Aussteiger in Afrika Der größte Pygmäe
Als junger Mann hörte der Amerikaner Louis Sarno einen Gesang, der ihn nicht mehr losließ. Er reiste den Tönen nach, bis zu den Pygmäen im afrikanischen Regenwald. Seit 25 Jahren ist er einer von ihnen.
© Matthias Ziegler

Louis Sarno wurde von den Pygmäen aufgenommen und hütet ihre Kinder
Der König der Pygmäen ist 1,90 Meter groß, weiß und ein miserabler Jäger. Er kann nicht auf Bäume klettern, keinen wilden Honig ernten, das Wesen der Waldgeister ist ihm fremd, die Frauen kichern über ihn. Singen? Tanzen? Fehlanzeige. Und leicht zu finden ist er auch nicht.
Seit vier Tagen sind wir unterwegs im Kongobecken. Von der kamerunischen Hauptstadt Yaoundé aus stetig nach Osten, auf roten Schlammpisten immer tiefer hinein in den größten Dschungel Afrikas, im Boot den Sanghafluss hinauf, hinüber in die Zentralafrikanische Republik und auf Waldpfaden bis auf diese Lichtung, wo plötzlich von allen Seiten BaAka-Pygmäen auf uns zuströmen, in zerlumpten Kleidern, die Kinder sind nackt. Klein gewachsene Männer schreien uns an und fuchteln mit ihren Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitz gefeilten Schneidezähnen zerren an unseren Hemden. Der Geruch nach Rauch, nach Schweiß; es ist heiß, überall Fliegen. Über Hütten aus Ästen und Blattwerk türmt sich eine Wolke auf, ein Donner grollt – und genau in diesem Moment löst sich aus dem Unterholz eine hochgewachsene Gestalt.
Wie auf ein geheimes Signal reißt das Geschrei der BaAka ab. Sie bilden eine Gasse, der Mann schreitet hindurch und bleibt direkt vor uns stehen: ein Weißer, zwei Köpfe größer als die anderen, auf jedem Arm ein Pygmäenbaby, barfuß. Sein nackter Oberkörper ist mit dunklen Flecken übersät. Kahler Kopf, schmaler Oberlippenbart, das Gesicht kantig und spitz wie das einer Ginsterkatze.
Vor uns steht eine Legende: der erste Weiße, den die BaAka in ihr Volk aus Jägern und Sammlern aufgenommen haben. Ein Verlorener, Verschollener, Wiedergeborener, der monatelang nur Kaulquappen aß, eine BaAka-Frau heiratete, Malaria, Hepatitis, Typhus, Lepra überlebte – und der 400 Stunden einzigartiger Pygmäengesänge aufgezeichnet hat. Vor uns steht der musikalische Herodot der zentralafrikanischen Wälder, der weiße Pygmäe – Louis Sarno.
Sein stechender Blick durchbohrt uns. Wir kommen unangemeldet. Aber wir haben sein Buch gelesen, Der Gesang des Waldes. »Ein großartiges Werk«, schwärmen wir, »fantastisch geschrieben, bewegend.« Er knurrt zurück: »Dont mention the book!«
Sein Gesicht ist wie versteinert. Gleich dreht er sich um, und unsere Reise quer durch Afrika war umsonst. Da geschieht etwas Eigenartiges: Ein BaAka-Junge, fünf, sechs Jahre alt, greift nach unseren Händen und summt eine eindringliche Melodie. Sarnos Gesichtsausdruck verändert sich. Lächelt er?
Noch bevor das Lied des Jungen verstummt, ist Sarnos Feindseligkeit wie weggezaubert. »Ich wusste nichts über die BaAka, als ich das Buch damals schrieb«, sagt er, und seine Stimme klingt jetzt viel weicher. »Kein Wort mehr darüber.« Wir versprechen es. »König der Pygmäen?«, sagt er auf dem Weg zu seinem Haus und lacht. »Ein blöder Scherz, den man sich in Amerika mit mir erlaubt.«
- Datum 13.01.2011 - 19:29 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 13.1.2011 Nr. 03
- Kommentare 27
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Sehr gut gelungener Artikel, vielfältige Informationen, verständlich und umfassend, sind im Text eindringlich verarbeitet.
