Papst Schenouda III., Oberhaupt der weltweit etwa 12 Millionen Kopten, zelebrierte vorige Woche in Kairo die heilige Messe © Mohammed Abed/AFP/Getty Images

Diese Tür haben sie erst vor 90 Jahren einbauen lassen. Vater Diochorus sagt es lächelnd, die Zipfel seines Bartes flattern im Wind. »Lange schien es den Mönchen zu gefährlich, eine Tür zu haben. Immer wieder wurden sie von Beduinen überfallen.« Er deutet auf die mächtigen Mauern der Klosterfestung. »Hinter denen waren wir sicher, und wenn jemand hinaus- oder hineinwollte, dann wurde von dem Balkon dort oben ein Seil heruntergelassen.« Ganz offensichtlich beobachtet er gerne, wie die Besucher die Köpfe in den Nacken legen, zum Balkon hochschauen und staunen. Er weiß auch, dass die Blicke dann wieder zu ihm zurückwandern, ihn mustern, den Mönch in schwarzer Kutte und mit der bestickten Kapuze der koptischen Gottesmänner. Vater Diochorus trägt eine Spiegelbrille von Ray-Ban, schließlich sind Ägyptens Mönche Männer der Gegenwart.

Das Kloster Sankt Paul in den entlegenen Bergen am Roten Meer ist eines der ältesten Klöster der Christenheit. Im 4. Jahrhundert wurde es zu Ehren des ägyptischen Heiligen Abuna Bola (auf Deutsch Vater Paul) gegründet. Über Silvester und Weihnachten, das die Kopten am 7. Januar feiern, hat es normalerweise geschlossen. Deshalb empfangen die Mönche jetzt zum ersten Mal nach den düsteren Tagen der Krise wieder die Gläubigen. Die mutigen Mönche sind den heutigen Gläubigen ein Vorbild, und es ist die Aufgabe von Vater Diochorus, die Besucher zu bestärken. Auf die Frage, ob es nicht besser wäre, die Tür wieder zu vermauern, schließlich mache sich unter ägyptischen Christen die Angst vor weiteren Anschlägen breit, schüttelt Vater Diochorus den Kopf und lächelt wieder sein spöttisches Lächeln: »Nein, wieso denn? Die Beduinen gibt es nicht mehr. Sie konnten in diesem rauen Wüstenklima nicht überleben, aber wir sind noch immer da!«

Angst vor seinen modernen Landsleuten hat Diochorus keine: »Erstens kann mir nichts Besseres passieren, als bei einem Anschlag zu sterben. Ich nehme dann doch direkt an der Seite Gottes Platz. Außerdem hält Gott seine Hand über uns.« Zur Stimmung unter den Gläubigen will er nichts sagen. Wie groß die Angst ist? Oder ob die Wut überwiegt? »Ich lebe nicht in der Welt und bekomme sehr wenig mit von dem, was draußen passiert. Deswegen bin ich ins Kloster gegangen.« Er hat den Problemen dieser Welt den Rücken gekehrt, und vielleicht suchen gerade deswegen die Gläubigen jetzt Trost bei ihm: Ein Jugendlicher in Bomberjacke und mit lässigem Häkelkäppi beugt sich über die Hand des Mönches. Kurz bevor die Lippen des Jungen seinen Ring berühren, entzieht Vater Diochorus seine Hand und wendet sich dem nächsten zu. Mit einem Bus sind die Jugendlichen aus Kairo gekommen. Geplant war der Ausflug lange vor dem Anschlag von Alexandria. »Aber dass heute so viele mitgefahren sind, liegt an der Angst und der Wut«, sagt der Junge mit Häkelkäppi, der Georges heißt. »Wir müssen jetzt zusammenhalten, und hier im Kloster tanken wir Kraft.«

Die koptische Kirche gibt es bereits seit dem 1. Jahrhundert nach Christus. Der heilige Markus, Verfasser des Markusevangeliums, war der erste Bischof von Alexandria. Er starb als Märtyrer, und nach ihm ist die Kirche benannt, auf die der Anschlag der Silvesternacht verübt wurde. Von Alexandria breitete sich das Christentum schnell aus, und bis zum Eintreffen der islamischen Truppen 641 war ein Großteil der Ägypter christlich. Ab dem 3. Jahrhundert entwickelte sich aus dem Pharaonischen die koptische Sprache, die bis heute in der Messe verwendet wird.