DIE ZEIT: Herr Steinhausen, Ihre Firma Olympia-Reisen hat mehr deutsche Touristen nach Russland gebracht als jeder andere Reiseveranstalter. Nun schließen Sie aus gesundheitlichen Gründen das Geschäft. Was werden Sie am meisten vermissen?

Bernd Steinhausen: Da fallen mir zuerst die extremen Sachen ein. Vor ein paar Jahren haben meine Geschäftspartner mich mal zur Gänsejagd nördlich vom Polarkreis eingeladen, das war schon was ganz Besonderes. Haben Sie mal von der Stadt Dikson gehört? Eine ehemalige Polarstation am Eismeer, die zu Sowjetzeiten zum Marinestützpunkt ausgebaut wurde. Die haben das ganze Jahr Frost, weshalb die Stadt auf Betonstelzen errichtet wurde. Unser Jagdrevier lag noch weiter nördlich. Und weil in der Gegend im Vorjahr Jäger von Eisbären gefressen worden waren, hatte man uns einen alten Brotwagen zum Wohnmobil ausgebaut.

ZEIT: Klingt nicht gerade nach einem schönen Urlaubserlebnis.

Steinhausen: Es war unglaublich: Drei Bekloppte in der Einsamkeit. Wir haben gute Beute gemacht, aber darum ging es gar nicht. Auf dieser Reise hatte ich zum ersten Mal das Gefühl: Ich begreife die unglaubliche Weite Russlands, seine gefühlte Unendlichkeit. Und darum geht es doch beim Reisen. Man möchte etwas Einzigartiges erleben.

ZEIT: Doch ist ein Reiseveranstalter nicht in erster Linie Dienstleister?

Steinhausen: Wir müssen dafür sorgen, dass die Leute gut ankommen und dass sie sich sicher fühlen. Aber wenn Sie an den Träumen und Sehnsüchten der Menschen vorbeiplanen, verkaufen Sie gar nichts.

ZEIT: Ihr Vater hat 1963 die erste Moskau-Reise ins Programm aufgenommen. Wie kam er, zwei Jahre nach dem Mauerbau, auf diese Idee?

Steinhausen: Zufall. Mein Vater hatte in Nümbrecht im Bergischen Land ein Busunternehmen und fuhr regelmäßige Touren für den Bund Alter Berliner nach Berlin, abends saß er dann manchmal im Hühner Hugo am Adenauerplatz, das war damals ein bekanntes Lokal. Und dort kam er 1962 mit einem Mitarbeiter der sowjetischen Botschaft in Ostberlin ins Gespräch. Der fragte, ob er nicht Lust hätte, auch mal eine Tour nach Moskau zu organisieren. Ein Jahr später hat mein Vater einen Vertrag mit der staatlichen Reiseagentur Intourist geschlossen.

ZEIT: Hatte Ihr Vater keine Skrupel?

Steinhausen: Mein Vater war nie ein Kalter Krieger. Der hat immer gesagt, wenn die Leute sich kennen, schießen sie nicht aufeinander.

ZEIT: Wer hat an den ersten Russlandreisen teilgenommen?

Steinhausen: Viele Ostpreußen, deren Heimat seit 1945 zur Sowjetunion gehörte. Und auch wenn sie sich da nicht wieder hintrauten oder nicht hindurften, wollten sie doch mal was von diesem großen fremden Land sehen. Aber auch politische Sympathisanten und ehemalige Kriegsgefangene, die warme Gefühle für Russland entwickelt hatten. In den siebziger Jahren kamen dann die Bildungsbürger hinzu.

ZEIT: Was interessierte die am sowjetischen Arbeiter- und Bauernstaat?

Steinhausen: Na, die Kultur natürlich. Das russische Ballett, die Musik, die Literatur faszinierten den Westen seit Jahrhunderten. Viele Leute träumten damals wohl schon lange davon, einmal das Land zu sehen, in dem Krieg und Frieden und Doktor Schiwago spielen. Doch unsere Erfahrung ist: Damit sich der deutsche Studienrat und die Zahnärztin auf so eine Reise trauen, muss die politische Großwetterlage stimmen. Als Reiseveranstalter haben wir enorm von Willy Brandts Entspannungspolitik und später dann von Gorbatschows Perestrojka profitiert. Gorbatschow war der beste Verkaufsleiter, den wir je hatten.