versuchte er den Ausbruch. Sein Ziel: Stanleyville, das heutige Kisangani, am Kongo-Fluss, eine Hochburg seiner Anhänger, etwa 1500 Fahrtkilometer entfernt. Er kam dort nie an. Seine Flucht und sein Leben endeten wenige Wochen später in der Provinz Katanga.

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Man möchte meinen, dass Patrice Lumumba heute im Kongo ein Nationalheld ist, ein Polit-Popstar wie Che Guevara. Aber man sieht in Kinshasa (dem ehemaligen Léopoldville), Bukavu oder Kisangani keine T-Shirts oder Kaffeebecher mit seinem Konterfei, keine Graffiti, die ihn hochleben lassen. Über Lumumba spricht man im Kongo, wenn überhaupt, mit einer vagen, verschwommenen Bewunderung wie über einen berühmten, aber unheimlichen Verwandten, dessen Geschichte man um des lieben Familienfriedens willen besser nicht zu genau erörtert. Denn über Lumumba zu reden bedeutet, auch über den Verrat der Unabhängigkeitsbewegung an sich selbst und über ethnischen Hass zu reden. Also nicht nur über das, was Weiße an Schwarzen verbrochen, sondern auch über das, was Kongolesen anderen Kongolesen angetan haben. Im Schicksal Lumumbas vermischt sich beides.

Das Drama beginnt am 30. Juni 1960, dem Tag, an dem der Kongo seine Unabhängigkeit von Belgien erlangt. Dem Tag, an dem Lumumba sich mit einer Rede im Palast der Nation auf die Bühne der Weltpolitik katapultiert. Der Palast am Ufer des Kongo-Flusses, eigentlich als Residenz für die belgische Königsfamilie gebaut, ist in aller Eile zum Sitz des neuen kongolesischen Parlaments umgerüstet worden. Belgiens König Baudouin I. trifft an diesem 30.Juni hier nicht mehr als Hausherr ein, sondern als Gast einer neuen Regierung, die kurz zuvor aus den ersten Wahlen hervorgegangen ist. Eine ungewohnte, höchst unliebsame Rolle: Getriebene einer historischen Entwicklung zu sein – in diesem Fall der afrikanischen Unabhängigkeitsbewegungen – passt nicht zum Selbstbild europäischer Staatsoberhäupter.

Also erklärt der 29-jährige Monarch in seiner Rede die Unabhängigkeit nicht zum Erfolg der Kongolesen, sondern zur großzügigen Geste einer großartigen belgischen Nation: »Die Unabhängigkeit des Kongo stellt den Höhepunkt des Werkes dar, welches vom Genie König Leopolds II. entworfen, von ihm mit zähem Mut umgesetzt und schließlich von Belgien mit Ausdauer fortgesetzt wurde. [...] 80 Jahre lang hat Belgien dem Kongo seine besten Söhne geschickt, zuerst, um das Kongo-Becken vom abscheulichen Sklavenhandel zu befreien, der die Bevölkerung dezimiert hatte; dann, um die einst verfeindeten Stämme zusammenzubringen, die nun den größten aller unabhängigen Staaten Afrikas ausmachen werden.«

Der Kongo unter belgischer Herrschaft – zuerst als Privatbesitz Königs Leopolds II., dann als Kolonie Belgiens – war nach Brüsseler Lesart ein Zivilisierungsprojekt, das sich im Unterschied zur übrigen europäischen Kolonialpolitik durch besondere Fürsorge seitens der Kolonialherren ausgezeichnet hatte. Dominer pour servir, beherrschen, um zu dienen – so lautete ihr Selbstverständnis in den vierziger und fünfziger Jahren. Der Tod von Millionen Afrikanern und die Plünderung des Landes unter dem »Genie Leopolds II.«, aber auch unter Führung des belgischen Staates, kamen in dieser Weltsicht nicht vor.

Auch nicht in der von Baudouin, einem Urgroßneffen Leopolds. Er erwartet an diesem 30. Juni, dass die mit der Unabhängigkeit beschenkten Kongolesen sich dankbar zeigen. Doch als Lumumba ans Mikrofon tritt, lässt er nicht nur Dankbarkeit vermissen. Er macht den Weißen den Anspruch streitig, die Geschichte seines Landes zu schreiben. Die Unabhängigkeit als Geschenk? Kein Kongolese, sagt Lumumba, »der dieses Namens würdig ist, wird je vergessen, dass es der Kampf war, der sie uns bescherte«.

