Louis Sarno wurde von den Pygmäen aufgenommen und hütet ihre Kinder © Matthias Ziegler

Der König der Pygmäen ist 1,90 Meter groß, weiß und ein miserabler Jäger. Er kann nicht auf Bäume klettern, keinen wilden Honig ernten, das Wesen der Waldgeister ist ihm fremd, die Frauen kichern über ihn. Singen? Tanzen? Fehlanzeige. Und leicht zu finden ist er auch nicht.

Seit vier Tagen sind wir unterwegs im Kongobecken. Von der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé aus stetig nach Osten, auf roten Schlammpisten immer tiefer hinein in den größten Dschungel Afrikas, im Boot den Sanghafluss hinauf, hinüber in die Zentralafrikanische Republik und auf Waldpfaden bis auf diese Lichtung, wo plötzlich von allen Seiten BaAka-Pygmäen auf uns zuströmen, in zerlumpten Kleidern, die Kinder sind nackt. Klein gewachsene Männer schreien uns an und fuchteln mit ihren Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitz gefeilten Schneidezähnen zerren an unseren Hemden. Der Geruch nach Rauch, nach Schweiß; es ist heiß, überall Fliegen. Über Hütten aus Ästen und Blattwerk türmt sich eine Wolke auf, ein Donner grollt – und genau in diesem Moment löst sich aus dem Unterholz eine hochgewachsene Gestalt.

Wie auf ein geheimes Signal reißt das Geschrei der BaAka ab. Sie bilden eine Gasse, der Mann schreitet hindurch und bleibt direkt vor uns stehen: ein Weißer, zwei Köpfe größer als die anderen, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby, barfuß. Sein nackter Oberkörper ist mit dunklen Flecken übersät. Kahler Kopf, schmaler Oberlippenbart, das Gesicht kantig und spitz wie das einer Ginsterkatze.

Vor uns steht eine Legende: der erste Weiße, den die BaAka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen haben. Ein Verlorener, Verschollener, Wiedergeborener, der monatelang nur Kaulquappen aß, eine BaAka-Frau heiratete, Malaria, Hepatitis, Typhus, Lepra überlebte – und der 400 Stunden einzigartiger Pygmäengesänge aufgezeichnet hat. Vor uns steht der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weiße Pygmäe – Louis Sarno.

Sein stechender Blick durchbohrt uns. Wir kommen unangemeldet. Aber wir haben sein Buch gelesen, Der Gesang des Waldes. »Ein großartiges Werk«, schwärmen wir, »fantastisch geschrieben, bewegend.« Er knurrt zurück: »Dont mention the book!«

Sein Gesicht ist wie versteinert. Gleich dreht er sich um, und unsere Reise quer durch Afrika war umsonst. Da geschieht etwas Eigenartiges: Ein BaAka-Junge, fünf, sechs Jahre alt, greift nach unseren Händen und summt eine eindringliche Melodie. Sarnos Gesichtsausdruck verändert sich. Lächelt er?

Noch bevor das Lied des Jungen verstummt, ist Sarnos Feindseligkeit wie weggezaubert. »Ich wusste nichts über die BaAka, als ich das Buch damals schrieb«, sagt er, und seine Stimme klingt jetzt viel weicher. »Kein Wort mehr darüber.« Wir versprechen es. »König der Pygmäen?«, sagt er auf dem Weg zu seinem Haus und lacht. »Ein blöder Scherz, den man sich in Amerika mit mir erlaubt.«