So wird diese kurze Geschichte Sarnos, ebenso wie das heutige Leben der BaAka, welche noch ihre "traditionellen" Strukturen beibehalten haben, in ihrer Dichte schlüssig greifbar.
So entwickelt der Schreibstil für mich eine eigene Melodie im Lesen, wie Sie heute, im Gegensatz z.Bsp. zu vielen deutschen informativen Publikationen früherer Zeiten nur noch selten anzutreffen ist.
Sehr wohltuend zu lesend.
Mit freundlichen Grüßen
Steinager
Eine liebevoll erzählte Geschichte!
Danke für den "Ausflug" an diesem Abend! Meinem Vorkommentator kann ich mich nur anschließen...
Ein herzliches "Danke"
R. Schneider
sicher, schön geschrieben, dieser Beitrag. Inhaltlich gleichwohl, für manche, wohl, erschütternd bzw. ernüchternd, desillusionnierend.
Wie schon in der Bibel es geschrieben steht: Das Verlassen des Paradieses ist mit Verrat und Mord verbunden. Auch bei anderen Urvölkern gibt es viele Menschen, die gern so weiterleben wollen wie bisher. Lieber unbehandelbare Krankheiten - aber ein selbstbestimmtes Leben in der freien Natur! Schon große (gesunde) Tiere sind bzw. verhalten sich ja so: Lieber ein (meist) kürzeres und risikoreicheres Leben in der Freien Natur, als im goldenenen Käfig eines noch so schönen und großzügigen Zoos! Dort geht doch keines freiwillig hin, trotz der regelmäßigen medizinischen Betreuung und den regelmäßigen Fütterungen!
Man hätte die Lebensweise der BaAka auf eine neutralere Weise ebenso informativ beschreiben können. So wie es sich hier liest, entsteht der Eindruck, der Autor hätte eine ähnliche Meinung wie sein Fahrer.
Hier nur drei Beispiele:
- „Klein gewachsene Männer schreien uns an und fuchteln mit ihren Speeren herum. Frauen mit tätowierten Gesichtern und spitz gefeilten Schneidezähnen zerren an unseren Hemden.“
Schreien, fuchteln, zerren? Wieviel menschlicher würden die BaAka hier wirken, wenn andere Verben gewählt worden wären.
- „An einer Feuerstelle zerlegen Frauen mit bloßen Händen eine Ratte.“
Mit was auch sonst? Mit einer Maschine? Im Übrigen sind Buschratten durchaus schmackhaft und eine in West-und Zentralafrika gern gesehene Mahlzeit.
- „Gleich darauf ertönen kurze, spitze Schreie. Die BaAka preschen durch den Wald und schlagen mit Stöcken um sich. (…) Eine der Frauen hebt ihre Keule, ein dumpfer Schlag...“
Schreie, mit Stöcken um sich schlagen, Keule erheben, dumpfer Schlag? Es bleibt dem Leser bei dieser Wortwahl ja keine andere Wahl, als die BaAka für steinzeitlich zu halten.
Schade dass ein so interessantes Thema mit so billigen und reißerischen Mitteln umgesetzt wurde. Wenn man sich die Homepage des Autors zu Gemüte führt, scheint er aber leider genau davon zu leben. Umso trauriger, dass die ZEIT dazu beiträgt, anstatt informative und ordentlich recherchierte Artikel mit weniger Sensationswahn und mehr Hintergrund zu veröffentlichen.
was Sie da hineininterpretieren ist vielleicht ein Aspekt, aber völlig überzogen. Mit welchen Synonymen würden Sie denn das Erschlagen einer Antilope mit ner Keule beschreiben??
Es gibt halt noch "steinzeitliche" Kulturen. Das zu beschreiben ist noch lange keine Respektlosigkeit.
Zerlegen Sie Ihr Hühnchen etwa mit bloßen Händen?? Oder benutzen Sie doch ein Messer. Darf einem Autor so ein Detail auffallen, darf er es beschreiben? Ja!!
Ihr Kommentar ist einfach realitätsfremd. "Schreien fuchteln zerren" beschreibt eine bestimmte Verhaltensweise, die wir eben mit solchen Worten beschreiben.
Mein Güte!
Ich denke, auch wenn Sie sich mit anderen Kulturen/ Religionen beschäftigen, haben Sie persönlich sich schon zu weit in Ihrer eigenen Welt eingerichtet, um weitere Lebenswirklichkeiten noch anders als durch Ihre eigene eingeschränkte Wertigkeit zu betrachten.