Vor der versammelten Weltpresse erhebt er Anklage. Nicht spontan. Ein Manuskript ist vorbereitet. Auch nicht mit Pathos und Wut, sondern in einem eigenartig ruhigen Ton. »Wir haben erleben müssen, dass man uns verhöhnte, beleidigte, schlug, tagaus, tagein, von morgens bis abends, nur weil wir Neger waren. [...] Wir haben erleben müssen, dass man unser Land raubte, aufgrund irgendwelcher Texte, die sich Gesetze nannten, aber in Wahrheit nur das Recht des Stärkeren verbrieften. [...] Auch die Erschießungen, denen so viele unserer Brüder zum Opfer fielen, wird niemand von uns je vergessen. [...] All dies, meine Brüder, haben wir erlitten.«

Leserkommentare
  1. ... armes Belgien ... armes Europa ... arme UN!

  2. "UN-Blauhelme sehen mit an, wie sie Lumumba mit Gewehrkolben traktieren, und schreiten nicht ein."

    Wann ist die UN bzw. wann sind UN-Blauhelme jemals eingeschritten, wenn es darauf ankam? Regelmäßig versagen sie: damals in Srebenica, in Ruanda, damals im Kongo und auch sonst immer und immer wieder. Entweder sehen die Blauhelme untätig zu, wenn Menschen massakriert werden, oder sie ziehen vorher ab, weil sie "keinen Befehl" zum eingreifen haben. Da erhält man leicht den Eindruck, dass die Uno nicht viel mehr als eine "Quasselbude" ist, vor allem wenn man bedenkt, dass es im Grunde nur 5 Länder sind, die bestimmen wo es langgeht und sich mit einem Veto einfach über den Willen von Milliarden anderer Menschen hinwegsetzen können.
    Im Fall Lumumba ist das besonders tragisch. Mit einem intelligenten und mutigen jungen Präsidenten wie ihm hätte der Kongo eine große Zukunft gehabt. Allerdings kann man hier nicht nur den Belgiern und der Uno allein die Schuld zuweisen, sondern es waren wieder einmal die USA involviert: CIA-Chef Allen Dulles und Präsident Eisenhower hatten grünes Licht für die Ermordung Patrice Lumumbas gegeben und dafür gesorgt, das er verhaftet, gefoltert und ausgeliefert wurde. http://www.wdr.de/themen/... Es ging - wieder einmal - um Bodenschätze - Gold und Diamanten.
    Ich kann jedem nur den Film "Lumumba" des Regisseurs Raoul Peck empfehlen, der die erschütternden Geschehnisse von damals originalgetreu schildert.

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    • celeste
    • 15. Januar 2011 22:17 Uhr

    ...obwohl ich damals gerade 11 Jahre alt war, kann ich mich gut an die Reaktion meiner Eltern erinnern. Sie waren entsetzt, wie Belgien sich im Kongo benommen hatte und verständnislos gegenüber der Haltung der europäischen Partnerstaaten. Ich kann mich erinnern an den Abtransport
    Lumumbas auf einer LKW-Pritsche. Heute erinnert mich das an ähnliche Bilder auf deutschem Boden.

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  3. 4. Danke!

    Schön, dass Frau Böhm und Die Zeit an diese afrikanische Tragödie und an die Taten der Barbaren aus dem Norden erinnern. Danke!

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  4. wirklich eines? na da hat man ganz vergessen was unter Leopold II von Belgien ab 1880 im Gebiet des Kongo passiert ist, da wurden ca. 20 Millionen Kongolesen zuerst ihres Besitzes beraubt der dann Leopold gehörte und dann in 30 bis 40 Jahren 10 Millionen von ihnen bestialisch umgebracht. Ein Verbrechen das von Belgien totgeschwiegen wird.

    Leoplod II wurde dank dem Anbau von Kautschuk zum reichsten europäischen Monarchen seiner Zeit, der sich mit dem Geld in Südfrankreich ein Lustschloss bauen ließ und dort minderjährige Mädchen missbrauchte (das perverse ist aber, dass die heutigen Nachkommen Kinderhilfswerke unterstützen - nett der Adel??)

    Als dieses ganze Gemetzel publik wurde und sich nicht mehr verheimlichen ließ hat er "großzügig" wie er war den ganzen Besitz dem Belgischen Staat vermacht, seine Nachkommen dürfen weiterhin die Schlösser benutzen, für die Erhaltung darf der Steuerzahler sorgen.

