RWE-Chef Jürgen Großmann auf der Jahresbilanzkonferenz seines Unternehmens im vergangenen Februar © Volker Hartmann/AFP/Getty Images

ZEITmagazin: Herr Großmann, Sie sind alleiniger Gesellschafter einer Unternehmensgruppe, stehen in der Liste der reichsten Deutschen an 83. Stelle und sind seit 2007 Vorstandsvorsitzender der RWE. Welche Eigenschaften machten Sie so erfolgreich?

Jürgen Großmann: Die wichtigste ist, dass ich mich nie zufriedengebe. Dass ich laufend Dinge infrage stelle und dabei auch vor der eigenen Person nicht haltmache.

ZEITmagazin: Gab es ein Ereignis, das Sie auf Ihrem Weg besonders geprägt hat?

Großmann: Ja, vor meiner ersten Lateinarbeit unternahm ich mit meinem Vater einen Sonntagsspaziergang. Als er herausfand, dass ich nichts kapiert hatte, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. Er war kein sehr geduldiger Mensch, und es gab Tränen, aber dann hat er sich mit mir hingesetzt und mir erklärt, was Konjugation und Deklination ist. In der Lateinarbeit bekam ich die einzige Eins in der Klasse. Ich bin meinem Vater sehr dankbar für diesen schrecklichen Sonntagnachmittag.

ZEITmagazin: Weil er Sie vor einer schlechten Note gerettet hat?

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Großmann: Weil ich durch ihn eingesehen habe, dass es sich lohnt, sich für etwas anzustrengen. Damals lag das Heft mit der besten Note immer obenauf, wenn der Lehrer hereinkam. Es hat Spaß gemacht, dass das mein Heft war. Ohne meinen Vater wäre meine Schulkarriere sicher anders verlaufen. Er hat mir klargemacht, dass man sich intensiv mit den Dingen beschäftigen muss, dass man sie richtig durchdringen muss.

ZEITmagazin: Seitdem analysieren Sie die Dinge mit scharfem Verstand?

Großmann: Ich bin keiner, der nur kühl analysiert, sondern eher ein emotionaler Typ, der bei Geschäftsentscheidungen auch mal nach der Trial-and-Error-Methode vorgeht. Manche Dinge muss man einfach ausprobieren. Hätte Friedrich der Große McKinsey als Unternehmensberater gehabt, hätte er die Schlacht von Leuthen nie gewagt.

ZEITmagazin: Wie würden Sie sich noch beschreiben?

Großmann: Manche Leute sagen, ich sei barock. Treffender ist, dass ich Freude am Leben habe und sie besonders gern mit anderen teile.

ZEITmagazin: Ist der Geschäftsmann Großmann auch deshalb so erfolgreich, weil es daneben noch den Genussmenschen gibt?

Großmann: Der Genuss ist ein Ausgleich. Eine Opern- oder Theateraufführung gibt Kraft. Auch Essen ist ein Mittel zur Stressbewältigung. Vielleicht habe ich deshalb einiges zugenommen. Maßhalten fällt mir schwer, wenn es mir schmeckt, aber das gilt auch für andere Dinge. Die Menge bringt Befriedigung. Und ich esse immer zu schnell. Das ist fürchterlich.