Parteichef René Stadtkewitz stürmt, von seinen Leuten lang erwartet, mit wehendem schwarzen Mantel die Straße hinauf, unterhält sich kurz mit einem Polizisten und verschwindet dann, es ist gegen 18 Uhr, erst einmal in einem vergitterten Mannschaftswagen. Worauf – so ist es in Berlin üblich – draußen die Frotzelei einsetzt, von wegen dass dies ja wohl der kürzeste Auftritt einer politischen Partei gewesen sei, den wir je hatten.

An diesem Abend im Prenzlauer Berg ist die Polizei die Verbündete des Gründers der islamkritischen Partei Die Freiheit , weil sie ihn vor einem lautstarken Trupp junger Linker schützt. Aber sie macht ihm auch klar, dass man nicht ohne Weiteres eine unangemeldete Kundgebung auf der Straße abhält, schon gar nicht auf der Szenemeile Kastanienallee, wo um diese Zeit zipfelbemützte Mütter ihre Kinderwagen nach Hause schieben.

Auch Stadtkewitz wäre lieber im Warmen, genauer gesagt: in der GLS-Sprachenschule, wo am Dienstagabend in einem gemieteten Saal eigentlich der Berliner Landesparteitag der Freiheit hätte stattfinden sollen. Die Schule hatte die Delegierten jedoch ein paar Stunden vor Beginn der Veranstaltung auf die Straße gesetzt. Zwei Tage zuvor war es der Partei mit einem Hotel ähnlich ergangen. Dabei hätte es gar nicht um kontroverse Programmpunkte gehen sollen. Vielmehr um den formellen Beschluss, dass man bei der kommenden Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus antreten will – und um die Frage, ob mit einer Bezirks- oder Landesliste.

200 Mitglieder verzeichnet die Partei inzwischen nach eigenen Angaben in der Hauptstadt, 1200 bundesweit. Ist dies die neue Rechte? Dreißig, vielleicht fünfzig Sympathisanten haben sich am Abend vor der Sprachenschule versammelt. Flyer werden verteilt mit dem Slogan »Keinen Fußbreit den rechtsradikalen Islamfaschisten!«. Denn die seien »antisemitisch«, »frauen- und schwulenfeindlich« und strebten einen »totalitären Gottesstaat« an. Auf der anderen Straßenseite stehen auch Antifaschisten und skandieren: »Nazi – Freiheit – CDU

Die Freiheitspartei ist erst ein paar Wochen alt. Der 45-jährige Ex-Christdemokrat Stadtkewitz hatte sie gegründet, nachdem ihn seine Partei im vergangenen September aus der Fraktion geworfen hatte. Vorausgegangen war Stadtkewitz’ Einladung des niederländischen Rechtspopulisten Geert Wilders nach Berlin. Charakteristisch für die neue Partei ist die sorgfältig eingehaltene Distanz zum klassischen rechtsradikalen Ressentiment und zu dessen aggressiver Folklore. Man versteht sich vielmehr als »liberale Bürgerrechtspartei«, das Feindbild ist der sogenannte politische Islam. Man gibt sich israelfreundlich und europaskeptisch.

Zentraler Programmpunkt ist die Forderung nach harten Zuwanderungsbeschränkungen für Ausländer. Außerdem möchten die Freiheitlichen eine direkte Demokratie nach Schweizer Vorbild einrichten, streben ein bundeseinheitliches Schulsystem an sowie die obligaten Steuersenkungen. Das Programm ist zugeschnitten auf die materiellen und kulturellen Ängste der Mittelschichten. Stadtkewitz behauptet, er habe die Berliner Jugendrichterin Katrin Heisig für seine Partei gewonnen, bevor sie sich umbrachte. Vergeblich bemühte er sich bislang um die Unterstützung Thilo Sarrazins.

An diesem Abend beklagt René Stadtkewitz mit vor Empörung zitternder Stimme den Verlust der Meinungsfreiheit. Die Linken lärmen währenddessen drüben mit Kochgeschirr, die Gewerkschaft ver.di hat einen Propagandawagen geschickt, der mit Rockmusik alles überdröhnt. Die Polizei droht bereits mit Platzverweisen und Gewahrsamnahmen. Die ganze Szene sei, darin sind sich die anwesenden Freiheitlichen einig, ein Zeichen des »Werteverfalls« in Deutschland. Das kleine Pult wird also wieder abgeräumt. Stadtkewitz zieht sich zurück, die Pizzeria, in der man noch eine improvisierte Pressekonferenz abhalten wollte, ist von Demonstranten verstellt. Keiner will an diesem Abend die Eskalation. Der Auftritt der Freiheit währte kaum eine Stunde. Dann gehört die Kastanienallee wieder den Zipfelmützenträgern. Der Parteitag wird nachgeholt. René Stadtkewitz hat keinen Zweifel daran, dass seine Partei bei der Berliner Wahl über fünf Prozent gelangt.