- Schreien, fuchteln, zerren, kommt in vielen Kulturen bei der Begrüßung vor, meistens hat dies auch einen Sinn - beschreibungstechnisch, wieviel menschlicher geht denn?
- Ratte mit Händen zerlegen - also ich sehe hier eher Fingerfertigkeit, keinen Makel.
- Dumpfer Keulenschlag - haben Sie in Ihrem Leben schon mal ein Tier geschlachtet? Vermutlich nicht, sonst wären Sie hier (ebenso bei der Ratte) beim Lesen nicht hängengeblieben.
- "..., BaAka für steinzeitlich zu halten." Also ohne steinzeitliche Kulturen zu idealisieren, sind diese so verwerflich, daß man Ihre Beschreibung verfälschen muß? Arbeiten Sie mit Verfälschung um in Ihrem Sinne zu "idealisieren"?
Vielleicht sollten Sie nicht zwangsläufig versuchen, jede Kleinigkeit schon sprachlisch in Ihre persönliche Wertschablone zu pressen, wollen Sie nicht ein trauriges, abwertendes Menschenbild Ihrerseits präsentieren.
PS - Ein durchschnittlicher Leser sollte in der Lage sein, weitere Informationen selbst zu finden. Es handelt sich hier um einen Zeitungsartikel (immerhin 7-seitig), kein Buch.
was Sie da hineininterpretieren ist vielleicht ein Aspekt, aber völlig überzogen. Mit welchen Synonymen würden Sie denn das Erschlagen einer Antilope mit ner Keule beschreiben??
Es gibt halt noch "steinzeitliche" Kulturen. Das zu beschreiben ist noch lange keine Respektlosigkeit.
Zerlegen Sie Ihr Hühnchen etwa mit bloßen Händen?? Oder benutzen Sie doch ein Messer. Darf einem Autor so ein Detail auffallen, darf er es beschreiben? Ja!!
Ihr Kommentar ist einfach realitätsfremd. "Schreien fuchteln zerren" beschreibt eine bestimmte Verhaltensweise, die wir eben mit solchen Worten beschreiben.
Mein Güte!
Ich denke, auch wenn Sie sich mit anderen Kulturen/ Religionen beschäftigen, haben Sie persönlich sich schon zu weit in Ihrer eigenen Welt eingerichtet, um weitere Lebenswirklichkeiten noch anders als durch Ihre eigene eingeschränkte Wertigkeit zu betrachten.
- Schreien, fuchteln, zerren, kommt in vielen Kulturen bei der Begrüßung vor, meistens hat dies auch einen Sinn - beschreibungstechnisch, wieviel menschlicher geht denn?
- Ratte mit Händen zerlegen - also ich sehe hier eher Fingerfertigkeit, keinen Makel.
- Dumpfer Keulenschlag - haben Sie in Ihrem Leben schon mal ein Tier geschlachtet? Vermutlich nicht, sonst wären Sie hier (ebenso bei der Ratte) beim Lesen nicht hängengeblieben.
- "..., BaAka für steinzeitlich zu halten." Also ohne steinzeitliche Kulturen zu idealisieren, sind diese so verwerflich, daß man Ihre Beschreibung verfälschen muß? Arbeiten Sie mit Verfälschung um in Ihrem Sinne zu "idealisieren"?
Vielleicht sollten Sie nicht zwangsläufig versuchen, jede Kleinigkeit schon sprachlisch in Ihre persönliche Wertschablone zu pressen, wollen Sie nicht ein trauriges, abwertendes Menschenbild Ihrerseits präsentieren.
PS - Ein durchschnittlicher Leser sollte in der Lage sein, weitere Informationen selbst zu finden. Es handelt sich hier um einen Zeitungsartikel (immerhin 7-seitig), kein Buch.
weiter mit der Philosphiererei.
Die modernen Menschen, die höherentwickelten, die mit den besseren Waffen also auch, die werten die anderen immer ab - um sich dann deren Lebensressourcen und Lebensraum anzueigenen, mit Gewalt eben oftmals und letztlich immer auch (sicher nicht nur mit dieser!). Die Wildtiere sind halt begrenzt, und andereso vermehrt man sich halt stärker als man sich -ohne Aggression und Betrug gegen andere- durchbringen kann. Kain und Abel - allüberall die Grundlage der menschlichen Entwicklung.