    Es war also mitnichten ein verbrechen, es waren Millionen von Verbrechen im Kongo und diese Verbrechen von damals sind der Grund weshalb noch heute im Kongo ein solches Chaos herrscht, die Gier ein paar Besitzer von Großkonzernen nach den Rohstoffen aus dem Kongo. Das war auch der Grund warum man den "Schlächter" Mobutu vom Westen aus beschützte und an die Macht brachte, weil eben Lumumba die Rohstoffe an den meistbietenden verkaufen wollte.

    lebt heute Mobutus Familienclan nicht mit veruntreutem Milliardenvermögen aus dem Kongo in Frankreich??

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    Mark Twain: König Leopolds Selbstgespräch.

    Zum Artikel: Danke!

  5. Ironie an

    Ach was waren die damals schlimm, die Belgier und die USA. Verhöhnten Lumumba als "dreckigen Neger" und witterten sofort den Kommunismus, wegen eines Bartes. Heute hingegen wird Menschen, z.B. in Afghanistan, wenn sie sich gegen koloniales Gehabe zur Wehr setzen, vollstes Verständnis entgegen gebracht. Diffamierende politische Kampfbegriffe wie "Hassprediger", "Terrorist", "Taliban", "Islamist" sind uns in diesem Zusammenhang völlig fremd.
    Bärte rufen bei uns heute kein Misstrauen hervor. Fremdartige Kleidungsstücke wie z.B. Burkha, Kopftücher, Schleier, davor haben wir Respekt.

    3 Leserempfehlungen
  6. 7. Danke

    Ein sehr schöner und wichtiger Artikel, der an die Verbrechen der westlichen Welt erinnert, die im Namen der "Freiheit" begangen wurden. Man schämt sich in Grund und Boden, wenn man vor Augen geführt kriegt, wie immer wieder kapitalistische Interessen und nicht Ideale durchgesetzt werden.

    Sartre hatte einfach Recht mit seiner Aussage.

    2 Leserempfehlungen
  7. Auf youtube nach "Mord im Kolonialstil" suchen, das ist die im Artikel erwähnte Dokumentation. Im dritten Teil ab Minute 5:23 wird einer der Belgier, die an der Exekution Lumumbas beteiligt waren, gefragt: "Hatten Sie kein Mitleid mit ihm?" Antwort: "Warum? Ich habe doch kein Mitleid mit diesem Typen. Er war es doch, der mein König beleidigt hatte."

    Unfassbar, und solche Leute laufen immer noch frei herum. Warum um Gottes Willen erfahren diese Leute nicht die gleiche Behandlung wie die Nazi-Schergen??? Wie kann das sein???

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    Zitat:
    "Unfassbar, und solche Leute laufen immer noch frei herum. Warum um Gottes Willen erfahren diese Leute nicht die gleiche Behandlung wie die Nazi-Schergen??? Wie kann das sein???"

    Ganz einfach, diese Leute haben keinen Weltkrieg verloren!

    Außerdem, müsste man dann doch auch gleich die Kolonialverbrechen der Engländer und Franzosen, den Völkermord an den Indianern durch die weißen Amerikaner und die aktuelle wirtschaftsimperialistische Politik der westlichen Welt gestehen.

    Ich weiß, ich werfe jetzt vieles in einen Topf, aber die Engländer singen weiterhin ihr: "rule Britannia", in Paris steht immer noch der ägyptische Obelisk, General Custer wird in den meisten Filmen als Held dargestellt und woher das Lithium für unsere Handys kommt, wollen wir doch gar nicht so genau wissen.

    Man muss sich halt damit abfinden, dass Menschen sich nicht für das Leid das sie verursachen interessieren, wenn es nur weitgenug weg stattfindet.
    Wir warnen unsere Kinder lieber davor, im Schulgebäude zu rennen, sie könnten ja hinfallen.

    Ich glaube, die Schrecken der Nazi-Herrschaft sind für die Weltöffentlichkeit so faszinierend, weil sie dem damaligen Image der Deutschen so entgegenstanden. Heute vielleicht noch gewichtiger ist möglicherweise eine "Deckungsfunktion"; damit meine ich, daß jede Nation ihre kolonialen oder militärischen Schandtaten neben diesen Schrecken verschwinden lassen kann. Dies würde auch das nachhaltige Interesse Hollywoods an der Thematik erklären.

    Aber zum Artikel selbst: wie schön, einmal wieder einen Artikel in diesem Blatt zu lesen, der Aufmerksamkeit verdient und nicht enttäuscht.

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  • Schlagworte Dag Hammarskjoeld | Belgien | Kongo | Vereinte Nationen | US-Regierung | Ghana
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