Im Zentrum der neuen Witzkultur steht die Unterschichtsmutter

Die Witzkultur der Jugendlichen ist schwer in Bewegung. Sehr populär sind derzeit die »Deine Mutter«-Witze, das Internet ist voll von ihnen, auf den Schulhöfen werden sie ausdauernd erzählt. Kleine Auswahl: »Deine Mutter raspelt Kokosnüsse bei Bounty.« – »Deine Mutter heißt Ottfried und ist der Bulle von Tölz.« – »Deine Mutter zahlt die Miete mit Pfandflaschen und kocht auf der Heizung.« Im Grunde sind es Beleidigungen, die im Gewand des Witzes gewagt werden: Deine Mutter ist hässlich, lüstern, dumm, arm und vor allem: dick. »Deine Mutter ist so fett, sie guckt sich die Speisekarte an und sagt dann zum Kellner: Okay.« – »Deine Mutter ist so dick, ihre Blutgruppe ist Nutella.«

Die doofe, lüsterne, dicke Mutter, über die vor allem der Mittelschichtsnachwuchs so gern lacht, ist zweifellos eine Unterschichtsmutter, eine RTL-II-Tussi. Und der neue Mutter-Witz ist ein Spiel um den sozialen Abstieg, ein spaßhaftes Hinabstoßen. Wer über die Mutter Witze erzählt, schubst das Kind am Bungee-Seil in die soziale Tiefe.

Mittlerweile hat sich das Genre des Mutter-Witzes im Slang der Jugendlichen zur Redensart zugespitzt. Wer einen anderen in die Schranken weisen will, raunt ihm ein kühles »Ey, deine Mutter« zu, und schon ist der Gegner angezählt: Dicker, ich weiß alles über dich!

Sein aggressives Potenzial rückt »Deine Mutter« als Demütigungsfloskel in die Nähe des unter Jugendlichen nahezu unersetzlichen »Du Opfer«. Das »Opfer« hat sein Gesicht verloren, weil es von anderen gemobbt wurde; der Mensch, dem man ein »Ey, deine Mutter« überbrät, hat gar kein Gesicht, das er verlieren könnte. Es reicht, so eine Mutter zu haben, nämlich eine Unterschichtsmutter, um sein Gesicht mit der Geburt verloren zu haben.

Das hingemurmelte »Deine Mutter« ist, genau genommen, die bürgerliche Schwundform einer Beleidigung aus dem Ghetto (»Ey, Alter, ich f--- deine Mutter«) und insofern eine Angeberei. Es könnte aber auch eine verlegene Geste der Entwaffnung sein. Es könnte sein, dass junge Deutsche den Mutterkult junger »Südländer« (Verehrung der eigenen Mutter bei gleichzeitiger Verwünschung der Feindesmutter) nachspielen und ins Absurde treiben.

Noch etwas anderes, Abgründigeres steckt im deutschen Mutter-Trashtalk, nämlich die Anspielung auf allseits verfügbares Geheimwissen. Wer »Deine Mutter« sagt, sagt eigentlich: Ich kenne deine wunden Punkte, ich kann dich jederzeit hochgehen lassen! Schon entsteht eine Atmosphäre der Drohung – so wie in der schönen Wolfgang-Hildesheimer-Geschichte aus der Nachkriegszeit, in der ein Mann wahllos die Nachbarn in seiner Straße anruft und ihnen sagt: »Die Sache ist aufgeflogen, Sie müssen sofort verschwinden«, um dann mit Behagen zuzusehen, wie alle Angerufenen die Flucht ergreifen. Insofern ist »Deine Mutter« der Spruch fürs Facebook-Zeitalter, also für eine Epoche, in der jede Person zum transparenten Datenbündel wird. Es ist ein Leichtes, alles über dich zu wissen und dich nackt über den Marktplatz zu treiben. Auch das meint der Warnspruch »Ey, deine Mutter«: Bürschlein, du bist längst durchschaut!