Am Ende steht man bzw. der moderne Weltbürgermensch hochgerüstet und mit einem riesigen Waffenberg und einem Wulst an zivilisatorischen Zwängen in einer stark zerstörten Umwelt da - unglücklich eigentlich - aber länger (behandelt anders krank seiend) lebend undaber in einer viel größeren, ja übergroßen, Population lebend! Die anderen, die ur- und eigentümlich lebenden Menschen sind, die Gesänge und Tänze dieser Urvölker zeigen dies, letztlich "trotz" alledem, (kurzzeitig und kleinzahliger aber eben) insgesamt doch glücklicher oder zumindest ebenso glücklich: Wozu das Ganze, all der gewaltige zivilisatorische Aufwand, eigentlich...?
er gab ja seine Kraft und seine Erfahrung, wie man mit den Höherentwickelten Mitbestien umgehen kann, wie man sich besser gegen diese wehren kann. Da verzichtet dessen Frau also sogar auf die Fähigkeit, aus Baumwipfeln Honig zu holen.
Er bekommt, neben einer urtümlichen Musik und einem einfachen Leben in einer noch intakten Natur (mit einem Kontakt zudem auch noch zur Hochzivilisation!) dann auch noch zwei Kinder, womit er ja immerhin über dem Durchschnitt seiner hochzivilisierten Mitbürger liegt, die darin oft nicht mehr so sehr den Lebenssinn sehen können.
Irgendwo zu bedauern ist dieser Mensch also keineswegs - im Gegenteil. Zu bedauern sind wohl nur diejenigen, die meinen, dass das hiesige, hochzivilisierte, also hochdomestizierte, Leben das beste sei, was es gibt oder geben könne.
Die Trauer über das verlorene Paradies, das, was schon zweitausend Jahre vor uns kluge und führende Menschen z.B. dazu brachte, einen Endzeitpropheten zu vergöttern, welcher meinte, dass sein Reich nicht von dieser Welt sei, eine solche Positionsbestimmung und Gefühlsäußerung hat man also mit der christlichen Religion und anderen ähnlichen Religionen schon lange vorgenommen bzw. dies erkannt und einsehen müssen.
"Herr bleibe bei uns, denn es ist Abend geworden..."
Gibt es eine Möglichkeit, sich diese Gesänge irgendwo anzuhören, im weltweiten elektronischen Kommunikationsnetz vielleichtsogar?
es gibt diverse pygmaeen-aufnahmen auf lp und cd, auch von louis sarno, sicherlich auch im netz.
seit nunmehr zwanzig jahren sammel ich diese musik und es haut mich immernoch jedesmal um - ein grosses geschenk an die menschheit
http://www.npr.org/templa...
es gibt diverse pygmaeen-aufnahmen auf lp und cd, auch von louis sarno, sicherlich auch im netz.
seit nunmehr zwanzig jahren sammel ich diese musik und es haut mich immernoch jedesmal um - ein grosses geschenk an die menschheit
http://www.npr.org/templa...
es gibt diverse pygmaeen-aufnahmen auf lp und cd, auch von louis sarno, sicherlich auch im netz.
seit nunmehr zwanzig jahren sammel ich diese musik und es haut mich immernoch jedesmal um - ein grosses geschenk an die menschheit
war irgendwie auch mein erster gedanke und ich habe mich gewundert, weswegen hier im artikel so gar nichts an hörschnipseln zu finden ist. ich glaube, das hier kommt dem im artikel beschriebenen klang schon ganz nahe:
http://www.soundjunction.org/ba’aka–thesonghindewhu.aspa?NodeID=1
Danke für diesen Tipp.
(Schade dass es keine solchen Urgesänge mehr von unseren Urahnen gibt...)
war irgendwie auch mein erster gedanke und ich habe mich gewundert, weswegen hier im artikel so gar nichts an hörschnipseln zu finden ist. ich glaube, das hier kommt dem im artikel beschriebenen klang schon ganz nahe:
http://www.soundjunction.org/ba’aka–thesonghindewhu.aspa?NodeID=1
Danke für diesen Tipp.
(Schade dass es keine solchen Urgesänge mehr von unseren Urahnen gibt...)
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